"Ig Nobel"-Preise Genial behämmert


Gewagt gefragt, gewitzt geantwortet: Die Gewinner des "Ig Nobel"-Preises gehen den seltsamsten Forschungsprojekten nach. In San Francisco gab es eine Auswahl zu bewundern.
Von Karsten Lemm

Warum bekommen Spechte keine Kopfschmerzen, wenn sie den ganzen Tag lang mit dem Schnabel gegen Baumstämme hämmern? Die Frage muss erlaubt sein. Wer ihr nachgeht, darf nicht unbedingt mit dem Nobelpreis rechnen, aber mit Glück winkt dem verdienten Wissenschaftler eine Auszeichnung, die ähnlich rar ist: der "Ig Nobel"-Preis, der jedes Jahr für die zehn sonderbarsten Forschungsprojekte vergeben wird. "Ich bin stolz auf meinen Ig Nobel-Preis", sagt Ivan Schwab, der jahrelang geforscht hat, um die Antwort darauf zu finden, warum Spechte kein Aspirin brauchen. "Wissenschaft muss Spaß machen", erklärt er, "sonst wird es uns nie gelingen, die Leute dafür zu begeistern."

So steht der 59-jährige Kalifornier, im Hauptberuf Professor für Augenheilkunde an der Unversität von Davis, nun an diesem Freitagabend in einem Hotelsaal in San Francisco und hilft mit, das Jahrestreffen der Wissenschaftsvereinigung AAAS aufzuheitern. Gut 4000 Forscher sind angereist, um sich mit dem gebotenen Ernst über Themen wie Klimawandel, Aids und Atomwaffen auszutauschen, da kann ein bisschen Humor zwischendurch nicht schaden. Deshalb ist der Aufmarsch der "Ig Nobel"-Gewinner traditionell ein fester Bestandteil der Konferenz, auch wenn die eigentliche Verleihung der Preise immer schon im Herbst stattfindet.

"Es ist nicht leicht, einen Ig Nobel-Preis zu gewinnen", erklärt Marc Abrahams, Herausgeber der Zeitschrift "Annals of Improbable Research", das die kuriose Ehrung seit 1991 vergibt. Irgendwo zwischen 5000 und 7000 Vorschläge für verdiente Forschungsprojekte treffen im Durchschnitt jedes Jahr bei der Jury ein - und nur zehn können mit dem "Ig Nobel" belohnt werden. Am Ende zählt die Originalität. "Dies ist die einzige Auszeichnung, bei der es nicht darauf ankommt, der Erste, der Beste oder der Größte zu sein", sagt Abrahams. "Preiswürdig ist allein das, was Leute erst zum Lachen bringt und anschließend zum Nachdenken. Was sie dann denken, ist wieder eine andere Frage..."

Gute Auslese

2006 war ein gutes Jahr: Kuwaitische Forscher wiesen nach, dass Mistkäfer durchaus nicht nur Mist essen, sondern einen sehr wählerischen Gaumen haben. Zwei Australier gingen der Frage nach, wie oft man bei einem Gruppenfoto auf den Auslöser drücken muss, um statistisch gesehen sicher sein zu können, dass niemand auf dem Bild die Augen geschlossen hat. (Daumenregel für Gruppen unter 20: Die Zahl der Leute, geteilt durch drei, ergibt das Minimum an Aufnahmen.) Und zwei Holländer, die zeigten, dass Malaria-Mücken gleichermaßen auf Limburger-Käse wie Schweißfüße fliegen, durften sich nicht nur über den "Ig Nobel"-Preis freuen, sondern bekamen - ganz im Ernst - auch noch acht Millionen Dollar Fördergeld von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, um ihr Projekt zu vertiefen. Schließlich könnte es, so die Hoffnung, zu neuen Erkenntnissen bei der Malaria-Bekämpfung führen.

Redner unter der Peitsche

Keiner dieser Preisträger hat es an diesem Abend bis nach San Francisco geschafft. Stattdessen steht ein älterer Herr am Podium und spricht über ein Thema, das ihm seit über 50 Jahren am Herzen liegt: die Kräfte, die auf ein schulterloses Kleid einwirken - und wie sich das Wunder erklärt, dass trotz der vertikalen Kraft V und der zusätzlichen Kraft W, die für das Gewicht des Stoffes steht, im Regelfall nichts ins Rutschen kommt. Der Herr heißt Charles Seim und ist einer der renommiertesten Brückenbau-Ingenieure der Welt. Er spricht mit Feuereifer über sein Thema, und er überzieht mit Freude die fünf Minuten, die ihm gegeben sind, denn jeder, der überzieht, bekommt es mit "Miss Sweetie Pooh" zu tun: einer jungen Dame, die spielerisch die Peitsche schwingt, um die Redner zur Ordnung zu rufen. Sie trägt ein schulterloses Kleid. Scott Sanford darf anschließend dem Publikum, das vor Begeisterung johlt, erklären, was er über den Antrieb von Ufos herausgefunden hat. "Wir wissen erstaunlich wenig darüber", sagt der Astrobiologe, der bei der Weltraumagentur Nasa arbeitet. "Was daran liegen mag, dass Ufos sich der Beobachtung rationaler Menschen zu entziehen scheinen." Trotzdem ist er nach langem Nachdenken und ausführlichen Analysen zu dem Schluss gekommen, "dass Ufos von Verbrennungsmotoren angetrieben werden". Sind die vielen Abgaswolken im Weltall nicht Beweis genug? Fragt sich nur, wo die Außerirdischen auftanken, denn die Ufos, davon ist Sanford überzeugt, "können unmöglich Tanks besitzen, die groß genug sind für interstellare Reisen".

Die Spechte reißen es raus

Geradezu bodenständig, beinahe vernünftig, mutet im direkten Vergleich Ivan Schwabs Abschluss-Vortrag über die Spechte an - auch wenn der Forscher zur Feier des Tages einen schrillen Hut mit Schnabel und roten Federbüscheln trägt, den ihm seine Frau gebastelt hat. "Wie kommt es, dass die Wälder nicht voll sind von Spechten, die benommen auf dem Boden liegen?", fragt er. Die Antwort hat viel zu tun mit dem Gehirn der Vögel, das gut geschützt ist; einem dritten Augenlid, "das ähnlich wirkt wie ein Sicherheitsgurt"; und dem Schnabel, der sich so herausgebildet hat, dass er die Stöße des Hämmerns abfängt. So erklärt sich freilich nur, warum Spechte nicht bewusstlos werden. Woher wissen wir aber, dass sie nicht trotzdem unter Kopfschmerzen leiden? Ganz einfach, erklärt Schwab schelmisch: Wäre es anders, gäbe es die Vögel dann noch? "Spechte kommen ja abends nicht nach Hause und sagen: 'Heute nicht, Liebling, ich habe Kopfschmerzen'." Tatsache, das leuchtet ein.


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