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Kopfwelten zur Islam-Diskussion: Zu Hause und doch im Exil

Wulffs Rede zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung kann nicht darüber hinwegtäuschen: Wir leben in einer tief erschütterten Gesellschaft. Viele finden hierzulande kaum noch eine geistige Heimat.

Von Frank Ochmann

Es hatte so schön angefangen. Den Gästen auf den Einheitsfesten wurde es warm ums Herz bei den Erinnerungen an Mauerstürmer und Trabikolonnen. Und der neue Bundespräsident Christian Wulff bekam in Bremen die Chance, sich durch eine herausragende Rede vor allem Volk als des Amtes würdig zu erweisen. Doch als die Gäste gingen, war die Geschichte einer zunächst harmonischen Geburtstagsfeier noch nicht zu Ende geschrieben. Nicht einmal zwei Tage später, als die Gegner des Wulff'schen Auftritts allmählich aus der Deckung kamen, kippte die Stimmung und offenbarte, wie weit Rede und Realität auseinanderliegen.

Wulff habe wohl vor allem zu den Konservativen im Land gesprochen, um ihnen "ein paar Grundwahrheiten" in Sachen Zuwanderung und Integration beizubringen, spöttelte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin. Sollte es tatsächlich so gewesen sein, hat der Lehrer der Nation allerdings kläglich versagt. Denn flugs sind wir zurück bei den Debatten, die Wochen zuvor Thilo Sarrazin ausgelöst hatte und die durch den Berliner Auftritt des niederländischen Politikers und scharfen Islamkritikers Geert Wilders vergangenen Samstag neu auflebten. Zwei Drittel der Deutschen sind jedenfalls Umfragen zufolge nicht der Auffassung ihres Präsidenten, dass der Islam inzwischen "zu Deutschland gehört". Aber warum?

Die britischen Sozialpsychologen Henri Tajfel und John Turner haben sich bereits vor etwa 30 Jahren mit der Frage befasst, was dieses "gehört zu" eigentlich bedeutet und wie es sich in unserem Leben, im Umgang miteinander zeigt. Daraus entwickelte sich die Theorie der "sozialen Identität". Ihr Kern: Wer wir sind, auch in unserer Selbstwahrnehmung, hängt entscheidend davon ab, zu welchen Gruppen wir uns zugehörig fühlen - und welchen Gruppen wir uns gegenüber sehen. Selbstfindung und Abgrenzung können also nicht getrennt werden. Inzwischen hat es zahlreiche empirische, auch experimentelle Bestätigungen für diese Annahme gegeben. Und es dürfte uns auch aus eigener Erfahrung kaum schwer fallen, die Bedeutung unserer eigenen Gruppenbindungen einzusehen.

Was kümmert den Festredner die Realität?

Stellen wir Wulffs Aussage vom Islam, der angeblich nun zu Deutschland gehöre, vor diesen Verständnishintergrund, lässt sich begreifen, warum dieser Satz auf so massive Ablehnung stößt. Und warum zugleich die Zustimmung für Thilo Sarrazins These vom Deutschland, das sich abschafft, so groß ist. Denn was bei den Menschen als präsidiale Botschaft ankam, war das: "Der Islam gehört zu eurer sozialen (deutschen) Identität." Selbst der freundlichste Kontakt zum Gemüsetürken um die Ecke aber löst diese Behauptung nicht ein. Sie hat mit der Lebenserfahrung der allermeisten Deutschen schlicht nichts zu tun. Der Islam ist eben nicht Teil ihres Lebens, ihrer Identität. Erfahrbar wird er für sie nur im Gegenüber und somit zumindest anfangs auch in der Fremdheit. Doch was schert die Realität einen Festredner?

Das öffentliche Befremden zumindest über diesen Redeinhalt des Bundespräsidenten vom 3. Oktober ist Ausdruck einer viel grundlegenderen Fremdheit, die sich so offenbart. Wulff hat in einem weiteren Fall bestätigt, dass es den politisch Verantwortlichen kaum noch gelingt, sich in die reale, konkrete, alltägliche Lebenswelt ihres Volkes hineinzudenken. Wie fühlt sich das denn da "unten" an, wenn eine Ministerin ihr neues Hartz-IV-Konzept vorstellt, als sei sie in der "Sendung mit der Maus" und dabei glauben machen will, ein Plus von fünf Euro monatlich sei ein echter Gewinn für die davon Abhängigen?

Und man mag vom Stuttgarter Hauptbahnhof und seinen architektonischen Möglichkeiten halten, was man will. Dass er in diesen Tagen zum Symbol für die Kluft zwischen einem sich unverstanden fühlenden Volk und einer sich ebenso unverstanden fühlenden politischen Führung geworden ist, lässt sich nicht bestreiten. Selbst Ministerpräsident Stefan Mappus versucht das schon gar nicht mehr und sucht einen Vermittler. Wie aber soll der Verlust an Vertrauen wieder gut gemacht werden, den Wasserwerfer und Knüppel "bürgerlichen" Demonstranten aus der "Mitte der Gesellschaft", nicht aber dem "schwarzen Block" genommen haben?

Zusammengehörigkeitsgefühl löst sich auf

Eine tief erschütterte soziale Identität ist keine Kleinigkeit, die mit einer jovialen "Ach, das wird schon wieder ..."-Haltung übergangen werden kann. Die Diagnose trifft inzwischen auf weite Teile der Gesellschaft zu. Und das hat überhaupt nichts mit einem Volk von Weicheiern und Jammerlappen zu tun. Was uns zunehmend schwer fällt, ist die Beheimatung, das Gefühl wirklich zusammen zu gehören. Was verbindet denn noch die alleinerziehende Mutter als "Hartz-IV-Aufstockerin" mit einem Golfer auf Sylt oder am Starnberger See? Was die Wähler mit den Gewählten? Wen meinen wir selbst, wenn wir "wir" sagen? Und wen sicher nicht?

Tajfel und Turner haben gezeigt, in welchem Spannungsfeld unsere soziale Identität entsteht und sich entwickelt: von der individuellen Begegnung von Mensch zu Mensch auf der einen Seite des Spektrums bis hin zur völlig anonymen Gruppenkonfrontation, wie sie zum Beispiel in einem Krieg zu beobachten ist. Oder vielleicht auch dann, wenn Banken oder Firmen als "Mitbewerber" gegeneinander antreten. Schon aus dieser knappen Beschreibung wird klar, welche Prozesse zur Verhärtung der Gruppengrenzen samt aller Vorurteile und Stereotype nach drinnen und draußen führen und welche die Grenzen durchlässig machen.

Eine Situation, die von Einzelnen als bedrohlich oder wenigstens verunsichernd empfunden wird, verstärkt den Zusammenhalt mit der eigenen Gruppe und vermindert entsprechend die Bereitschaft, sich für andere zu öffnen. Es gibt auch ein Stichwort für diesen Prozess, der eben erst in einer Studie amerikanischer und australischer Wissenschaftler unter Leitung von Michael Hogg experimentell bestätigt wurde: Radikalisierung. Und die hat eine "tröstende" Wirkung, wie sich zeigte. Auch in Abgrenzung und sogar Feindseligkeit lässt sich also eine Geborgenheit finden, die sonst verweigert wird. So aber fällt dann eine Gesellschaft allmählich auseinander, und die Gefahr eskalierender Konflikte zwischen den Gruppen wächst. War es nicht diese Sorge, für die Gesine Schwan als Präsidentschaftsanwärterin noch vergangenes Jahr heftig gescholten wurde?

Eine geistige Heimat lässt sich nicht verordnen

"Es geht darum, dieses Land zu einem Zuhause zu machen", hat Christian Wullf gegen Ende seiner Rede zum Tag der deutschen Einheit gesagt. Doch eine geistige Heimat, die Zugehörigkeit und Geborgenheit gewährt, lässt sich so wenig von oben verordnen wie die Integration von Zuwanderern. Auch das präsidiale Wort ist machtlos, wenn es von der Wirklichkeit nicht gedeckt wird. Dazugehörig kann sich nur fühlen, wer mit anderen durch Erfahrungen und Werte Tag für Tag und nicht nur zu Festzeiten verbunden ist. Doch wo finden wir solche Erfahrungen und Werte noch über alle unsere "Subkulturen" hinweg? Wo deckt sich die eigene soziale Identität mit der offiziellen deutschen, zu der nun angeblich auch der Islam gehört?

Es ist kein Wunder, dass die Zahl derer, die sich im eigenen Land wie im Exil fühlen, unaufhörlich wächst. Spätestens die nächsten Wahlen werden das wieder belegen.

Literatur:

  • Hogg, M. A. et al. 2010: The solace of radicalism: Self-uncertainty and group identification in the face of threat. Journal of Experimental Social Psychology 46, 1061-1066
  • Miller, S. L. et al. 2010: Self-Protective Biases in Group Categorization: Threat Cues Shape the Psychological Boundary Between "Us" and "Them". Journal of Personality and Social Psychology 99, 62-77
  • Oldmeadow, J. & Fiske, S. T. 2010: Social status and the pursuit of positive social identity -- Systematic domains of intergroup differentiation and discrimination for high- and low-status groups. Group Processes and Intergroup Relations 13, 425-444
  • Tajfel, H., & Turner, J. 1979: An integrative theory of intergroup conflict. In: Austin, W. & Worchel, S. (Hg.), The social psychology of intergroup relations. Pacific Grove, CA: Brooks/Cole, 33-47
  • Ysseldyk, R. et al. 2010: Religiosity as Identity: Toward an Understanding of Religion From a Social Identity Perspective. Personality and Social Psychology Review 14, 60 -71