Sucht-Serie Weiche Drogen, harte Folgen


Marihuana und Hasch sind die beliebtesten illegalen Drogen in Deutschland, lange galten sie als harmlos. Inzwischen wissen Forscher: Gerade Jugendliche, die schon früh massiv kiffen, verpassen wichtige Schritte ihrer Entwicklung - und können süchtig werden.
Von Astrid Viciano

Er war fünf Tage aus der Klinik heraus, da kehrte die Sehnsucht mit aller Macht zurück. Als Stefan* für einen Kumpel drei Gramm Marihuana besorgte, als er dafür seinen Dealer wiedertraf, dessen Telefonnummer er zwei Wochen zuvor aus seinem Handy gelöscht hatte. Wie gern hätte sich der 21-Jährige selbst einen Joint gebaut oder auch nur einmal daran gezogen. "Da hatte ich richtig Suchtdruck", sagt er. Aber Stefan hatte sich vorgenommen, endgültig mit dem Kiffen aufzuhören. Nach elf Jahren.

Der junge Mann sitzt an der Theke seiner Lieblingskneipe in Hamburg, gleich neben dem Spielautomaten, und bestellt ein Schnitzel mit Bratkartoffeln. Sein Gesicht wirkt blass und schmal, und er zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Mit acht Jahren begann er zu rauchen, erzählt er, mit zehn stahl er etwas Marihuana aus dem Zimmer seines neun Jahre älteren Bruders. Zunächst kiffte er nur einmal im Monat, später dann jeden Tag. Er wollte breit sein, verdrängen, ausblenden, zum Beispiel die Scheidung seiner Eltern, die für ihn nicht zu begreifen war. Dass ihm die Drogen schaden könnten, kam Stefan nicht in den Sinn. Galt Kiffen unter seinen Kumpels doch als unbedenkliches Vergnügen, als Spaß ohne Folgen.

Manche Konsumenten nehmen Schaden

Mit dieser Einschätzung standen Stefan und seine Freunde nicht allein da. Und bei den meisten Kiffern trifft sie auch zu. So wie es kein Problem ist, wenn jemand hin und wieder ein Glas Bier trinkt, birgt auch ein gelegentlicher Joint keine große Gesundheitsgefahr. Allerdings haben Forscher in den vergangenen Jahren erkannt, dass es - ähnlich wie beim Alkohol - einen Teil der Konsumenten gibt, die massiven Schaden nehmen und eine Abhängigkeit entwickeln. Dass die weiche Droge für manche hart wird. Langsam beginnen sie nun zu entschlüsseln, welche dauerhaften Auswirkungen starker Cannabiskonsum auf Gedächtnis und Konzentration haben kann. Therapeuten testen derweil Programme, die jungen Menschen aus der Sucht helfen sollen. Sicher ist: Es gibt Nachholbedarf in Forschung, Behandlung - und Aufklärung. "Cannabis wurde lange Zeit verharmlost", sagt Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Noch immer unterschätzen auch ältere Erwachsene die Wirkung der Droge, berichten stolz von den Joints ihrer Jugendzeit. Sie übersehen dabei, dass manche Sorten der Hanfpflanze hochgezüchtet wurden. Diese Varianten können heute eine mindestens dreimal so hohe Konzentration des Rauschstoffs Tetrahydrocannabinol (THC) enthalten wie vor 30 oder 40 Jahren. Um die Wirkung weiter zu potenzieren, rauchen viele Teenager heute oft lieber einen Bong, eine Wasserpfeife mit Marihuana, als einen Joint. "Die Droge flutet dann im Gehirn schneller an", sagt Thomasius. Im Gehirn sehr junger Menschen.

Das Alter, in dem Jugendliche mit dem Kiffen beginnen, ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gesunken. Im Jahr 1993 hatte die Hälfte der Jugendlichen mit 17,5 Jahren ihren ersten Joint probiert, im Jahr 2005 bereits vor dem 16. Lebensjahr. Ein Alter, in dem Haschisch und Marihuana deutliche Spuren hinterlassen können. Keine andere illegale Droge ist unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen so beliebt wie Cannabis. Im Jahr 2006 gaben 40,6 Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, die Produkte aus der Hanfpflanze irgendwann in ihrem Leben probiert zu haben, so das Ergebnis des aktuellen „Epidemiologischen Suchtsurveys“ des Instituts für Therapieforschung (IFT) in München.

Keine Entwarnung

Zwar ist der Wert im Vergleich zum Jahr 2003 um fast vier Prozentpunkte gesunken, und auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung berichtete im vergangenen Herbst, dass nur noch 13 Prozent der Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren bereits Cannabis probiert haben - gegenüber 22 Prozent im Jahr 2004. Von einer Entwarnung mag der Psychiater Thomasius jedoch nicht sprechen. Denn eines blieb unverändert: der Anteil der regelmäßigen, starken Kiffer unter den Teenagern. Jugendliche, die nicht nur am Wochenende, sondern vielleicht täglich mit ihren Freunden Joints rauchen. Die zugedröhnt herumhängen, statt zur Schule zu gehen, wie Stefan. Er kiffte sogar, als er eine Ausbildung in einer Tischlerei begann. "Es ging schon vor der Arbeit an der Bushaltestelle los", sagt er. Wieder zu Hause, rauchte er vor und nach dem Essen einen Joint, und den letzten gab es vor dem Schlafengehen. Auf Partys nickte er oft einfach ein. Und verpasste vermutlich nicht nur bei den Feiern für sein Alter wichtige Erlebnisse.

Denn Jugendliche, die massiv kiffen, versäumen entscheidende Phasen ihrer Entwicklung. Phasen, in denen sie eine eigene Persönlichkeit aufbauen und sich von den Eltern abgrenzen sollen. Sie lernen nicht, mit Problemen umzugehen, knallen sich stattdessen lieber zu. "Je mehr Drogen sie nehmen, desto mehr bremsen sie ihre eigene Entwicklung aus", sagt Thomasius, der in einem Gutachten zu den Folgen von Cannabis internationale Studien aus den Jahren 1996 bis 2006 ausgewertet hat.

Im Alter von 20 Jahren hätten die Betroffenen dann womöglich die Reife eines 14-Jährigen. Und könnten sich in der Leistungsgesellschaft nicht durchsetzen - zumal viele von ihnen die Schule nicht schaffen. Stefan etwa konnte sich nicht mehr auf seine Hausaufgaben konzentrieren. "Es dauerte viel länger als früher", erinnert er sich. Dabei sei es einst ganz gut gelaufen. In Mathe zum Beispiel habe er immer eine Zwei bekommen. Nun aber kam er morgens nicht aus dem Bett, war meist müde und selten klar im Kopf. Er müsste weniger kiffen, dachte Stefan dann, er müsste einfach ablehnen, wenn ihm seine Freundin wieder einen Joint anbot. "Das hat aber nie funktioniert", sagt er heute. Er konnte der Droge nicht widerstehen.

Für fünf bis zehn Prozent aller Cannabiskonsumenten wird das Kiffen zum Problem, zwischen vier und sieben Prozent werden süchtig. Über die konkrete Anzahl der betroffenen Jugendlichen in Deutschland existieren keine verlässlichen Daten, doch entspricht das Schätzungen zufolge allein unter den Erwachsenen 600.000 Menschen.

Belohnungssystem im Gehirn

Dabei dachten Mediziner noch vor wenigen Jahren, dass Cannabis nicht körperlich abhängig machen kann. Heute begreifen sie in Grundzügen, was in den Köpfen der Konsumenten vor sich geht. Sie wissen, dass der Rauschstoff THC nicht nur zu akuten Wahrnehmungs- und Bewegungsstörungen führt, sondern langfristig das sogenannte Belohnungssystem im Gehirn manipuliert. Es führt zu einer vermehrten Ausschüttung des beglückenden Botenstoffs Dopamin, sodass sich ein "Suchtgedächtnis" herausbildet: Schließlich erwacht beim Kiffer schon beim Anblick eines Joints oder beim Geruch von Marihuana das starke Verlangen nach Cannabis.

Wie Teile eines Puzzles trägt der Psychiater Thomasius mit Kollegen zusammen, was man heute über die weiteren Auswirkungen von Cannabis weiß - meist erst aus Tierversuchen oder Studien mit speziellen Patientengruppen. So beobachteten Forscher bei pubertierenden Mäusen, dass Cannabis nachhaltig die Aufmerksamkeit, die Konzentration und das Kurzzeitgedächtnis stören kann. Andere Wissenschaftler fanden heraus, dass schizophrene Patienten früher einen Rückfall erleiden und öfter in die Klinik müssen, wenn sie Cannabis rauchen. Und eine weitere Studie zeigt, dass genetisch vorbelastete Jugendliche, die vor ihrem 15. Lebensjahr gekifft haben, später öfter an einer Psychose erkranken als andere. "Ängste oder Wahnvorstellungen beim Kiffen sind ein schlechtes Zeichen", warnt die Psychologin Cécile Henquet von der Universität Maastricht. Dann sollten vor allem Jugendliche die Droge meiden.

"Ich war jung und naiv"

Stefan liess die Schule bleiben, plante Einbrüche, stahl Autos und dealte selbst mit Cannabis. Einmal will er gemeinsam mit zwei Freunden sieben Kilogramm Gras in drei Wochen verkauft haben. "Ich bin zum Glück nie erwischt worden", sagt er. Erst als der junge Mann vor einem Jahr Vater wurde, begann er sich zu ändern. Ihm fiel auf, dass er das Weinen seines Sohnes nicht richtig wahrnahm, dass ihm die Kraft fehlte, nachts für den Kleinen aufzustehen. Er beschloss, clean zu werden, und begann einen Entzug am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Und kann seitdem auch gut verstehen, welche Sorgen sich sein Vater um ihn gemacht haben muss. Immer wieder hatte der versucht, ihn zu einer Therapie zu überreden. Doch der Sohn weigerte sich. "Ich war jung und naiv", sagt er heute. Probleme hatten nur die anderen.

Viele Eltern fühlen sich machtlos, wenn das eigene Kind zu viel kifft, so auch René N. aus Berlin. Der Martin* habe wieder so rote Augen, hörte er vor mehr als drei Jahren von seiner geschiedenen Frau. Als er seinen Sohn zur Rede stellte, verteidigte sich der damals 14-Jährige mit allen Kräften. Die Eltern tränken doch schließlich Wein oder Bier, das sei auch nicht besser als Cannabis. Dass sie nur selten Alkohol tranken und er ständig Bongs rauchte, machte für ihn keinen Unterschied.

Bald kiffte Martin sogar zu Hause. "Daheim gab es damals viel Stress. Das Kiffen war seine Art, sich zurückzuziehen", sagt René N. Die Eltern strichen dem Sohn das Taschengeld, mal redeten sie ihm gut zu, mal schrien sie ihn an. "Aber was macht man mit einem Jugendlichen, den nichts mehr interessiert?", fragt der Vater.

Früh zur Drogenberatung

Über eine Psychologin gerieten sie an den Therapieladen in Berlin, der seit mehr als 20 Jahren Jugendliche mit Cannabisproblemen betreut. Zu diesem Zeitpunkt hatte Martin allerdings auch selbst erkannt, dass er Hilfe brauchte. In der Fußballlandesliga hatte er als großes Talent gegolten, nun spürte er, dass ihn seine Kondition im Stich ließ. "Der Trainer musste ihn nach 20 Minuten vom Platz nehmen", sagt René N. Das brachte die Wende in Martins Kifferkarriere, es machte ihn bereit für die Therapie. Anderen Eltern empfiehlt René N., früher zu einer Drogenberatungsstelle zu gehen, auch ohne ihr Kind. "Sonst fühlt man sich völlig alleingelassen."

Tatsächlich suchen in solchen Einrichtungen heute mehr Menschen Hilfe als früher. So kamen im Jahr 2006 zehnmal mehr Jugendliche und junge Erwachsene wegen Cannabis zur Drogenberatung als 1994. Noch allerdings konzentrieren sich die meisten Anlaufstellen auf Probleme mit harten Drogen. "Junge Menschen mit Cannabisproblemen haben aber ganz andere Bedürfnisse", sagt der Psychologe Andreas Gantner vom Therapieladen in Berlin.

Was ihnen am besten hilft, versuchen Therapeuten und Forscher gerade herauszufinden. Zurzeit werden bundesweit verschiedene Konzepte angewandt und wissenschaftlich ausgewertet. Martin etwa nahm im Berliner Therapieladen an der sogenannten Incant- Studie teil, die bis 2009 an fünf Zentren in Belgien und Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz und Deutschland laufen wird. Nur junge Kiffer im Alter von 13 und 18 Jahren kommen dafür infrage. Im Mittelpunkt der Behandlung steht die Familie, mindestens eine Bezugsperson soll an der Therapie teilnehmen. "Bei unseren Patienten liegen die Probleme oft in der Familie", erklärt Gantner, der die Studie im Therapieladen leitet. Die Behandlung soll die Kommunikation verbessern, Eltern bei ihren Erziehungsaufgaben unterstützen, die Wünsche und Ziele der Jugendlichen offenlegen.

Zwei Sitzungen pro Woche

Eine Therapie ohne Familienanschluss bietet die Technische Universität Dresden für ältere Cannabisabhängige ab 16 Jahren an. "Ab diesem Alter halten wir es für entscheidend, die Jugendlichen in Einzeltherapie ohne ihre Eltern zu behandeln", sagt der Psychotherapeut Hans-Ulrich Wittchen, der das Konzept mitentwickelt hat. Zunächst werden die Patienten in zwei Sitzungen pro Woche motiviert und angeleitet, mit dem Kiffen aufzuhören. Später erarbeiten sie mit ihrem Therapeuten Lösungen für ihre psychischen und sozialen Probleme, lernen zum Beispiel, wie sie mit anderen Menschen leichter in Kontakt treten können. Und entwickeln persönliche Strategien, um Rückfälle zu vermeiden. Noch sechs Monate nach Ende der Behandlung kifft die Hälfte der Patienten gar nicht mehr, so ergab die Evaluation des Projekts. Weitere 38 Prozent rauchen bloß gelegentlich einen Joint.

Manchmal sind die Heranwachsenden jedoch zu sehr in der Drogenspirale gefangen. Manchmal müssen sie ihre normale Umgebung verlassen, um sich von ihrer Sucht zu befreien. Sie landen dann zum Beispiel auf der Therapiestation Teen Spirit Island des Kinderkrankenhauses "auf der Bult" in Hannover. Zwölf Mädchen und Jungen werden dort behandelt.

Es ist halb elf, die ersten Therapiegespräche sind vorüber, ein paar Jungen spielen im Aufenthaltsraum Karten, andere blättern in Sportzeitschriften, einer von ihnen hat sich eine Kapuze über den Kopf gezogen und liest in einer Ecke des Raums Harry Potter. Im Gang baumelt ein Boxsack, an den Wänden der Patientenzimmer hängen Poster der Rapper Sido und Bushido, und ein großer Teddy sitzt auf einem Schrank.

Im Gruppentherapieraum berichtet die Patientin Lilly* unaufgeregt von ihrem früheren Leben. Als sie mit dem Kiffen begann, war sie noch auf dem Gymnasium. Sie sei eine der Schlauesten in ihrer Klasse, hätten ihr die Lehrer damals gesagt. Und es fällt nicht schwer, das zu glauben. Ihr Vater engagiert sich als Sozialarbeiter, erzählt die 17-Jährige, ihre Mutter arbeitet als Visagistin und Malerin und wird demnächst ihre eigene Galerie eröffnen. "Eine Cannabissucht kommt in allen Gesellschaftsschichten vor", sagt Christoph Möller, Leiter der Therapiestation in Hannover. Nicht der soziale Status bestimmt über die Drogenkarriere der Kinder. Vielmehr stellt die Beziehung zu den Eltern vermutlich die entscheidenden Weichen auf dem Weg in die Sucht. So wurden manche der Patienten sehr stark behütet und konnten kein Selbstvertrauen entwickeln. Andere haben in der Familie nie emotionale Nähe erfahren oder gar Gewalt, sexuellen Missbrauch erlebt. Wieder andere kamen mit der Trennung ihrer Eltern nicht zurecht, wie zum Beispiel Lilly. Sie wohnte zunächst bei ihrer Mutter in Nordrhein-Westfalen, doch stritt sie ständig mit deren Freund und zog schließlich im Alter von 13 Jahren zu ihrem Vater nach Norddeutschland um. Aber auch mit ihm klappte es nicht. "Ich habe nur noch herumgeschrien", sagt sie. Sie begann zu kiffen, fühlte sich plötzlich frei, glücklich, konnte den Ärger zu Hause für eine Weile vergessen. Bald war sie jeden Tag breit, rutschte vom Gymnasium auf die Realschule ab, musste von dort auf die Hauptschule wechseln und schaffte im vergangenen Sommer nicht einmal ihren Abschluss. "Ich konnte am Ende gar nicht mehr zur Schule gehen", erzählt sie. Erst als sie sah, dass ihr ganzes Leben den Bach runterging, begann sie zu überlegen.

"Ihre eigene Identität entwickeln"

In Teen Spirit Island sollen die Jugendlichen nicht nur von ihrer Sucht geheilt werden. Sie sollen erfahren, dass sie etwas wert sind, dass sie etwas erreichen können. "Sie müssen ihre eigene Identität noch entwickeln", sagt der Arzt. In Einzelgesprächen und in der Gruppe sprechen sie über ihren Suchtdruck, über ihre Probleme, ihre Erfahrungen. Dass sich einer der Betreuer abends ans Bett setzt und fragt, wie der Tag für den Patienten gelaufen ist, sei manchmal wertvoller als komplizierte therapeutische Maßnahmen, sagt Möller.

Ein strenges Programm soll die Jugendlichen aus ihrer Lethargie reißen. Um sieben Uhr müssen sie aufstehen, ihre Zimmer aufräumen, gemeinsam joggen gehen. Bei jedem Wetter, jeden Tag. Als Höhepunkt steht einmal in der Woche Klettern auf dem Stundenplan. In der Halle loben die Betreuer jeden Schritt, jeden Handgriff, den ein Patient an der Kletterwand wagt. Gelangt einer von ihnen bis ganz oben, klatscht der Rest der Gruppe Beifall. "Das war eine richtig feine Sache", sagt Benjamin J., der im Jahr 2005 genau sechs Monate und acht Tage auf Teen Spirit Island verbrachte. "Man muss beim Klettern einem anderen Menschen vertrauen. Wenn du abstürzt, muss der andere dich halten. Das zeigt auch, dass du ihm wichtig bist, er hat dich ja in der Hand", erinnert sich der heute 19-Jährige.

Ihm fiel es zunächst schwer, sich an ein Leben ohne Drogen zu gewöhnen. „Die ersten zwei Wochen in der Klinik waren die schlimmsten“, sagt er. Sein Körper verlangte nach Cannabis, er schwitzte, war unruhig, und vor allem konnte er - wie die meisten Patienten im Entzug - nicht schlafen. "Da geht es einem einfach beschissen", gibt er zu. Doch der junge Mann wollte zu Ende bringen, was er im Alter von 14 Jahren begonnen hatte.

"Ich fand es gleich pralle"

Er hatte damals zu den Großen dazugehören wollen, die zwei bis drei Jahre älter waren, die in der Gegend etwas zu sagen hatten. "Irgendwann haben sie mir einen Joint angeboten. Da habe ich mitgemacht", erinnert er sich. Manche Freunde hätten sich nach dem ersten Joint übergeben. "Ich fand es gleich pralle", sagt Benjamin. Je positiver ein Kiffer unter 16 Jahren die Droge erlebt, desto höher ist sein Suchtrisiko, so beobachteten neuseeländische Forscher. Alkohol und Zigaretten haben die Jugendlichen meist schon vor ihrem ersten Joint probiert. Und damit die typischen Stufen der Drogenkarriereleiter in Deutschland bestiegen.

Doch rauchen nicht alle Jugendlichen, die Alkohol trinken, und nur ein Teil der Raucher greift zu einem Joint. Und von denen, die gern kiffen, werden auch nur wenige abhängig, die meisten hören einfach irgendwann wieder auf. Nur ein Fünftel aller jugendlichen Kiffer nimmt irgendwann andere illegale Drogen. Warum behalten die meisten jungen Menschen die Kontrolle? Was treibt die übrigen immer weiter in die Sucht? Jene, die schließlich massiv kiffen, haben oft besonders früh damit begonnen. Und sie bringen meist einen Rucksack voller Probleme mit, so beobachteten Möller und Kollegen. Sie untersuchten, mit welchen psychischen Störungen ihre Patienten zwischen Frühjahr 2005 und Sommer 2006 nach Hannover gekommen waren. Fast zwei Drittel von ihnen litten an Depressionen, mehr als ein Drittel an neurotischen Störungen oder an einer sozialen Phobie, bei der sich die Patienten davor fürchten, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. "Sie versuchten, sich mit Cannabis selbst zu behandeln. Es löste ihre Ängste und dämpfte ihre depressiven Symptome", sagt der Mediziner. Bald konnten sie das Kiffen nicht mehr lassen.

Die Bewohner von Teen Spirit Island gelten als besonders schwere Fälle. Denn sie kifften nicht nur massiv, sondern gerieten noch in die Fänge anderer illegaler Drogen. Fast die Hälfte der Patienten warfen auch die Partydrogen Ecstasy und Amphetamine ein, ein Viertel probierte Kokain. Und ließ sich auf eine gefährliche Achterbahnfahrt ihres Körpers und ihrer Psyche ein. So nahm Benjamin am Wochenende Partydrogen, um seinen Körper hochzupeitschen. War die Feier vorbei, musste er mächtig kiffen, um wieder zur Ruhe zu kommen. "Sonst konnte ich nicht schlafen."

Partydrogen sind gefährlicher

Wie vielen anderen Jugendlichen war Benjamin durchaus klar, dass Partydrogen ein ganz anderes Gefährdungspotenzial haben als Cannabis. Weil sie schlimmstenfalls schon bei einmaligem Konsum lebensgefährlich werden können, wie Ecstasy. Oder weil sie schnell süchtig machen können wie Kokain und verschiedene Amphetamine, etwa Crystal oder Pep. Nach den aktuellen Daten des IFT haben dennoch sechs Prozent der 21- bis 24-Jährigen bereits Erfahrung mit Ecstasy, ebenso viele mit Amphetaminen. Und mehr als vier Prozent dieser jungen Erwachsenen haben schon mindestens einmal gekokst. Auch Benjamin feierte euphorisiert an den Wochenenden die Nächte durch. Viel Spaß habe er damals gehabt, sagt er und möchte die Erfahrungen heute nicht missen.

Zunächst hatte er allerdings abgelehnt, als ihm Ecstasy angeboten wurde. "Ich hatte mächtig Respekt davor", sagt er. Hatte er doch gehört, dass manche Menschen durch Ecstasy einen Herzinfarkt oder eine Hirnblutung bekommen können. In der Tat steigert die Droge den Blutdruck und die Herzfrequenz, und unter hohem Blutdruck können lädierte Hirngefäße platzen. "Ein junger, gesunder Mensch hält diese Wirkung von Ecstasy aber gut aus", sagt Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank von der Universitätsklinik Köln. Viel gefährlicher sei, dass die Jugendlichen mithilfe der Droge die Nacht durchtanzten, dabei keinerlei Durst verspürten und überhitzten. Auch Krampfanfälle, Nierenversagen und Leberentzündungen kommen vor. Langfristig schwächeln Jugendliche nach Ecstasykonsum bei Gedächtnistests, weil vermutlich Nervenzellen in ihrem Gehirn zugrunde gehen.

Alle Skepsis hielt Benjamin nicht davon ab, bei der zweiten Gelegenheit zuzugreifen. "Ich hatte gesehen, wie happy die anderen mit Ecstasy waren", sagt er. Nun geriet er in einen Strudel, in dem er die Kontrolle über sein Leben verlor. "Auf den Partys vermischte sich alles - Ecstasy, Pep und sogar Koks", erinnert er sich. Was er nicht ahnte: Die harte Droge Kokain gilt neben Heroin als Substanz mit dem größten Suchtpotenzial.

Nur seine Angst vor Spritzen hielt Benjamin davon ab, sich Heroin unter die Haut zu jagen, nur diese Furcht bewahrte ihn vor dem totalen Absturz in die Drogensucht. Sonst gab es keine Grenzen, sagt er: "Man haute sich das Zeug so lange rein, bis man im Koma lag." Vermutlich hat Benjamin gerade noch mal Glück gehabt.

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