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Bluthochdruck Stiller Killer in der Blutbahn

Schmerzlos, schleichend und oftmals tödlich: Bluthochdruck ist eine heimtückische Krankheit. Millionen Deutsche wissen nicht, dass sie in Gefahr sind. Dabei lässt sich das Leiden leicht feststellen - und effektiv behandeln

Er hatte überall kleine Depots angelegt. Näpfe und Tüten mit würzigen Schnecken, klebrigen braunen Bären und Tatzen aus schwarzem Gummi. Zu Hause, im Auto und auf dem Schreibtisch im Büro. Pfundweise kaute Felix Specht (Name von der Redaktion geändert) Lakritze. Wochenlang, wie eine Sucht, zur Beruhigung: Seine Frau war ausgezogen und hatte ihm die Scheidung angedroht.

Und dann, bei einem Routinecheck seines Hausarztes, bekam der Karlsruher Unternehmensberater noch einen zweiten Schock. Immer wieder hatte der Arzt die Manschette an Spechts Oberarm aufgepumpt, doch die Nadel des Messgerätes zeigte jedes Mal dasselbe Ergebnis: eindeutig Bluthochdruck.

Der Mediziner untersuchte den 38-Jährigen gründlich, versuchte, die Ursache für die hohen Werte zu finden. Nichts. Erst in der Reha-Klinik Glotterbad bei Freiburg, in die Specht überwiesen wurde, entdeckte ein Spezialist den Grund des Übels: die Massen von Lakritz, die der verlassene Ehemann ununterbrochen gegen seinen Stress lutschte. Der darin enthaltene Naturstoff Glycyrrhizin kann den Blutdruck steigen lassen.

Felix Specht ist einer von mindestens 16 Millionen Deutschen, die an Bluthochdruck leiden und bei denen die Ursachen oft erst mühsam erkannt werden. Auch in seiner Altersgruppe ist er keine Ausnahmeerscheinung: Eine Studie der Universität Loyola in Chicago, für die ein internationales Expertenteam die Häufigkeit und Behandlung der Kreislauferkrankung in acht Industrienationen verglich, kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass hierzulande jeder Zweite zwischen 35 und 64 Jahren zu hohe Werte hat. Allerdings ahnt die Hälfte der Betroffenen nichts von ihrem Leiden. Bluthochdruck ist ein "silent killer", ein leiser Mörder, wie die Engländer und Amerikaner sagen. Meist spürt der Kranke nichts, während der Hochdruck seinen Körper verändert, sein Gefäßsystem zermürbt; nur selten klagen Patienten über Schwindel und Kopfschmerzen.

Krankheit mit drastischen Folgen

Die möglichen Folgen der so genannten Hypertonie sind jedoch drastisch: Blutungen im Auge, Nierenversagen und Angina-Pectoris-Anfälle, Herzmuskelschwäche, Herzinfarkte und Schlaganfälle. Nach Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt der Bluthochdruck auf Platz drei der Faktoren, die die Lebenserwartung verkürzen - nur Mangelernährung und Rauchen wirken sich noch dramatischer auf die globale Sterbestatistik aus.

Hypertonie ist eine komplexe Erkrankung. Der Blutdruck, also die Power, mit der unser Lebenssaft durch unsere Adern fließt und dabei auf die Wände der Arterien wirkt, hängt auch schon beim gesunden Menschen von verschiedenen Größen ab: vom Herzschlag, vom Durchmesser der Gefäße und von deren Elastizität. Signale bestimmter Nervenfasern und Botenstoffe können den Blutdruck verändern. Bei Angriff und Flucht, bei Hundert-Meter-Sprints und hitzigen Debatten schnellt er in die Höhe, damit die Muskeln und das Hirn optimal durchblutet werden. Danach, bei Entspannung, fällt er - normalerweise - wieder ab.

Chronisch erhöhter Blutdruck entsteht, wenn irgendein Rädchen im Gefäß-, Ausscheidungs- und Herzschlag-Stellwerk unseres Körpers auf Dauer nicht mehr sauber läuft. Wenn die Arterien durch Nerven- und Botenstoff-Signale ständig zu eng gestellt werden, oder wenn die Niere nicht genug Salz und Flüssigkeit ausscheiden kann und das Herz deshalb zu viel Blut durch das Gefäßnetz pressen muss.

Es ist ein Teufelskreis: Wer dauernd zu hohen Blutdruck hat und nichts dagegen unternimmt, dessen Arterien verändern sich unaufhaltsam, weil sie dem überschießend pulsierenden roten Saft standhalten müssen. Die glatten Muskelzellen in der Gefäßwand vermehren sich, die Wand wird dicker und der Hohlraum kleiner, durch den das Blut fließen kann. Damit steigt wiederum der Widerstand in den Gefäßen, das Herz muss ackern wie ein Bodybuilder, um das Blut hindurchzupressen wie Löschwasser durch eine Feuerwehrspritze. Schließlich können die Arterien verstopfen oder platzen - mit möglicherweise tödlichen Folgen.

In solchen Fällen können Ärzte ihren Patienten leicht nachvollziehbare Ursachen für ihre Erkrankung nennen. Aber bei bis zu 95 Prozent der Hypertoniker gibt es nicht den einen Auslöser, der sich einfach abschalten, weglassen oder herausoperieren lässt. Oft bekommen Betroffene dann die Diagnose "essenzielle Hypertonie". Das bedeutet: Die Ursache ist unklar und die Krankheit irgendwie "anlagebedingt" - eine Pauschalisierung, die auch von Experten zunehmend kritisiert wird. "Für den Patienten ist so eine Diagnose völlig unbefriedigend, weil sie nichts über die Ursachen verrät", sagt Professor Martin Middeke, Bluthochdruck-Spezialist aus München. "Wenn der Arzt genau untersucht und sich ausgiebig mit dem Patienten beschäftigt, lassen sich häufig sehr wohl eindeutige Gründe für den hohen Blutdruck finden."

Neben familiärer Vorbelastung sind das meist "weiche" Faktoren, Kombinationen aus verschiedenen körperlichen und psychischen Problemen: Übergewicht, zu wenig Bewegung, zu viel Salz, zu viel Alkohol, Stress, Schichtdienst, Arbeitslosigkeit, Mobbing oder Lärm. Wie wichtig die seelische Befindlichkeit sein kann, zeigt die so genannte Kuopio-Risikofaktorstudie aus Finnland: Bei den Männern, die sich zur Zeit der Erstuntersuchung in hohem Maße hoffnungslos fühlten, wurde Bluthochdruck vier Jahre später dreimal häufiger diagnostiziert als bei zufriedenen Probanden.

Um den Einfluss der Seele auf den Blutdruck zu verdeutlichen, bedienen sich Mediziner gelegentlich so genannter Bio-feedback-Methoden: Die Patienten sitzen während des Arztgespräches ausgeruht in ihrem Sessel, am Finger einen kleinen Infrarot-Mess-Clip und vor sich einen Computerbildschirm. Auf dem sehen sie, wie ihre Werte innerhalb von Sekunden in die Höhe schnellen können, wenn es in der Unterhaltung ans Eingemachte geht. "Ich hatte mal eine junge Witwe in meiner Sprechstunde, die jahrelang ihre Schwiegermutter gepflegt hat - offenbar eine von der bösen Sorte wie aus dem Märchenbuch", sagt Martin Middeke. "Die Blutdruckwerte schossen bei dem Stichwort "Schwiegermutter" gefährlich in die Höhe - doppelt so hoch wie bei der anstrengenden Untersuchung auf dem Fahrradergometer zuvor."

Ursache: Stress, zu wenig Sport, Völlerei

An der Reha-Klinik Glotterbad konfrontierte Professor Jörg Michael Herrmann die Patienten mit Videofilmen. Inhalt: Sie selbst im Gespräch mit dem Arzt und die gleichzeitig ermittelten Blutdruckwerte. "Vielen fiel es wie Schuppen von den Augen, dass ihr Blutdruck bei Themen wie Scheidung, Auszug der Kinder oder Erbstreitigkeiten um den Bauernhof wahre Kapriolen schlug", sagt Herrmann.

Untiefen der Seele und Bewegungsmangel, Arbeitsstress und Völlerei, runtergeschluckter Ärger und familiäre Veranlagung - die Liste der möglichen Ursachen ist lang. Doch wie es scheint, hat das geballte theoretische Wissen in Deutschland kaum Auswirkung auf den medizinischen Alltag. Die Studie der Universität Loyola zeigt auch, dass weniger als zehn Prozent der Deutschen, die wegen Bluthochdruck in ärztlicher Behandlung sind, tatsächlich die Zielwerte unter 140 zu 90 mmHg erreichen - in Nordamerika schaffen das immerhin 23 Prozent. "Ein überraschend schlechtes Ergebnis für Deutschland", sagt Hans-Werner Hense, Mitautor der Studie und Professor am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie an der Universität Münster.

Die Resultate bekräftigen, was Fachleute schon lange anprangern: Bluthochdruck wird in Deutschland nicht ernst genommen - von den meisten Patienten nicht und von vielen Ärzten auch nicht. Während in den USA Aufklärungskam-pagnen und Plakat-Aktionen laufen, Komiker das Problem in ihre Shows einbauen und Spitzenpolitiker ihre Werte öffentlich machen, ist hierzulande die Aufklärung gleich null. Dabei gäbe es - trotz aller erschreckenden Statistiken - immerhin zwei positive Nachrichten zu verkünden: Erstens gehört die Behandlung des Bluthochdrucks zu den erfolgreichsten Therapien überhaupt - falls Arzt und Patient gut zusammenarbeiten. Und zweitens können viele Betroffene ihren Blutdruck auch ohne Tabletten drosseln.

Amerikanische Untersuchungen zeigen, dass Erkrankte mit leichter Hypertonie es schafften, ihre Werte innerhalb von sechs Monaten deutlich zu senken - durch mehr Bewegung und gesündere Ernährung, durch Verringerung des Alkoholkonsums und Gewichtsreduktion. Ein Drittel der Probanden erreichte so sogar Idealwerte unter 120 zu 80 mmHg. "An jedem Rädchen ein bisschen zu drehen, bringt meist schon eine ganze Menge", sagt Martin Middeke, der das Ratgeber-Buch "Bluthochdruck senken ohne Medikamente"* verfasst hat. Wer als Übergewichtiger ein Kilogramm abnimmt, verringert den Druck in seinen Adern um bis zu drei mmHg. Regelmäßiger Ausdauersport bringt noch einmal bis zu zehn mmHg. Und auch Entspannungstechniken wie autogenes Training, spezielle Muskelentspannungen oder Yoga weiten die Gefäße.

Die Spezialisten empfehlen zudem mediterrane Küche mit viel Gemüse, Fisch und pflanzlichen Ölen. Und sie warnen vor Kochsalz. Denn die Nieren vieler Hypertoniker können Salz nicht mehr richtig ausscheiden, wodurch zu viel Flüssigkeit im Körper bleibt. "Das meiste Salz ist in Nahrungsmitteln enthalten, bei denen wir gar nicht daran denken, etwa in Brot, Wurst oder in Speisen aus Konservendosen", sagt Walter Zidek.

Für Patienten, bei denen eine Umstellung der Lebensweise nicht ausreicht, um das Problem zu lösen, steht eine ganze Batterie von blutdrucksenkenden Medikamenten zur Verfügung. Sie setzen an unterschiedlichen Stellen im Körper an: Beta-Blocker senken die Herzfrequenz. ACE-Hemmer, Calcium-Antagonisten und AT1-Blocker erweitern die Gefäße und reduzieren somit den Widerstand. Entwässerungsmittel (Diuretika) erhöhen die Flüssigkeitsausscheidung und verringern damit das Volumen des Bluts, das durch das Gefäßnetz zirkuliert. Letztere Medikamentengruppe, ein Klassiker der Bluthochdruck-Therapie, schnitt in einer aktuellen amerikanischen Vergleichsstudie am besten ab: Diuretika erwiesen sich als genauso effektiv wie die anderen Mittel oder sogar als besser - und sind wesentlich billiger.

Allerdings können Medikamente gegen Bluthochdruck, wie alle Arzneien, Nebenwirkungen haben. Und wenn der Arzt diese nicht vorher mit den Patienten bespricht, vergeht ihnen schnell die Lust am Schlucken. "Ich musste zwei Stunden auf meine Oma mit Engelszungen einreden, damit sie ihre Medikamente weiternimmt", sagt Michael Thamm, Wissenschaftler am Berliner Robert-Koch-Institut, der sich intensiv mit den Blutdruckwerten der Deutschen beschäftigt hat. Seine Großmutter hatte erklärt, seit der Einnahme ihrer neuen Pillen fühle sie sich nicht mehr so fit und immer ein wenig schwindelig. Also wolle sie wieder damit aufhören. "Natürlich kann ein Hausarzt nicht jedem Patienten zwei Stunden lang erklären, wie wichtig die kontinuierliche Einnahme ist", sagt Thamm. "Aber jemandem einfach nur ein Rezept in die Hand zu drücken und nicht auf mögliche Nebenwirkungen hinzuweisen, das reicht eben nicht."

Über Schwindelsymptome, die die alte Dame quälten, klagen anfangs viele, die den Hochdruck mit Tabletten bekämpfen wollen. Oft landet dann die Pillenpackung im Papierkorb. "Aber gerade bei diesen Patienten, denen schwummerig wird, ist es wichtig, dass sie die Medikamente weiternehmen", sagt Walter Zidek. "Bei ihnen ist nämlich der Mechanismus, der normalerweise die Gehirndurchblutung konstant aufrechterhält, bereits durch den Hochdruck angegriffen worden."

Tabuthema Impotenz

Bei männlichen Patienten untergräbt oft auch das Tabuthema Impotenz den Erfolg der Hochdrucktherapie. In etwa 20 Prozent der Fälle können sowohl Beta-Blocker als auch Entwässerungsmittel zeitweise die Manneskraft erlahmen lassen. "Ist doch verständlich, dass der Patient die Packung wegschmeißt und beim nächsten Arzttermin nicht mehr auftaucht, wenn im Bett nichts mehr läuft", sagt Professor Jörg Michael Herrmann. Wenn der Doktor aber bereits im Vorhinein das Problem anspreche und für den Fall von Potenzschwierigkeiten Alternativen anböte, sei ein stabiles Vertrauensverhältnis geschaffen, das sich für eine langfristige und erfolgreiche Zusammenarbeit eigne.

Die besten Ergebnisse erreichen Ärzte, die ihre Patienten wie mündige Partner behandeln, die sie schulen lassen und Ehepartner oder Verwandte einbeziehen. "Wer in der Praxis für eine Messung zwei Stunden warten muss, verliert schnell die Lust", sagt Herrmann. Deshalb sollten Hypertoniker lernen, selbst ihre Werte zu messen und eine Blutdruckkurve zu führen. Auch eine Art Vertrag zwischen Arzt und Patient, der Zielwerte und Änderungen des Lebensstils festlegt, erhöht die Erfolgsquote.

So unspektakulär die Senkung des Bluthochdrucks sein mag - sie kann unsere Gesundheitsstatistik entscheidend beeinflussen. "Wenn heutzutage jemand ein Herz transplantiert bekommt, steht es dick in der Zeitung", sagt Professor Martin Middeke. "Dabei ist es doch genauso bemerkenswert, wenn ein Hausarzt seine Bluthochdruck-Patienten gut behandelt und diese Menschen ihre Lebensgewohnheiten erfolgreich umstellen. Damit werden Tausende von Herzen gerettet."Auch das Herz von Lakritzesser Felix Specht ist gerettet, im doppelten Sinne. Er verzichtete auf die Nasch-Orgien, verliebte sich neu - und hat seinen Blutdruck wieder im Griff.

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Anika Geisler

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