HOME

Medizinischer Durchbruch: Menschliche Stammzellen erstmals geklont

US-Forscher haben erstmals aus extra dafür gezüchteten menschlichen Embryonen Stammzellen gewonnen. Ihre Forschung dürfte für reichlich Kontroversen sorgen - denn sie weist den Weg zum Klon-Menschen.

Von Lea Wolz

Die Wissenschaftler wissen um die Brisanz ihrer Ergebnisse: Daher werden sie auch nicht müde zu betonen, dass sie therapeutische Zwecke verfolgen - und ihr Ziel nicht etwa darin besteht, Menschen zu klonen. Doch was Shoukhrat Mitalipov von der Health und Science University im US-Bundesstaat Oregon und sein Team erforscht haben, lässt dies zumindest theoretisch möglich erscheinen und ist ein entscheidender Schritt in diese Richtung.

Die Forscher haben menschliche Stammzellen aus geklonten Embryonen gewonnen. Dafür wendeten sie eine bekannte Methode an: den somatischen Zellkerntransfer. Auf diese Weise wurde bereits 1997 das Klonschaf Dolly geschaffen. Dass die Methode bei verschiedenen Tieren - etwa Rindern, Katzen und Ziegen - funktioniert, war schon mehrmals bewiesen worden. Doch beim Menschen klappte das Klonen von Zellen bis jetzt nicht.

Zwar rühmte sich der südkoreanische Stammzellforscher Woo-Suk Hwang schon 2004, erstmals menschliche Stammzellen aus geklonten Embryonen gewonnen zu haben. Doch seine Ergebnisse waren gefälscht, die Sensation in Wahrheit ein Schwindel. Nun ist dem Team um Mitalipov offenbar genau das geglückt: Die Wissenschaftler sprechen von einem Durchbruch in der Stammzellforschung.

Begehrte Verwandlungskünstler

Für ihre Experimente entnahmen Mitalipov und sein Team Erwachsenen Hautzellen und schleusten diese Zellen in entkernte weibliche Eizellen ein. Die so geschaffene Zelle verhielt sich ähnlich wie eine befruchtete Eizelle und begann sich - mit ein wenig Nachhilfe der Forscher - zu teilen. In mit einer Nährlösung angereicherten Petrischalen wuchsen Embryonen bis zum Blastozystenstadium heran. In diesem bestehen die Embryonen aus 64 bis 128 Zellen. Aus diesen Blastozyten gewannen die Forscher menschliche Stammzellen.

Diese Zellen sind so begehrt, da sie sich in verschiedene Zelltypen wie Nerven-, Leber- oder Herzzellen und damit in jedes beliebige Gewebe verwandeln können. Forscher hoffen damit in Zukunft unheilbare Krankheiten wie Alzheimer, Multiple Sklerose oder Parkinson behandeln zu können. Die Fähigkeit der Verwandlung hätten die aus menschlichen Embryonen gewonnenen Stammzellen besessen, berichtet Mitalipov. Ein Vorteil sei, dass diese sozusagen maßgeschneidert aus dem Erbgut jedes Patienten hergestellt werden können. "Eine Abstoßung des transplantierten Gewebes ist daher nicht zu befürchten."

Allerdings gibt es längst eine Alternative, um Zellen in einen embryonalen Zustand zu versetzen: Schon vor Jahren berichtete der japanische Stammzellforscher Shinya Yamanaka, dass auch Hautzellen mithilfe genetischer Tricks in stammzellartige Zellen (sogenannte induzierte pluripotenten Stammzellen, iPS-Zellen) verwandelt werden können. 2012 erhielt er dafür den Nobelpreis. Ob das therapeutische Klonen durch die Forschung von Mitalipov einen Aufschwung erlebt, bleibt daher abzuwarten.

Enorme Effizienz

Allerdings beeindruckt bei den Versuchen von Mitalipov nicht nur, dass es den Forschern überhaupt gelungen ist, diese Zellen zu züchten. Ihre Methode erweist sich zugleich als äußerst effizient. Bisher ging man davon aus, dass mehrere Hundert Eizellen nötig sind, um eine Stammzelllinie zu gewinnen. Mitalipov und sein Team benötigten lediglich zwei. Als hilfreich erwies sich auch ein wenig Koffein in der Nährlösung, wie die Forscher im Fachblatt "Cell" berichten.

Die Studie sei interessant, sagt Mary Herbert, Zellbiologin an der Newcastle University. Eine seit langem bestehende Hürde, um menschliche Stammzellen zu klonen, sei damit überwunden. "Angenommen, dass die Ergebnisse von anderen Forschern wiederholt werden können, haben sie das Potenzial, die Entwicklung von maßgeschneiderten embryonalen Stammzellen voranzutreiben."

Um ethische Bedenken auszuräumen betont auch Mitalipov, dass die Methode in erster Linie die Basis für das therapeutische Klonen bildet - und nicht für das reproduktive Klonen, also die Erschaffung von genetisch identischen Menschen aus dem Labor. Einen lebensfähigen menschlichen Klon zu erschaffen, sei vermutlich nicht möglich, so der Wissenschaftler. Bei den von sienem Team jahrelang durchgeführten Studien an Affen sei durch Zellkerntransfer kein einziger lebensfähiger Affen-Klon entstanden.

Auch Stammzell-Experte Rudolf Jaenisch vom Massachusetts Institute of Technology ist überzeugt, dass das Ergebnis keinen Fortschritt beim reproduktiven Klonen darstellt. Bei entsprechend hergestellten Embryonen - deren Schaffung ohnehin illegal wäre - müsste man das gleiche Ergebnis wie bei Mäusen erwarten, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters: "Die meisten sterben bei der Geburt und die anderen haben sehr ernste Probleme, wenn sie älter werden."

Die ethische Debatte dürften die Versuche dennoch neu befeuern.

Update: In einer früheren Version des Artikels war zu lesen, dass die Forscher aus einer Hautzelle von Erwachsenen den Zellkern entnahmen und diesen in die entkernte Eizelle einschleusten. Tatsächlich brachten sie die komplette Hautzelle ein. Wir bitten, dieses Versehen zu entschuldigen.