Kolumne Kopfwelten Hitlers Erbe


70 Jahre ist der Beginn des 2. Weltkriegs her. Muss sich auch die Internet-Generation noch schuldig fühlen für die Verbrechen ihrer Urgroßväter? Neue psychologische Forschungen geben eine Antwort.
Von Frank Ochmann

Siebzig Jahre ist es her, seit deutsche Truppen Polen überfielen und damit den Zweiten Weltkrieg begannen. Das Elend, für das ein solcher Gedenktag steht, ist noch vielen Menschen nahe und sitzt wie ein Stachel in ihrer Seele. Weltumspannend, von Danzig über Auschwitz, Stalingrad und Hiroshima bis zu den Stränden der Normandie. Beinahe beliebig könnte diese Liste des Grauens erweitert werden. Und doch wird schon bald niemand mehr am Leben sein, der an diesen Orten war, als der Krieg tobte.

Was wird dann? Wird es nur noch ein paar Jahre dauern, bis der Zweite Weltkrieg in unseren Köpfen genauso weit weg ist wie die napoleonischen Schlachten, der Prager Fenstersturz oder die Feldzüge der Römer? Nur zu verständlich, dass diese Sorge schwer auf den noch lebenden Opfern lastet. Keiner will und kann sich einfach damit abfinden, dass im Nebel der Geschichte versinkt, was unter Schmerzen an Unrecht, Angst und Gewalt erlitten wurde. Es sind ja nicht nur irgendwelche Erinnerungen, die zu verblassen drohen, sondern solche, die ein ganzes Menschenleben unauslöschlich prägen.

Und wir auf der anderen Seite, die wir zum "Volk der Täter" gehören, wie es oft heißt? Wir senken auch diesmal das Haupt, wie es sich gehört. Und sei es nur, damit man die Leere in unseren Mienen nicht so leicht entdecken kann. Oder etwa nicht?

Gedenken darf nicht in Ritualen erstarren

Da muss niemand gleich von Heuchelei reden. Natürlich ist es richtig, Jahr für Jahr Kränze niederzulegen und auch kollektiv an die tiefen Wunden zu denken, die damals gerissen wurden. Aber gerade weil diese Taten so unbeschreiblich sind und ganz und gar unvorstellbar für Generationen, die selbst bislang nur den Frieden erlebt haben - und sich dafür nicht entschuldigen müssen! -, darf solches Gedenken nicht in Ritualen erstarren.

Wir müssen unbedingt fragen, welche Bedeutung die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und seine Gräuel für uns, die Nachgeborenen, noch hat oder haben kann. Und wir müssen ehrlich antworten, nicht mit vorgefertigten Formeln und gefälligen Floskeln, bei denen wir nichts riskieren und zugleich nichts an uns heranlassen. Wem sollte damit gedient sein?

Kann es wirklich sein, dass eine durch persönliche Missetaten erwirkte Schuld vererbt wird und darum Menschen trifft, die sich selbst - zumindest in dieser Hinsicht - nichts vorzuwerfen haben? Ist das nicht absurd? Stehen die Folgegenerationen nicht allesamt, wie der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl 1984 im israelischen Parlament gesagt hat, unter der "Gnade der späten Geburt"?

Die psychologischen Wissenschaften hatten lange Zeit wenig zu solchen Fragen beizusteuern. Es dauerte bis in die 1990er Jahre, bis Schuld wieder ein nennenswertes Interesse unter den Erforschern der menschlichen Psyche fand. Und da gab es durchaus Spannendes und Klärendes zu entdecken.

Schuld sagt etwas über die Tiefe einer Beziehung aus

Zum Beispiel, dass Schuld so gut wie immer einen sozialen Rahmen hat, in dem sie auftritt: Ich bin oder fühle mich nicht schuldig, weil mich das plötzlich trifft wie ein Regenschauer oder weil es mir von höherer Stelle befohlen wurde. Ich fühle mich schuldig, weil ich Menschen geschadet habe, die mir nahestehen. Das ist ein entscheidender Punkt: Schuldgefühle sagen etwas über die Tiefe der Beziehung aus, die zwischen Menschen und auch zwischen Menschengruppen besteht.

Selbst experimentell ist inzwischen klar, dass solche Gefühle auch dann aufkommen können, wenn man sich selbst nichts hat zuschulden kommen lassen, aber zu einer Gruppe gehört, die in der Vergangenheit einer anderen Gruppe geschadet hat. Genau darum geht es bei der Frage, ob ich mich als Deutscher heute noch mit Verbrechen befassen muss, die vor Jahrzehnten und sogar vor meiner Geburt begangen wurden. Ja, ist die klare Antwort, die sozialpsychologische Studien wie die von Bertjan Dossje von der Universität Amsterdam hervorbringen.

Und damit keiner auf den Gedanken kommt, der Niederländer Dossje habe genüsslich allein in der deutschen Schuld gewühlt: die hier angesprochenen Studien wurden am Beispiel der niederländischen Kolonialisierung des heutigen Indonesien durchgeführt. Für Holländer gilt in dieser Hinsicht dasselbe wie für Deutsche: Solange ich mich einer Nation oder irgendeiner anderen Gruppe zugehörig fühle, kann ich mich aus deren Geschichte nicht verabschieden - selbst wenn ich es gern möchte.

Wie die fremde Schuld zur eigenen wird

So wird also allein schon über meine soziale Identität die Schuld der anderen auch zu meiner eigenen. Und spätestens dann ist Schluss mit der "Gnade der späten Geburt". Sollen wir also für alle Zeiten im Büßergewand herumgehen, nur weil "deutsch" in unserem Ausweis steht?

Wer das fordert oder befürchtet, hat noch nicht viel kapiert. Schuld ist von ihrem evolutionären Ursprung als "moralischer Affekt" her ein aufbauendes Gefühl, kein zerstörendes. Sie verbindet, statt zu trennen und hilft Gräben des Misstrauens zu schließen. Schuld - auch die "nur" historische, kollektiv ererbte Schuld von Nachgeborenen - bietet immer die Chance eines Neubeginns, wenn sie nicht verdrängt wird.

Womöglich ist sie am Anfang der einzige Grund, sich überhaupt miteinander zu befassen. Aber erst dadurch wird es möglich, in den Bedürfnissen, Hoffnungen und Ängsten der anderen auch die eigenen zu erkennen. Mit der Entdeckung der Ähnlichkeit aber wächst allmählich auch die innere Nähe.

Ähnlichkeiten zwischen "denen" und "uns" entdecken

Zu bestreiten, dass der andere wie ich ist, zu denselben Gedanken und Gefühlen fähig wie ich selbst, ermöglicht es Tätern, ihren Opfern leichteren Gewissens schaden zu können - es waren ja "nur" Polen, "nur" Juden, "nur" Penner oder Geisteskranke, die es traf.

Solche Prozesse der vorbereitenden Entwertung werden aber auch in umgekehrter Richtung beobachtet. Denn ist für ein Opfer die Bestie immer nur Bestie und nicht wirklich Mensch, stellt sich kaum noch die Frage der Vergebung und der Versöhnung. Auch das ist eine Form von Verdrängung und Verweigerung, mag sie auch noch so verständlich sein.

Je mehr es aber gelingt, das Gemeinsame und sogar die Ähnlichkeiten zwischen "denen" und "uns" zu entdecken, desto wahrscheinlicher wird die Versöhnung zwischen Gruppen, die durch ihre leidvolle gemeinsame Geschichte getrennt waren. Das schafft Nähe. Und neue Nähe ist der beste Schutz vor neuen Gräuel.

Literatur:

Baumeister, R. F. et al. 1994: Guilt: An Interpersonal Approach, Psychological Bulletin 115, 243-267

Castano, E. & Giner-Sorolla, R. 2006: Not Quite Human: Infrahumanization in Response to Collective Responsibility for Intergroup Killing, Journal of Personality and Social Psychology 90, 804-818

Doosje, B. et al. 1998: Guilt by Association: When One's Group Has a Negative History, Journal of Personality and Social Psychology 75, 872-886

Doosje, B. et al. 2006: Antecedents and Consequences of Group-Based Guilt: The Effects of Ingroup Identification, Group Processes & Intergroup Relations 9, 325-338

Lickel, B. et al. 2006: Vicarious Retribution: The Role of Collective Blame in Intergroup Aggression, Personality and Social Psychology Review 10, 372-390

Wohl, M. J. A. & Branscombe, N. R. 2005: Forgiveness and Collective Guilt Assignment to Historical Perpetrator Groups Depend on Level of Social Category Inclusiveness, Journal of Personality and Social Psychology 88, 288-303


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