Kopfwelten Lieber tot als missachtet

Seit Anfang 2008 haben sich 25 Beschäftige der France Télécom umgebracht
Seit Anfang 2008 haben sich 25 Beschäftige der France Télécom umgebracht
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Je perspektivloser, abgewerteter und isolierter sich Menschen fühlen, desto höher ist ihr Risiko zu erkranken. In besonders dramatischen Fällen - wie bei der Selbstmordserie von Angestellten der France Télécom - erlischt am Ende sogar der Lebenswille.
Von Frank Ochmann

Erst wurde das Problem geleugnet, jetzt soll eine Milliarde Euro Abhilfe schaffen. In etwa soviel Geld will die Führung von France Télécom investieren, um für die rund 100.000 Beschäftigten Arbeitsbedingungen zu schaffen, bei denen die Angestellten möglichst nicht gleich in Serie auf den Gedanken kommen, sich das Leben zu nehmen.

Seit Anfang 2008 haben sich 25 Beschäftigte umgebracht. Für Unternehmen dieser Größe sei das gar nicht außergewöhnlich, hatte noch vor Wochen der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Louis-Pierre Wenes die Situation herunterzuspielen versucht. Tatsächlich liegt die jährliche Selbstmordrate in Frankreich bei etwa 26 von 100.000 Männern. Bei den Frauen beträgt diese Rate nur ein Drittel, liegt damit aber im Rahmen dessen, was von der Statistik überall in Europa zu erwarten ist.

Als dann allerdings kurz darauf ein 51-jähriger Familienvater von einer Autobahnbrücke in den Tod sprang und in einem Abschiedsbrief unerträgliche Zustände bei France Télécom als Grund angab, war Wenes seinen Job los. Seitdem bemüht sich die Firmenspitze um Schadensbegrenzung bei ihrem international ins Gerede gekommenen Unternehmen.

Ist wirklich alles nur eine Frage der Statistik? Oder kann eine Selbsttötung vielleicht ansteckend wirken? Theoretische Modelle und auch konkrete Beobachtungen lassen vermuten, dass es solche Effekte - vermittelt durch sensationsheischende Medienberichte zum Beispiel - tatsächlich gibt. Doch ist das allein noch keine erschöpfende Erklärung. Denn die allermeisten, die von der Suizidwelle hören, erschauern zwar, bringen sich aber deswegen nicht gleichfalls um. Selbst dann nicht, wenn sie bei der France Télécom arbeiten und unter der Atmosphäre dort ähnlich schwer leiden wie ihre aus dem Leben geschiedenen Kollegen.

Gesundheit und Geborgenheit hängen zusammen

Zwar kann der Suizid des einen einem anderen den Gedanken nahebringen, ebenfalls Hand an sich zu legen. Doch ist es immer eine Reihe tiefer wurzelnder und wenigstens teilweise wechselwirkender Gründe, die aus der Idee schließlich eine Tat werden lassen. Genetische Vorbelastungen, neurobiologische Störungen der Stressverarbeitung oder psychiatrische Erkrankungen zählen ebenso dazu wie die schon erwähnten "Vorbilder" und auch das, was Mediziner eine "psychosoziale Krise" nennen. Passen die weiteren Faktoren, kann ein berufliches Ereignis wie die Entlassung oder eine als Degradierung empfundene Versetzung zum Auslöser eines Suizidversuches werden.

Seit längerem beobachten Mediziner und Psychologen einen Zusammenhang zwischen der Gesundheit und dem sozialen Zusammenhalt, der Geborgenheit, die Menschen am Arbeitsplatz, zuhause oder auch allgemein in ihrer Gesellschaft erfahren. Je tiefer dieses Gefühl von Sicherheit und Getragenwerden ist, desto positiver wirkt sich das auf die Gesundheit aus. Unglücklicherweise gilt diese Verknüpfung aber auch in der umgekehrten Richtung: Abgewertet und abgeschoben zu werden, schlägt uns womöglich auf den Magen, ganz sicher aber schwer auf das Gemüt. Mit solcher Wucht womöglich, dass es einer einfach nicht mehr aushält.

Den fatalen Zusammenhang zwischen Suizid und sozialem Kapital hat jetzt ein psychiatrisches Team vom University College in der irischen Hauptstadt Dublin für elf Länder Europas untersucht. Das Ergebnis dieser Analyse kam nicht allzu überraschend: Je höher das Grundvertrauen in einem Land ist, desto niedriger fällt die Rate der Selbsttötungen aus. Legt man diese finstere Zahl als Indikator zugrunde, lebt es sich in Großbritannien am besten (10,8 Selbstötungen pro Jahr auf 100.000 Einwohner bei den Männern (m), 3,3 bei den Frauen (w)), in Finnland am schlechtesten (31,7 (m), 9,4 (w)). Deutschland liegt mit Quoten von 19,6 (m) und 6,6 (w) im Mittelfeld. Und auch Norwegen, das im UNO-Vergleich das Land mit der höchsten Lebensqualität weltweit ist, schafft es in der jetzt vorgelegten Untersuchung nur ins obere Mittelfeld - was deutlich macht, wie vielfältig offenbar die Ursachen des Suizids sind.

Clique ist nur ein Trostpflaster

Wenigstens ein Gegenmittel liegt nach solchen Zahlen auf der Hand, sollte man meinen: Menschen müssen in Gemeinschaften eingebunden werden, um so über hinreichend hohes soziales Kapital auf dem Konto ihrs Lebensmutes zu verfügen. Doch das könnte zu kurz gedacht sein, wie eine vor kurzem veröffentlichte kanadische Studie nahelegt.

Demnach kommt es beim sozialen Kapital nicht nur auf dessen Höhe an, sondern auch darauf, wem dieses Gefühl der Verbundenheit zu verdanken ist. In jedem Fall sind es zuerst einmal die, zu denen sie gehören. Das finden die meisten auch prima, solange diese Gruppe, zu der sie zählen, eine mit hohem gesellschaftlichen Status ist. Da stärkt dann das soziale Kapital das Ego der Einzelnen: Mitglieder solcher Gruppen "haben es zu etwas gebracht im Leben". Entsprechend stolz dürfen sie auf die soziale Zuwendung sein, die ihnen von den Ihren zuteil wird und die auf sie wie ein Orden für ihre Tüchtigkeit wirkt.

Und die anderen? Die im Schatten? Auch sie haben ihre Cliquen und Clubs, in denen sie gemeinsam durch die Fährnisse des Lebens zu kommen versuchen. Doch liegt über allem das Wissen, "unten" zu sein. Wer hier anerkannt ist und Zuwendung erfährt, kann dadurch leicht den Eindruck gewinnen, ein für alle Mal abgeschrieben zu sein für die da "oben", die im Licht. Soziales Kapital spenden sich auch die "Abgehängten" und "Prekären". Doch hat es dort offenbar den Glanz verloren, mit dem es in den höheren gesellschaftlichen Etagen strahlt. Unten wirkt es allenfalls noch wie ein seelisches Trostpflaster für Menschen, die sich im Innersten für Versager halten. Und manchem ist das offenbar einfach zu wenig für den Rest seiner Tage.

Literatur:

Hawton, K. & Van Heeringen, K. 2009: Suicide, Lancet 373, 1372-1381
Kelly, B. D. et al. 2009: Social capital and suicide in 11 European countries: an ecological analysis, Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology 44, 971-977
Lindstrom, M. & Mohseni, M. 2008: Social capital, political trust and self-reported psychological health: A population-based study, Social Science & Medicine 68, 436-443
Mesoudi, A. 2009: The Cultural Dynamics of Copycat Suicide, PloS ONE 4, e7252
Moore S. et al. 2005: The Privileging of Communitarian Ideas: Citation Practices and the Translation of Social Capital Into Public Health Research, American Journal of Public Health 95, 1330-1337
Moore, S. et al. 2009: Not all social capital is good capital, Health & Place 15, 1071-1077
Noh, Y.-H. 2009: Does unemployment increase suicide rates? The OECD panel evidence, Journal of Economic Psychology 30, 575-58


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