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Kopfwelten: Wenn sich Armut im Kopf festsetzt

Die Nachricht klang gut: In Deutschland leben weniger Kinder in Armut als bislang angenommen. Ein Grund, sich zu freuen? Nein. Jedes arme Kind ist eines zuviel. Denn Spuren des Sozialstatus lassen sich bis tief ins Hirn verfolgen.

Von Frank Ochmann

Arm zu sein, bedeutet mehr als wenig Geld zu haben.

Arm zu sein, bedeutet mehr als wenig Geld zu haben.

Für manchen klang die Meldung vor einigen Tagen wohl wie eine Entwarnung. War die Quote der Kinderarmut bei uns für das Jahr 2009 noch mit 16,3 Prozent angegeben worden, wurde sie nun nachträglich auf etwa zehn Prozent gesenkt. Ein Berechungsfehler sei der Grund für den zu hohen Wert gewesen, hieß es vergangene Woche. Zurzeit seien sogar nur 8,3 Prozent der Kinder als arm zu bezeichnen. Noch einmal Glück gehabt?

Ich habe an dieser Stelle schon einige Male das Thema Kinderarmut und deren Folgen aufgegriffen, weil es von so herausragender Bedeutung ist - dafür, wie sich Menschen in unserer Gesellschaft entwickeln, und damit auch dafür, wie sich unsere Gesellschaft insgesamt entwickelt. Eine weitere Studie bestätigt nun die Befürchtungen, die vor allem Psychologen schon seit einigen Jahren hegen: Dass die Armut nicht nur im Portmonaie, sondern auch direkt in den Köpfen der Menschen zu finden ist. Die dort entdeckten Defizite sind in diesen Fällen nicht etwa Ursache der Armut, was zumindest auch denkbar wäre, sondern sie sind deren Folge. Bei Kindern lässt sich das besonders deutlich zeigen.

Sozialer Status wirkt sich auf Gehirnstruktur aus

Die offizielle Berechnung der Armutsgrenze ist kompliziert und richtet sich nach vielen Faktoren. Die werden teils wissenschaftlich, teils auch nach der jeweiligen politischen, manchmal sogar international vereinbarten Richtlinie gewichtet. So kommt es zu einer Einkommensgrenze, ab der für die Betroffenen eine Armutsgefährdung oder auch Armut angenommen wird. Sieht man sich die entsprechenden Berichte an, geht es vor allem ums Geld, um die "monetäre Armut", wie das amtlich heißt. Genau besehen, steht das Einkommen eines Menschen aber für mehr als seinen Kontostand: Wir alle haben einen "sozioökonomischen Status". Das heißt: Zum Geld und zum Lebensstil kommt das - davon nicht unabhängige - Ansehen durch die anderen. Und erst alles zusammen sagt einigermaßen umfassend etwas darüber aus, wer wir sozial gesehen sind.

Wenn es also auch schwer sein dürfte, eine genaue, von allen akzeptierte Grenze für die Armut zu finden, so ist wissenschaftlich inzwischen unumstritten, dass es irgendwo in den Niederungen einen Sozialstatus gibt, der einem Menschen schwer zu schaffen machen kann. Das ist nicht nur eine Floskel und beschränkt sich auch nicht auf eine rein äußere psychologische Beurteilung eines Menschen, der aufgrund seiner Situation womöglich niedergeschlagen ist. Der Stress des geringen sozialen Ansehens scheint sich vielmehr direkt und zumindest in der Statistik nachweisbar ins Gehirn zu brennen.

Hippocampus reagiert auf Stress

Wissenschaftler der University of Wisconsin in Madison und der Harvard University um den Psychologen und Anthropologen Seth Pollak haben sich der Frage angenommen, ob die soziale Situation eines Kindes einen messbaren Einfluss auf ein ganz bestimmtes Hirnareal hat: den Hippocampus. In beiden Hirnhälften befindet sich diese Struktur etwa auf Höhe der Schläfen tief in unseren Köpfen. Weil sich das Gehirn im Laufe der Evolutionsgeschichte von innen nach außen entwickelt hat, gehört der Hippocampus zu den alten Arealen. Vereinfacht gesagt verbindet er Vergangenheit und Zukunft. Wurde der Hippocampus früher vor allem mit der Gedächtnisbildung in Verbindung gebracht, wächst in der Wissenschaft inzwischen auch seine Bedeutung für unser persönliches Bild von der Zukunft und ihren Möglichkeiten. Das ist kein Widerspruch zur Funktion für das Gedächtnis. Denn wie sollten wir künftige Chancen und Gefahren anders einschätzen können als im Licht unserer Erfahrungen und damit all der Erinnerungen, die sich in unserem Gedächtnis niedergeschlagen haben?

Der Hippocampus ist aber nicht nur für eine Vielzahl von Hirnfunktionen wichtig, er reagiert zudem empfindlich auf Stress, wie sich im Tierexperiment ebenso zeigte wie bei Untersuchungen am Menschen. Auch darum galt das Interesse der Forschungsgruppe diesem Areal im Gehirn. Denn, so die Vermutung, sozialer Stress, der die Hirnentwicklung von Kindern beeinflussen kann, sollte sich gerade an einer solchen zentralen Stelle im Kopf nachweisen lassen. Dabei konnten die Wissenschaftler auf eine Datenbank zurückgreifen, die von den amerikanischen National Institutes of Health aufgebaut worden war, um die Entwicklung des gesunden menschlichen Gehirns zu dokumentieren. Mehr als 300 Kinder und Jugendliche wurden in die Studie einbezogen, von denen die Lebensverhältnisse ebenso bekannt waren wie eingehende Untersuchungen ihres Gehirns.

Graue Substanz wächst mit Einkommen

Und die bestätigten den anfänglichen Verdacht der Forscher: Der Anteil der grauen, neuronenhaltigen Substanz im Hippocampus - sowohl insgesamt, als auch für beide Hirnhälften einzeln - wuchs mit dem Einkommen der Familien, aus denen die Kinder stammten. Natürlich gab es eine enorme Streuung, so dass im Einzelfall Kinder aus begüterten Familien nicht überragend viel graue Substanz aufwiesen. Doch der grundsätzliche Zusammenhang bleibt davon unberührt: Die Ausbildung des kindlichen Hippocampus hängt offensichtlich (auch) vom Familieneinkommen ab. Bei einem benachbarten Areal - der Amygdala - wurden solche Zusammenhänge bei einer Vergleichsuntersuchung nicht entdeckt.

Was heißt das nun? Vor allem wohl das: Wir können gar nicht genug auf der Hut sein, wenn es darum geht, die Startchancen eines Kindes zu gestalten. Das gilt ganz allgemein und auch unabhängig davon, ob die Armutsquote gerade über oder unter zehn Prozent liegt. Richtig, es geht nicht nur ums Geld. Doch wird eine Gesellschaft, die jungen Menschen die frühe Entwicklung beschneidet, die Rechnung dafür Jahre später präsentiert bekommen. Kurzfristig mag es einer Regierungspolitik entgegenkommen, ein paar Euro mehr aus den Sozialkassen als große Tat hinzustellen. Langfristig kann dies das Fundament unserer Gesellschaft angreifen. Und das sagen inzwischen nicht "linke Spinner" oder unverbesserliche Sozialromantiker, sondern Hirnforscher. Jedes Kind, das in Verhältnissen aufwachsen muss, die es unter seine Möglichkeiten drücken, ist ein armes Kind zuviel.

Literatur

  • Buckner, R. L. 2010: The Role of the Hippocampus in Prediction and Imagination. Annual Review of Psychology 61, 27-48
  • Deutscher Bundestag 2008: Lebenslagen in Deutschland - Dritter Armuts- und Reichtumsbericht. Drucksache 16/9915
  • Grabka, M. & Frick, J. R. 2010: Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen. Wochenbericht des DIW Berlin 7, 2-11 (siehe auch
  • "> Pressemitteilung vom 6.5.2011)
  • Hanson, J. L. et al. 2011: Association between Income and the Hippocampus. PLoS ONE 6(5): e18712
  • McEwen, B. S. & Gianaros, P. J. 2011: Stress- and Allostasis-Induced Brain Plasticity. Annual Review of Psychology 62, 431-445
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