HOME

Stern Logo Kolumne Kopfwelten

Kopfwelten zu Thilo Sarrazins Thesen: Ja, Deutschland wird untergehen

Der Gedanke, einmal nicht mehr zu sein, ist schwer zu verkraften. Also flüchten wir uns in weltanschauliche Schutzräume, die Stabilität versprechen. Demagogen wie Thilo Sarrazin nutzen solche Ängste.

Von Frank Ochmann

Als am 11. September 2001 die Türme des New Yorker World Trade Center in sich zusammensanken, wiederholten Kommentatoren diesen Satz wie ein Mantra: "Nichts wird von nun an mehr sein, wie es einmal war." Und etliche bekommen wohl auch heute noch eine Gänsehaut, wenn sie sich daran erinnern.

Dabei ist diese Feststellung eine Binsenweisheit. Leben ist immer Veränderung. Zu keiner Zeit ist irgendetwas noch genau so, wie es zuvor war. Intellektuell sehen wir das ja auch ein. Doch Gefallen finden wir deshalb nicht daran. Was wir im Grunde unseres Herzens suchen, ist Stabilität und vor allem eine möglichst weitgehende Kontrolle über die Verhältnisse, in denen wir leben. Und so war es wohl auch das, was viele im September 2001 am meisten irritierte: mit bohrenden Schmerzen in der Seele einsehen zu müssen, dass auch das Herz der westlichen Kultur als vermeintlicher Garant unseres Wohlstandes und unserer Sicherheit verwundbar ist.

Was die Gewissheit des Todes mit uns anstellt

Wir müssen nicht erst Geschichte studieren, um festzustellen, dass bislang kein Staat, kein Volk, keine Kultur auf diesem Planeten dauernden Bestand hatte. Und es besteht darum auch kein vernünftiger Grund, ausgerechnet von Deutschland und den Deutschen das Gegenteil anzunehmen. Das sehen wir verstandesmäßig natürlich ebenfalls ein. Aber auch das passt uns nicht. Zumindest wollen wir nicht dabei sein, wenn einmal nichts mehr so ist, wie es uns heute doch ziemlich gut gefällt. Als zutiefst soziale Wesen verstört uns der zumindest auf längere Sicht unvermeidliche Untergang der eigenen Gruppe nicht weniger als das eigene Ende.

Seit beinahe 25 Jahren beschäftigen sich Psychologen systematisch mit der Frage, was die Gewissheit des letzten denkbaren Kontrollverlustes - unseres Todes also - im Laufe des Lebens mit uns anstellt. Dabei bestätigte sich in Dutzenden von Studien und Experimenten, was wir auch spüren, wenn wir in uns gehen: Schon vor dem Tod trifft uns nichts schlimmer als der Tod. Und darum dreht sich vieles in unserem Leben - auch da, wo wir es nicht gleich vermuten - um die Frage, wie wir Beständigkeit in ein unvermeidlich unbeständiges Dasein bringen.

Je fremder, desto bedrohlicher

Vor diesem Hintergrund unserer unablässigen Suche nach Sicherheit und Stabilität ist es nur zu verständlich, dass uns innerlich alles in die Quere kommen kann, das fremd ist und unberechenbar. Und je fremder, desto unberechenbarer und potenziell auch bedrohlicher ist etwas - sind andere. Natürlich trifft die Sorge vor der Zukunft nicht jeden gleich heftig. Das Selbstbewusstsein spielt als Stabilisator der Seele eine wichtige Rolle. Wer innerlich stark ist, kann sich dem Unbekannten gegenüber offener geben als jemand, der in der nagenden Angst lebt, beim sozialen Vergleich den Kürzeren zu ziehen.

Was das mit Thilo Sarrazin und der von ihm ausgelösten Debatte um die Zukunft unseres Landes zu tun hat? Sarrazin ist seit längerem für einen Teil in unserer Gesellschaft einer, der mutig gegen die "political correctness" ausspricht, was andere sich allenfalls zu denken trauen. Und wir müssen nach den vorigen Überlegungen nicht mehr lange raten, für welchen Teil unserer Gesellschaft das gilt: für all jene nämlich, die sich zumindest in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht fühlen, für die vor allem, die für sich und ihre Familien befürchten, keinen sicheren Stand im Leben zu finden. Und das sind viele Millionen im Land von Hartz-IV, von Altersarmut und Überschuldung, von dreistelligen Milliardensummen als Hilfe für verzockte Banken- oder Staatsvermögen und leeren Kassen für Kindertagesstätten, Bildung und Kultur.

Die eigene Schwäche ist das größte Hindernis

Es sind solche, durchaus begründeten Ängste, derer sich Thilo Sarrazin bedient, wenn er mit dem Ende der (bisherigen) Gesellschaft droht. Dabei greift er die konkreten Ängste vor Arbeitslosigkeit oder Altersarmut auf und mischt sie mit einem diffusen Unbehagen gegen alles Fremde, das jeder Veränderung im Wege steht. So geht Thilo Sarrazin vor, und so geht auch ein x-beliebiger fundamentalistischer Prediger vor. In Kreisen des Islam und anderswo. Wer Ängste zu schüren weiß, zieht die Aufmerksamkeit jener auf sich, die ohnehin schon Angst haben. Beim einen füllt das die Moscheen oder Kirchen, beim anderen steigert es die Buchauflage. Das Muster der Verführung aber ist dasselbe.

Ihr vermutlich größter Schaden: Sie erschwert das Zusammenwachsen in einer Gesellschaft wie der unseren, die um diesen Prozess gar nicht herumkommt. Und nicht die Stärke der anderen ist dabei das größte Hindernis, so zeigen viele Untersuchungen, sondern die eigene Schwäche. Wie gut sich die Neuen in einer Gesellschaft einleben können, so belegt auch eine aktuelle kanadische Untersuchung der Psychologen Darcy Dupuis und Saba Safdar, hängt davon ab, wie groß die Angst vor Veränderung und damit letztlich die Angst vor dem eigenen Untergang ist. Auf allen Seiten gilt das.

Wo also unter uns die Angst vor einem neuen, noch nicht gänzlich einschätzbaren Deutschland Überhand nimmt - und Sarrazinsche Thesen entsprechend Unterstützung finden - offenbart sich die innere Schwäche und das mangelnde Selbstbewusstsein der Menschen im alten Deutschland. Und das ist wirklich eine Gefahr.

Literatur

  • Dupuis, D. & Safdar, S. 2010: Terror management and acculturation: Do thoughts of death affect the acculturation attitudes of receiving society members? International Journal of Intercultural Relations 34, 436-451
  • Greenberg, J. et al. 1986: The causes and consequences of the need for self-esteem: A terror management theory. In: Baumeister R. F. (Hg.): Public self and private self. New York: Springer, 189-212
  • Schimel, J. et al. 1999: Stereotypes and Terror Management: Evidence That Mortality Salience Enhances Stereotypic Thinking and Preferences. Journal of Personality and Social Psychology 77, 905-926
  • Vail III, K. E. et al. 2010: A Terror Management Analysis of the Psychological Functions of Religion. Personality and Social Psychology Review 14, 84 -94
  • Weise, D. R. et al. 2009: Interpersonal Politics - The Role of Terror Management and Attachment Processes in Shaping Political Preferences. Psychological Science 19, 448-455