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Mord im Krankenhaus: Die Psychologie der "Todesengel"

Sie sind angetreten, um zu helfen, doch stattdessen morden sie. Ein Psychiater hat Krankentötungen durch Pflegepersonal und Ärzte untersucht und stellt fest: Viele hätten vermieden werden können.

Von Lea Wolz

Stephan L. tötete stets nach dem gleichen Muster: Zuerst schläferte der Krankenpfleger seine Opfer mit einem Narkose- oder Beruhigungsmittel ein. Dann spritzte er durch den Venenkatheter ein Muskelrelaxans, das zum Atem- und Herzstillstand führte. Alle Medikamente hatte er aus dem Bestand der Sonthofener Klinik gestohlen. Am 20. November 2006 verurteilte das Landgericht Kempten den zu diesem Zeitpunkt 28-Jährigen wegen Mordes in 12 und Totschlags in 15 Fällen zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Ein Einzelfall ist Stephan L. nicht. Allein zwischen den Jahren 1975 und 2008 kam es weltweit zu 35 Tötungsserien in Kliniken und Heimen. In 326 Fällen konnte nachgewiesen werden, dass Ärzte oder Pflegepersonal die Kranken umgebracht hatten. "Auf die Zeitspanne bezogen, mögen dies zwar seltene Ereignisse sein, aber sie erschüttern das Gesundheitssystem in seinem Kern", sagt der Psychiater Karl Beine.

Der Wissenschaftler, Chefarzt am St. Marien-Hospital in Hamm und Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Für sein neues Buch hat er die von den Gerichten abgeschlossenen Tötungsserien untersucht und Täterprofile erarbeitet. Dafür hat Beine nationale und internationale Studien zu dem Thema ausgewertet und Gerichtsakten studiert.

Hohe Dunkelziffer

Er vermutet, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt. "Auf ein aufgeklärtes Verbrechen kommen in der Regel zwei bis drei unaufgeklärte", sagt er. "Bei Krankentötungen sind es wahrscheinlich noch mehr."

Denn in Pflegeheimen oder Krankenhäusern sind solche Vorfälle nur schwer aufzudecken - aus mehreren Gründen. Morde werden an diesen Orten von niemandem erwartet. Erst recht nicht von Menschen, die eigentlich heilen und pflegen sollten. Dass sie vorsätzlich schaden oder sogar töten, ist für viele undenkbar. Ein weiteres Problem: Spritzen setzen oder Medikamente geben gehört zum Alltag von Pflegern und Ärzten. "Die Tat sieht daher erst einmal aus wie ein normaler Arbeitsvorgang", sagt Beine. Nicht zuletzt ist der Tod in den Einrichtungen keine Seltenheit.

Um versteckte Hinweise zu erkennen und Wiederholungen zu verhindern, hat Beine den Ablauf der Tötungen, die Persönlichkeiten der Täter und das Arbeitsumfeld beleuchtet. Sein Fazit: "Vorkommen können solche Fälle in jeder Einrichtung, mit ein wenig mehr Achtsamkeit lässt sich das Risiko allerdings minimieren."

Auch an der Berliner Charité hat man traurige Erfahrungen mit Krankenhaustötungen. 2007 wurde die Krankenschwester Irene B. wegen Mordes in fünf Fällen verurteilt. Sie hatte Patienten tödliche Medikamente verabreicht. Aus den Vorfällen hat man gelernt. "Die Charité verfügt – insbesondere aufgrund der Erfahrungen im Fall Irene B. – über ein Frühwarnsystem für Auffälligkeiten im ärztlichen und pflegerischen Alltag", sagt eine Sprecherin der Klinik. Ein anonymes Fehlermeldesystem und genaue Todesfallstatistiken würden unter anderem dazu zählen. Dass Fälle von Krankenhaustötungen nun in einem Buch aufgearbeitet werden, sieht man positiv. "Selbstverständlich begrüßt die Charité jede Initiative, die dazu beiträgt, derartige Tragödien künftig wenn irgend möglich zu verhindern", heißt es.

Frühe Warnzeichen

Bei den untersuchten Fällen hat es fast immer Warnzeichen gegeben: von fehlenden Medikamenten über auffällig viele Todesfälle bei einem Mitarbeiter bis hin zu häufig zutreffenden Prognosen zum Todeszeitpunkt. Auch Angehörige oder die Opfer selbst lieferten mitunter Hinweise. "Du weißt gar nicht, was hier alles passiert", steckte ein Bewohner in einem Wuppertaler Altenheim seinem Verwandten. Doch von Vorgesetzten, aber auch von Kollegen, werden solche Hinweise oft ignoriert. Vom ersten Verdacht bis zur Festnahme des Täters können Jahre vergehen.

Rat- und Hilflosigkeit, aber auch aktives "Nicht-wissen-Wollen", unausgesprochenes Einverständnis oder gar eine "heimliche Komplizenschaft" schützen die Täter, hat Beine festgestellt. So habe eine Kollegin eine andere Krankenschwester, bei der auffällig viele Patienten verstarben, aufgefordert: "Geh mit, vielleicht geht's dann schneller." Andere Täter hatten von ihren Kollegen bereits Spitznamen wie "Todesengel" oder "Vollstrecker" erhalten.

Der Autor selbst hat einen ähnlichen Fall vor 20 Jahren in einer Gütersloher Klinik miterlebt. Der Krankenpfleger Wolfgang L. wurde damals verhaftet, da er zehn Schwerstkranke getötet hatte. "Ich kannte den Pfleger und eines seiner Opfer", erinnert sich Beine. "Und für mich war es unfassbar, wie ein Mensch, der eigentlich Leiden lindern sollte, diese Aufgabe ins Gegenteil verkehren konnte." Seitdem forscht der Psychiater zu diesem Thema und hat nun auch ein Täterprofil erstellt.

Fehlen Medikamente auf der Station, sollte dies ein erstes Warnzeichen sein

Fehlen Medikamente auf der Station, sollte dies ein erstes Warnzeichen sein

Die Täter sind überwiegend männlich

Die Täter sind demnach Mitte dreißig, überwiegend männlich, wenig selbstsicher, emotional verschlossen und im Kollegenkreis meist Außenseiter. Viele fallen durch eine besonders rohe Sprache und einen derben Umgangston auf. Sie sprechen von "krepieren" oder "abkratzen", drohen und beschimpfen Patienten. "Ein gewisser burschikoser Ton ist im Gesundheitswesen zwar Alltag, doch hier übersteigt er das gängige Maß weit", sagt Beine.

Ihren Beruf haben die späteren Täter wohl aus mangelndem Selbstwertgefühl gewählt. "Helfen und Heilen sind in der Gesellschaft angesehen", sagt Beine. "Sie erhoffen sich Anerkennung, um ihre Unsicherheit zu kompensieren." Bleibt diese im Alltag aus, da Patienten schwierig sind, nicht gesunden oder in der Öffentlichkeit Pflege als Kostentreiber und Kranke als Soziallast gesehen werden, führe dies bei den Tätern zu Frustration. "Das eigene Tun wird als wertlos empfunden, das Leiden an der Situation auf den Patienten projiziert, es kommt zu einer Art von verschobenem Selbstmitleid", sagt Beine. "Die Grenze zwischen dem eigenen Leid und dem Leid des Patienten verschwimmt. Die Täter glauben irgendwann, dass der Tod für die Kranken das Beste ist."

Mitleid kein Motiv

In den untersuchten Fällen gaben fast alle Täter an, aus Mitleid gehandelt zu haben. Für Beine ist das allerdings nicht das Motiv. "Mitleid setzt eine Beziehung voraus, eine Auseinandersetzung mit den Aussichten und Wünschen des Kranken", sagt er. Für ihn sind die Täter in den meisten Fällen vielmehr unfähig, das Leid von kranken, alten und mitunter lästigen Menschen auszuhalten und mitzutragen. "Sie sind überfordert und erlösen sich durch das Töten selbst", sagt der Psychiater.

Bei den Opfern ist das Bild nicht so einheitlich wie bei den Tätern: Bei manchen hatte sich der Zustand verbessert, andere waren dem Tod schon nah. Manche waren widerspenstig, andere lagen im Koma. "Im Prinzip ist niemand davor gefeit, ein Opfer zu werden", sagt Beine.

In seinem Buch hat er eine Checkliste mit Prüffragen für Mitarbeiter in Krankenhäusern oder Pflegeheimen zusammengestellt, die dabei helfen soll, zumindest einige dieser Taten in Zukunft zu verhindern. Wie gut ist die Medikamentenkontrolle? Ist die Qualität der Leichenschau ausreichend? Werden Auffälligkeiten bei der Anzahl der Todesfälle registriert? Gibt es eine Möglichkeit, einen Verdacht anonym zu melden? Daneben fordert Beine ein Klima der Achtsamkeit. "Es darf kein übertriebenes Misstrauen geben, aber auch kein blindes Vertrauen."

Da die Zahl der alten und pflegebedürftigen Menschen in Deutschland steigt, ist es dem Psychiater wichtig, das Thema Krankentötungen zu enttabuisieren, "um weitere Fälle zu vermeiden". Auch die Lebensverhältnisse alter, kranker und sterbender Menschen müssen seiner Ansicht nach verbessert werden. "Zum Beispiel durch den Ausbau von Palliativstationen oder Hospizen." Denn die Bedingungen, unter denen wir in Deutschland sterben, sind so, wie wir es eigentlich nicht haben wollen", sagt Beine.

Untersuchungen zufolge sterben nur zehn Prozent der Menschen in Deutschland zu Hause. 90 Prozent wünschen sich dies.