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Kopfwelten: Klimaschutz darf auch Spaß machen!

Alle reden vom Klima, doch kaum einer macht etwas. Warum ist das so? Der Umweltschutz kommt zu miesepetrig daher. Es wird Zeit für mehr Anreize und weniger Horrorszenarien.

Von Frank Ochmann

Rational gesehen gibt es viele Gründe, sich für die Verminderung des von uns verursachten Kohlendioxid-Ausstoßes in die Atmosphäre einzusetzen. Die möglichen Gefahren eines verstärkten Treibhaus-Effektes auf Erden sind der derzeit prominenteste. Ein anderer, nicht weniger wichtig, ist der Versuch, sich von fossilen Energiequellen weitgehend unabhängig zu machen - aus politischen Motiven mit Blick auf die uns vielleicht nicht immer wohlgesonnenen Lieferländer und schlicht auch, weil diese Ressourcen endlich sind und wir uns für die Zeit danach etwas Intelligentes einfallen lassen sollten. Jedenfalls dann, wenn wir es weiter warm haben und mobil bleiben wollen.

Das grundsätzliche Ziel, sich aus dem wissenschaftlich längst noch nicht ergründeten Kohlenstoffkreislauf technologisch weitmöglichst zu verabschieden, werden darum wohl auch die begrüßen, die mit den derzeit gängigen Analysen und Prognosen des Klimawandels das eine oder andere Problem haben. Und warum fällt es dann trotzdem so schwer, auf einen Nenner zu kommen?

Verbote führen zu einer breiten Front des Widerstandes

Vielleicht würde das ja leichter fallen, wenn Klimaschutz nicht oft so miesepetrig und lustfeindlich daherkäme. Angela Merkel hat das am vergangenen Wochenende ebenfalls angesprochen: Viele Menschen verbinden mit Konferenzen wie dem Gipfel in Kopenhagen die Sorge, es kämen vor allem Einschränkungen auf sie zu. Ein Paradebeispiel ist die von der EU verbotene Glühbirne. Wenn Brüsseler Behörden, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit ihren Bezügen und dem Krümmungsgrad von Gurken befassen, beim Klimaschutz zu allererst das ins Visier nehmen, was uns Licht in dunkle Zeiten bringt, muss sich keiner über eine breite Front des Widerstandes wundern. Und auch nicht über Hamsterkäufe von Glühbirnen, die vermutlich eine Versorgung bis ins nächste Jahrhundert sicherstellen.

Auch jetzt bei den Berichten vom Klimagipfel in Kopenhagen kann man leicht den Eindruck gewinnen, manche dieser sanft lächelnden Apostel eines CO2-neutralen Evangeliums wären erst zufrieden, wenn wir nicht nur sofort das Fliegen und Autofahren einstellen würden, sondern am besten auch gleich noch das Atmen. Schließlich entweicht uns auch dabei Kohlendioxid.

Der Mensch will gewinnen, nicht nur verlieren

Na gut, vielleicht ist das ein bisschen unfair. Wer soll sich denn für das Gute einsetzen, wenn nicht Menschen mit Begeisterung und Eifer? Doch lehrt die Erfahrung - und auch die Psychologie -, dass es den meisten von uns deutlich mehr Freude macht, einem Anreiz nachzulaufen, als vor einer Drohung in die Knie zu gehen. Positive Gefühle suchen wir zeitlebens. Und etwas gewinnen zu können, macht eindeutig mehr Spaß als Verzicht. Natürlich kann man das moralinsauer als habgierig oder egoistisch abtun. Doch wer etwas gewinnen kann, wird sich Mühe geben, das geforderte Ziel auch zu erreichen. Wer immer nur verlieren kann, wird am Ende vermutlich depressiv und apathisch.

Karotte statt Stock

Dass es auch ganz anders (und besser …) geht, ließ sich vergangenes Jahr in San Francisco beobachten. Im März 2008 organisierte der Kommunikationsprofi mit Stanford-Abschluss Brent Schulkin den ersten "Carrotmob". Der Name sagt es: Locken, nicht drohen - Karotte statt Stock. Oder mit Schulkin: Wenn das Problem ist, dass die Wirtschaft für Geld alles tut, dann ist das auch die Lösung des Problems. Denn dann macht die Wirtschaft auch alles für Geld.

Ein Vorschlag: Bieten wir also dem Geld, der sich sozial, umweltverträglich oder sonst wie am vorbildlichsten verhält! Wie das geht? Indem sich alle zu einem "mob" organisieren, die das auch wollen und dem mit ihrem Geld die Bude einrennen, der zum Beispiel am überzeugendsten bereit ist, Kohlendioxid zu reduzieren oder Energie zu sparen. Koordiniert wird ein solcher Mob über die sozialen Netzwerke des IT-Zeitalters. Einfinden allerdings muss sich dann jeder noch persönlich und mit seinem Portemonnaie deutlich machen, wie sehr er sich über soziales Engagement freut. Und es klappt, wie viele mobs inzwischen weit über die USA hinaus beweisen. Eben wurde in Bangkok der erste asiatische carrotmob zusammengebracht.

Stoppt das Niedernörgeln!

Nun kann man natürlich einwenden, das mag bei Kneipen funktionieren oder Reformhäusern, aber nicht im großen Maßstab. Selbst wenn das stimmen sollte, haben carrotmobs immer noch den Charme, dass sie ein wichtiges Prinzip auf angenehme und eben nicht miesepetrige Art vermitteln. Sie packen das kapitalistische System bei den Hörnern, statt es niedernörgeln zu wollen. Im Kleinen funktioniert das schon mal prächtig. Und wo die Grenze nach oben ist, wird sich zeigen. Letztlich liegt sie wohl da, wo die Überzeugung der Mitmacher zu versiegen droht. Denn deren Energie kommt ausschließlich aus dem Gefühl, aus bestem Gewissen das Richtige zu tun und sicher auch aus der Erfahrung, damit nicht allein zu sein. Der "warm glow" im Gehirn, die gefühlsmäßige Belohnung dafür, nach eigener Überzeugung auf der moralisch richtigen Seite zu stehen und damit auch noch Erfolg zu haben, ist ein enormer Kraftspender, wie Untersuchungen bis zurück in die 1970er Jahre gezeigt haben. Letztlich könnte sich dieser Effekt sogar auf die übertragen, die zunächst nur hinter dem schnöden Mammon her sind. Warum also sollte ein Großversuch von vornherein zum Scheitern verurteilt sein? Der Glaube versetzt Berge, heißt es. Dann kann geballte Überzeugung gepaart mit einem pragmatischen Willen vielleicht auch Großes bewegen. Aufzuhalten ist eine so attraktive Idee ohnehin nicht mehr. Und bislang haben sich die Damen und Herren in den Führungsetagen der Wirtschaft doch immer noch sehr offen für Bonuszahlungen gezeigt, nicht wahr? Es könnten einem darum neben dem Klimaschutz noch etliche andere Ziele einfallen, die sich so vielleicht nachdrücklicher vermitteln ließen als mit Sitzstreik und Trillerpfeife.

Literatur:

Homepage des Erfinders von "carrotmob"
Facebook-Seite zum carrotmob
Brent Schulkin erklärt sein Karrotten-Prinzip im Internet
Der erste deutsche carrotmob in Berlin, 13.6.2009
Lee, F. 2009: Der Möhrenmob, TAZ v. 12.6., S. 14
Isen, A. 1970: Sucess, Failure, Attention, and Reaction to Others: The Warm Glow of Success. Journal of Personality and Social Psychology 15, 294-301
Heiskanen, E. et al. 2009: Low-carbon communities as a context for individual behavioural change. Energy Policy (im Druck, online vorab: doi:10.1016/j.enpol.2009.07.002)
Narvaez, D. 2008: Triune ethics: The neurobiological roots of our multiple moralities. New Ideas in Psychology 26, 95–119
Nunes, P. A. L. D. & Onofri, L. 2004: The Economics of Warm Glow: A Note on Consumer’s Behavior and Public Policy Implications. Social Science Research Network Electronic Paper Collection: http://ssrn.com/abstract=593681
Scannell, L. & Grouzet, F. M. E. 2010: The metacognitions of climate change. New Ideas in Psychology 28, 94-103