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Kopfwelten: Woran es hapert bei Deutschen und Türken

Lässt es sich psychologisch erklären, wieso sich das Mit- und Nebeneinander von Deutschen und Türken oft schwierig gestaltet? Zum Merkel-Besuch in der Türkei sucht stern-Autor Frank Ochmann Antworten.

Der Besuch von Kanzlerin Angela Merkel in der Türkei findet dieser Tage in einer nicht eben gemütlichen Atmosphäre statt. Abgesehen vom Ob und Wann eines EU-Beitritts geht es bei den strittigen Fragen vor allem um jene Türken, die sich bereits nach Europa aufgemacht haben. Gut zweieinhalb Millionen Menschen türkischer Abstammung leben heute allein in Deutschland. Doch das Mit- und Nebeneinander erweist sich oft als schwierig, obwohl etliche Zuwanderer aus dem Land am Bosporus schon vor Jahrzehnten kamen. Von "Integrationsproblematik" ist dann die Rede, wenn "Menschen mit einem Migrationshintergrund" in der neuen Umgebung nicht recht dazugehören oder nicht dazugehören wollen. Und schon das sprachliche Herumgeeiere mit derart sperrigen Begriffen zeigt, wie heikel die Lage ist.

Annäherung muss jedenfalls sein, soll es mit dem Zusammenleben auf Dauer klappen. Da sind sich die meisten einig, mögen die Wege auch noch sehr unterschiedlich beurteilt werden. So oder so ist damit auch eine Angleichung gemeint, auch wenn keineswegs klar ist, wer sich wann und wie weit auf den anderen zubewegen sollte. Vom "Kopftuchstreit" bis zur jüngsten Kontroverse, dem Gerangel um türkische Schulen oder gar Universitäten auf deutschem Boden, reicht das Spektrum der Reizungen. Doch warum muss Veränderung überhaupt sein? Warum kommen wir mit dem Anderen und auch den Anderen zumeist nur schlecht zurecht? Und spätestens an diesem Punkt gibt es keine Trennung mehr, und Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft stehen vor genau denselben Fragen.

Warum gilt immer "Mir san mir"?

Dass Menschen - und auch ihre tierischen Verwandten - durchweg dazu neigen, die eigene Gruppe zu favorisieren und zu deren Mitgliedern wenigstens im statistischen Mittel netter und hilfsbereiter zu sein als zu Gruppenfremden, ist seit langem bekannt. Und auch unter Laborbedingungen lässt sich dieses Phänomen mit künstlich zusammengewürfelten Gruppen bestätigen. Durchweg gilt bayrisch lakonisch: "Mir san mir".

Aber das allein erklärt noch nicht ganz, warum wir es unter Unseresgleichen besonders kuschelig finden. Anfang der 1990er Jahre begannen Psychologen, sich intensiver mit einem Phänomen zu beschäftigen, das "Metakognition" heißt. Unser Kopf verarbeitet nämlich nicht nur Informationen von draußen und schätzt ab, was in den nächsten Augenblicken so zu erwarten ist. Er beobachtet sich dabei auch selbst.

"Metakognition" bedeutet in diesem einfachen Sinn: Unser Gehirn bekommt ein Gefühl dafür, wie leicht oder schwer es ihm fällt, bestimmte Aufgaben zu lösen oder Vorhersagen zu treffen. Und diese Einschätzung fließt als bedeutender Faktor in alle möglichen Urteile mit ein, die wir tagtäglich zu treffen haben. Was es uns leicht macht, findet auch unsere Sympathie. Das gilt sogar für moralische Fehltritte - zum Beispiel Seitensprünge. Kommen sie häufig vor und sind darum ein gewohntes und leicht wiedererkennbares Verhaltensmuster, hält sich unser Kopf nicht lange damit auf und billigt sie beinahe widerstandslos.

Die wichtigste Aufgabe für ein soziales Lebewesen ist es, andere einzuschätzen, ihr Verhalten zu analysieren, Stimmungen nachzuempfinden und vorherzusagen, was sie gleich und vielleicht auch noch ein bisschen später tun werden. Insgesamt muss jedenfalls zumindest eine grobe, unter Umständen aber lebenswichtige Bewertung vorgenommen werden: Freund oder Feind?

Das Gehirn ist faul

Es versteht sich von selbst, dass solche Bewertungen bei einem Menschen, den wir nie zuvor gesehen haben, komplizierter sind als etwa beim langjährigen Lebenspartner, der uns kaum noch überraschen kann. Das mag jetzt einigen zwar langweilig erscheinen. Unser Gehirn ist für solche Gewöhnungen aber sehr empfänglich und geradezu dankbar. Nicht zuletzt deshalb, weil uns die Faulheit in die Hirnwindungen geschrieben ist.

Psychologen sprechen vom "hedonischen Prinzip". Was uns anstrengt, kommt demzufolge emotional längst nicht so gut an wie alles, was glatt und problemlos durchs Neuronennetz flutscht. Und womit haben wir es besonders leicht? Mit allem, das wir kennen. Deshalb lieben wir Prototypen. Und da wir mit uns selbst die längste Zeit im Leben verbringen und auch die meiste Erfahrung haben, ist alles, was uns selbst ähnelt, besonders leicht einzuschätzen, kostet also auch am wenigsten Hirnschmalz. Eine solche Leichtigkeit des Seins versetzt uns darum sofort in gute Laune. Am schönsten ist es doch daheim, nicht wahr?

Wie ist das also beim Umgang mit Menschen, die anders aussehen als wir, deren Mimik und Gestik wir vielleicht nicht recht verstehen und die kein einziges Wort in unserer eigenen Sprache herausbekommen? Solche Menschen machen uns viel Mühe und darum eher selten gute Laune. Das mögen wir nicht, und ziemlich schnell folgt daraus: Die mögen wir nicht. Nicht unbedingt weil wir Rassisten, Nationalisten oder sonstwie ideologisch Verblendete wären, sondern allein schon, weil Fremde und Andersartige uns beim unvermeidlichen Einschätzen unseres Gegenübers und seiner Pläne mehr Mühe im Kopf machen, als uns lieb ist. Und am liebsten ist es uns halt, gar keine Mühe auf uns nehmen zu müssen. Kann man sich nicht innerlich dagegen stemmen, weil man als halbwegs gebildeter und toleranter Zeitgenosse von der Notwendigkeit eines kulturellen Mit- und Nebeneinanders überzeugt ist? Kann man. Um sich als halbwegs gebildet und tolerant darstellen zu können zum Beispiel. Nur sollte man nicht glauben, dass das tief im Kopf auch noch Spaß macht.

Auch Vorurteile sind verbreitet

Ein australisch-britisches Forscherteam angeführt vom Sozialpsychologen Mark Rubin von der University of Newcastle, New South Wales, hat den Zusammenhang zwischen faulem und ablehnendem Gehirn kürzlich bei mehreren Experimenten in Augenschein genommen und bestätigen können. Das heißt nicht, die schon früher beobachteten schönenden Vorurteile gegenüber den "Unsrigen" und die miesmachenden gegenüber allen anderen gäbe es nicht. Sie sind sogar verbreitet. Doch dazu kommt ein Faktor, der bislang noch selten bedacht wird, aber enormen Einfluss auf unsere Einstellungen und unsere sozialen Urteile hat: unsere notorische Unlust, mehr zu leisten als unbedingt erforderlich.

Wer anders ist - egal wie anders -, ist allein deshalb lästig und geht uns auf die Nerven. Türken den Deutschen und Deutsche den Türken. In dieser Hinsicht sind wir ganz und gar gleich.

Literatur:

  • Alter, A. & Oppenheimer, D.M. 2009: Uniting the Tribes of Fluency to Form a Metacognitive Nation. Personality and Social Psychology Review 13, 219-235
  • Laham, S. M. et. al. 2009: Easy on the mind, easy on the wrongdoer: Discrepantly fluent violations are deemed less morally wrong. Cognition 112, 463-466
  • Rubin, M. et al. 2010: A processing fluency explanation for bias against migrants. Journal of Experimental Social Psychology 46, 21-28
  • Winkielman, P. et al. 2003: The Hedonic Marking of Processing Fluency: Implications for Evaluative Judgment. In: Musch, J. & Klauer, K. C. (Hgg.): The Psychology of Evaluation - Affective Processes in Cognition and Emotion. Mahawa, N.J.: Lawrence Erlbaum Associates, 189-217
  • Winkielman, P. et al. 2006: Prototypes Are Attractive Because They Are Easy on the Mind. Psychological Science 17, 799-806