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Kopfwelten: Die Wut nach dem 11. September

Hundertausende von Kurznachrichten wurden unmittelbar nach den Terroranschlägen von 2001 verschickt. Psychologen haben sie jetzt untersucht - und festgestellt, dass ein Gefühl überwog.

Von Frank Ochmann

Es ist 8 Uhr 55 und 33 Sekunden, als eine Textnachricht von "Joe Q" eintrifft: "Explosion im World Trade Center. Halte dich fern. Ruf an." Kurz darauf folgen von irgendwoher kryptische Nachrichten wie "SE15~emsbd02~ncserver ncserver: The process ncserver is". Dann wird "Rudy" informiert, dass "Vera" sich für diesen Tag krank gemeldet hat. Und etliche andere Empfänger erhalten eine Erinnerungs-SMS, die Einnahme ihrer Medikamente nicht zu vergessen.

Viele Tausende von kurzen Textbotschaften werden am Morgen dieses 11. September kreuz und quer durch die USA gesendet, und mit der Zeit konzentrieren sich die Nachrichten auf Handy oder Pager inhaltlich immer stärker auf die Terroranschläge, die ab etwa neun Uhr das Land erschüttern. "Flugzeug schlug vor 15 Minuten im Pentagon ein. Kann dich nicht erreichen. Alle Telefonleitungen gestört. Ich liebe dich. Cheryl"

Eine halbe Million Kurznachrichten

WikiLeaks, die Internetplattform zur Veröffentlichung geheimer Dokumente, für die von den Aktivisten ein öffentliches Interesse angenommen wird, hatte Ende 2009 rund eine halbe Million solcher kurzen Nachrichten auf einer eigenen Internetseite veröffentlicht. Twitter oder Facebook gab es 2001 noch nicht, und so dokumentieren allein diese Textbrocken ziemlich lückenlos und unmittelbar, wie sich die Menschen in den Stunden nach den Angriffen gefühlt haben.

Für sich besehen ist das Ganze allerdings nur ein Zeichenwust. Um die darin verborgenen wissenschaftlichen Schätze zu bergen und wie in einem Querschnitt Einblicke in die Gefühlslage eines ganzen Volkes zu gewinnen, haben Psychologen der Universität Mainz unter der Leitung des erst vor wenigen Monaten berufenen Juniorprofessors Mitja Back eine Computeranalyse des Rohmaterials vorgenommen. Dabei wurde nach bestimmten Schlüsselwörtern gesucht, die unterschiedlichen Emotionen zugeordnet werden können.

Das Ergebnis ihrer Daten hat die Mitglieder des Teams erstaunt. Sollte ein solcher Terrorschlag wie der vom 11. September nicht zuerst Angst unter den Menschen hervorrufen? Und dann auch Trauer wegen all der Opfer? Beide Emotionen zeigen sich natürlich auch in den untersuchten Kurzbotschaften. Angst flackert auf, als die Flugzeuge in die Türme des Word Trade Center rasen und ins Pentagon, dann wieder beim Einsturz der Türme und auch, als klar wird, dass es Terroristen waren, die diese Verbrechen begangen haben und womöglich noch weitere begehen würden. Doch die Angst zeigt sich in Spitzen und flacht dann jeweils schnell wieder ab. Ein Gefühl aber nimmt von der ersten Nachricht der Attentate an zu und übersteigt bald alle anderen mit großem Abstand: Wut.

Warum sie die Nachrichten öffentlich machten, schreiben die Herausgeber von WikiLeaks 2009 auf der Homepage: "Das Archiv ist eine vollständig objektive Aufzeichnung des prägenden Augenblicks unserer Zeit. Wir hoffen, dass sein Eingang in die historischen Quellen zu einem nuancierten Verständnis führen wird, wie dieses Ereignis zu Tod, Opportunismus und Krieg führte."

Wut verhärtet die Fronten

Ein Schritt in diese Richtung ist mit der Mainzer Analyse nun getan. Und das Ergebnis mag auf den ersten Blick überraschend sein. Es passt aber zu dem, was auch bislang bei Überlebenden und Angehörigen beobachtet wurde. Bei Erwachsenen - anders als bei Heranwachsenden - steigerten sich noch Monate nach den Angriffen die Gefühle, die sie damit in Verbindung brachten. Auch die Wut. Von der ist aus anderen Untersuchungen bekannt, dass sie Aggressionen befördert, die Möglichkeit, eine andere Perspektive einzunehmen, verringert und dazu auch ein Wertesystem ins Konservative verschieben kann. Das alles betrifft zunächst nur Einzelne. Doch es ist wichtig, diese Beobachtungen mit der immensen medialen Aufarbeitung der Ereignisse und dem Phänomen der "emotionalen Ansteckung" zusammenbringen, wie sie vielfach und in ganz unterschiedlichen Situationen zu beobachten ist. Dann wird allmählich deutlich, wie sich in einer Gesellschaft, ja sogar international eine Stimmung ausbilden kann, die letztlich zum Krieg führt und zur Bereitschaft Freiheiten und Werte aufzugeben, die vermutlich nur Tage zuvor von vielen als unverzichtbar eingestuft worden wären. Die Verallgemeinerung von Ressentiments und Vorurteilen ist ein weiterer Effekt, den Ärger und Wut wenn schon nicht auslösen, so doch verstärken können.

Wenn es den Terroristen darauf ankam, die Fronten zu verhärten, dann haben sie dieses Ziel zweifellos erreicht. Und die Analyse der kurzen Nachrichten, die unmittelbar während der Anschläge gesendet wurden, vermittelt nun einen ersten Eindruck, wie das geschah. Letztlich ist es eine ganze weltpolitische Lage, die nun im Keim und wie mit der Lupe untersucht werden kann.

Literatur

  • Back, M. T. et al. 2010: The Emotional Timeline of September 11, 2001. Psychological Science (im Druck, online vorab: doi:10.1177/0956797610382124)
  • Bonanno, G. E. & Jost, J. T. 2006: Conservative Shift Among High-Exposure Survivors of the September 11th Terrorist Attacks. Basic and Applied Social Psychology 28, 311-323
  • Levine, L. et al. 2005: Looking Back on September 11, 2001: Appraised Impact and Memory for Emotions in Adolescents and Adults. Journal of Adolescent Research 20, 497-523
  • Mohr, P. et al. 2007: The role of perspective taking in anger arousal. Personality and Individual Differences 43, 507-517
  • WikiLeaks 2009: 9/11 tragedy pager intercepts