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Welt-Aids-Konferenz in Washington: Die Frau, die in Deutschland das Kondom populär machte

Elisabeth Pott ist seit 27 Jahren Chefin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Sie hat legendäre Anti-Aids-Spots gemacht - und wundert sich über naiven Fortschrittsglauben in Washington.

Tiiiina, watt kosten die Kondome? Wer erinnert sich nicht an den legendären TV-Spot mit Hella von Sinnen und Ingolf Lück, der mit einem ordentlichen Schuss Humor auf die Risiken von Aids aufmerksam machte und den Schutz durch Kondomen pries. 1990 war das - und, ein kleiner Gag am Rande: Ursprünglich sollte Supermarktkassiererin Hella nicht "Tiiina" sondern "Riiita" brüllen, in Anspielung auf die Gesundheits- und Familienministerin Rita Süssmuth (CDU), die gegen harte Widerstände in ihrer Partei die Aufklärung in Sachen HIV vorangetrieben hatte. Aber, klar: Das ging der CDU dann doch zu weit. Also wurde Riiita gegen Tiiina ausgetauscht.

Elisabeth Pott, damals wie heute Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und damit verantwortlich für den Spot, muss schmunzeln, wenn sie diese Anekdote erzählt. Was waren das für Zeiten: Das Wort Aids verband sich Mitte der 80er mit der Horrorvision einer durchseuchten Welt, Katholiken sprachen von einer Strafe Gottes für Homosexuelle, selbst die Kasernierung von HIV-Infizierten wurde diskutiert. Und Aufklärung? "Sie müssen sich nur mal erinnern, was Aufklärung damals bedeutete", sagt Pott zu stern.de: "Ein Gespräch zwischen Eltern und Kindern, in dem nichts gesagt wurde. Und in dieser Situation explizit darüber zu reden, wie sich Infektionen vermeiden lassen, was ein Kondom ist und wie es benutzt wird - das war ein weiter Weg."

Niedrige Neuinfektion in Deutschland

25 Jahre später ist belegt, dass es lohnte, diesen Weg zu beschreiten. Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland ist im europaweiten Vergleich sehr niedrig und sinkt leicht, im Jahr 2011 waren es 2889 Fälle. Die Zahl der Aids-Toten geht auch zurück, was allerdings auch auf die dramatisch verbesserten medizinischen Behandlungsmöglichkeiten zurückzuführen ist. Auf der Welt-Aids-Konferenz in Washington, bei der sich diese Woche 25.000 Wissenschaftler, Mediziner, Gesundheitspolitiker und Aktivisten treffen, ist sogar schon von einer möglichen Ausrottung der Erkrankung der Rede. US-Außenministerin Hillary Clinton sagte: "Wir wollen das Ziel einer Aids-freien Generation erreichen."

Pott teilt diesen Optimismus nicht, vor allem nicht den Glauben an einen umfassenden Erfolg der Medizin. "Eine Erklärung herauszugeben mit der Schlagzeile 'Aids-Epidemie beenden' finde ich nicht seriös", sagt die BZgA-Chefin. "Es wird so getan, als müsse man nur kurze Zeit forschen und dann sei das Problem gelöst - das stimmt einfach nicht." Die Zahlen spiegeln das auch nicht wider. Ausgerechnet in Washington, dem Tagungsort, liegt die Infektionsrate bei schwarzen Männern höher als in den stark betroffenen afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Und in Osteuropa sowie Zentralasien sind die Neuinfektionen seit 2005 um 22 Prozent gestiegen, wie UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mitteilte.

500.000 Euro pro Behandlung

Die Gründe dafür sind bekannt. Eine Impfung gegen den HI-Virus gibt es nicht, auch wenn einzelne Medikamente das Risiko einer Infektion senken. Und an Prävention ist in vielen Gesellschaften nicht zu denken. Über Osteuropa sagt Pott: "Es gibt dort sehr viele Tabus. Menschen, die homosexuell sind, dürfen nicht offen homosexuell leben, sie werden zum Teil bestraft. Das verhindert, über Kondome, Schutz und dergleichen überhaupt zu reden." Ist dieses Wissen nicht vorhanden, steigt naturgemäß das Risiko, sich versehentlich zu infizieren. Für Pott sind deswegen die Menschenrechte unteilbar mit der HIV-Bekämpfung verbunden. Nur in freien Gesellschaften, die sexuelle Gewalt ächten und unterschiedliche sexuelle Identitäten tolerieren, können sich Anti-Aids-Kampagnen entfalten.

Ein zweites Problem sind die Kosten der medizinischen Behandlung. "Wir schätzen, und das ist sehr konservativ geschätzt: Die Behandlung eines HIV-Infizierten kostet rund 500.000 Euro. Die Schweiz rechnet mit Kosten von einer Million Euro." Welches Entwicklungsland kann sich das leisten? Die globale Verteilung der Erkrankung ist deswegen wenig überraschend. 90 Prozent der Infizierten leben in Schwellen- und Entwicklungsländern, dort, wo es keine ausgereiften Gesundheitssysteme gibt und kein ausgeprägtes Bewusstsein über die Krankheit.

Teenies stehen auf Partnerschaft

In Deutschland breitet sich der HI-Virus nach BZgA-Daten hauptsächlich über schwule, erwachsene Männer im Alter zwischen 25 und 45 Jahren aus. Der Anteil der Heterosexuellen und der Drogenabhängigen ist vergleichsweise niedrig. Erstaunlich weit weg von der Aids-Gefahr sind Teenager und Heranwachsende. Pott erklärt das mit dem Sozialverhalten: "Gerade Jugendliche legen Wert auf Partnerschaft. Das 'erste Mal' erleben sie viel häufiger als früher in einer festen Beziehung. Der Eindruck aus unseren Studien ist: Es gibt eine Zusammenspiel von Liebe, Partnerschaft und Sexualität bei jungen Menschen." Begriffe wie "Pornogesellschaft" hält Pott für einen Mythos, der über die Medien verbreitet würde.

Zu tun hat Pott auch in Zukunft, 2889 Neuinfektionen im Jahr sind schließlich 2889 Neuinfektionen zu viel. Stolz ist sie darauf, dass Kondome inzwischen ein "ganz normaler Hygiene-Artikel" geworden sind, der in jeder Bar und an jeder Tankstelle erhältlich ist. Nur muss man sie auch nutzen - und wissen, was eine Nichtnutzung bedeuten kann. Pott räumt ein, dass es zum Beispiel schwierig ist, Menschen muslimischen Glaubens mit der Anti-Aids-Kampagne zu erreichen. "Wir versuchen, mit den Männern und Frauen ins Gespräch zu kommen, vor allem solchen, die einen Einfluss auf ihre Glaubensgemeinschaft haben. Aber es ist nicht einfach." Auch das ist ein Weg, der beschritten sein will.

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