Kopfwelten Strafe muss sein

Das wichtigste Problem der Finanzkrise ist nicht die materielle Not, in die wir weltweit geraten könnten. Schlimmer ist der Verlust von Vertrauen und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und international - die Vernichtung "sozialen Kapitals".
Von Frank Ochmann

Josef Ackermann scheint zu ahnen, dass die Finanzkrise nicht ohne persönliche Folgen bleiben kann. Jedenfalls ließ der Chef der Deutschen Bank verlauten, er werde in diesem "schwierigen" Jahr auf fällige Bonuszahlungen in Höhe von "einigen Millionen" verzichten. Bei der miesen Stimmung in diesen Tagen braucht es halt ein Zeichen guten Willens, wird er sich gedacht haben.

Opfere ich mit großer Geste, dann werden sich die da draußen schon wieder beruhigen und wie gewohnt ihren Pflichten als Bürger und Bankkunden nachkommen.

Doch das Kalkül aus dem Management-Seminar geht nicht auf, wie es scheint. Die Volksseele kocht weiter, und in den Talkrunden erwecken selbst wirtschaftsnahe CDU-Politiker wie Norbert Röttgen inzwischen den Eindruck, sie hätten das Parteiprogramm der "Linken" in der Sakkotasche. Warum so aufgeregt? Weil es längst nicht mehr nur um das Kapital geht, das von Bankern in den USA und anderswo im Renditerausch verzockt worden ist. Es geht um immenses "soziales Kapital", das gleich mit vernichtet worden ist.

Der Begriff ist schon rund hundert Jahre alt, findet aber vor allem seit den 1990er Jahren großes Interesse unter Soziologen und Sozialpsychologen. Vereinfacht gesagt: Je verlässlicher die (für alle geltenden!) Regeln einer Gemeinschaft eingehalten werden, desto wohler werden sich die Menschen fühlen, die in dieser Gemeinschaft leben. Das "soziale Kapital" dieser Gesellschaft ist dann so etwas wie die Summe der guten Gefühle, ein Maß für das gegenseitige Vertrauen und die Sicherheit. In diesen Tagen aber ist es nicht weit her mit den guten Gefühlen in unserer Gesellschaft.

Mit einem "Das wird schon wieder!" ist es nicht getan. Das "soziale Kapital" ist auch ein Maß für die Stabilität einer Gesellschaft, ein Maß für den Zusammenhalt von Menschen, ein Maß für Fairness und Gerechtigkeit.

Natürlich gibt es auch Neid

Welchen Eindruck muss dann einer gewinnen, der von US-Managern hört, deren heruntergewirtschaftetes Versicherungsunternehmen AIG eben durch einen Milliardenzuschuss aus der Staatskasse vor dem völligen Ruin gerettet wurde, und die sich nur Tage später einen Luxusaufenthalt in einem kalifornischen Nobelhotel genehmigen? Auf der Rechnung für neun Tage, die inzwischen auch den amerikanischen Kongress beschäftigt, stehen zum Beispiel rund 25.000 Dollar für den Wellnessbereich, 7000 Dollar fürs Golfen.

Was für Gefühle werden solche Rechnungsposten ihrer Oberen wohl bei denen machen, die ihren Job verloren haben, die ihre Cents zusammenkratzen müssen, um sich und ihre Familien über Wasser zu halten? Wie stark werden sich diese Menschen mit denen im kalifornischen Wellnessbereich noch verbunden fühlen? Wie hoch ist wohl das "soziale Kapital" dieses Unternehmens? Natürlich gibt es auch einfach Neid. Aber damit lässt sich nicht jede negative Regung abtun, die derzeit bei denen auszumachen ist, die sich schlicht und einfach angeschmiert fühlen von "denen da oben". So genannte Spieltheoretiker befassen sich seit langem damit, was passiert, wenn sich nicht alle an die Regeln einer Gemeinschaft halten. "Free rider" oder "defector" werden die zumeist genannt, Trittbrettfahrer, Abtrünnige, Überläufer, Verräter letztlich. Denn was allen gemeinsam schien, wurde verraten. Vertrauen wurde missbraucht und verspielt. Von Bankern, die Kunden in unsichere Anlagen lockten. Von Händlern, die solche Anlageprodukte entwarfen, um Kunden hinters Licht zu führen.

Die Regeln müssen für alle gleichermaßen gelten

Auf solch einen Regelbruch aber kann es auch aus sozialpsychologischer Sicht nur eine Antwort geben, wenn weiterer Schaden abgewendet werden soll: Strafe. Nicht eine symbolische Strafe, wie sie sich Josef Ackermann verordnet hat. Wirklich Strafe. Die Verursacher der Krise, die "free rider" und Verräter am Gemeingut, müssen durch Strafe so hart getroffen werden, dass sich wieder der Glaube an den Wert unserer für alle und für alle gleichermaßen geltenden Regeln breit machen kann.

Und niemand soll sagen, das seien nur billige Racherufe aus den unteren Rängen, in denen man die hohe Finanzkunst ohnehin nicht verstünde. Es sind die Menschen in diesen Rängen, die nun zur Kasse gebeten werden. Und es sind dieselben Menschen, ohne deren Unterstützung eine Gesellschaft untergeht.

Dass dann einer wie Peter Sodann, Tatort-Kommissar und Präsidentschaftskandidat der "Linken", den Wunsch äußert, einmal als echter Kommissar Josef Ackermann verhaften zu dürfen und von Seiten der NPD dafür auch noch "umarmt" wird, zeigt nur, wie tief die Krise tatsächlich ist, in der wir uns befinden. Nein, es ist nicht zu spät. Aber es ist höchste Zeit, die Signale genau zu beobachten, die uns den Stand des sozialen Kapitals anzeigen.

"Mir wird langsam Angst um dieses Land", sagt Josef Ackermann. Mit dieser Einschätzung steht er sicher nicht allein.

Literatur:

Backhaus, M. et al.: "Herr Dr. Ackermann, was bedeutet Geld für Sie?", BamS v. 19.10.2008, 6-9
Halpern, D. 2005: Social Capital, Cambridge, UK: Polity Press
Kurzban, R. et al. 2007: Audience effects on moralistic punishment, Evolution and Human Behavior 28, 75-84
Putnam, R. D. 2000: Bowling Alone, New York: Simon & Schuster


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