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Antarktisstation Neumayer III: Polarforschung auf Stelzen

Nach zwölf Monaten Bauzeit ist die deutsche Polarstation Neumayer III heute eingeweiht worden. Damit sie nicht das Schicksal ihrer Vorgängerin ereilt, ragt die Station auf mitwachsenden Stelzen aus dem Eis.

Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) bezeichnete die Station als ein "Meisterstück der Ingenieurkunst und ein Labor mit bislang ungekannten Möglichkeiten". Für die Wissenschaftler im Eis beginne eine neue Ära, sagte Schavan in Berlin. "Die Wissenschaftler liefern mit ihrer Arbeit Daten, die helfen, die richtigen Weichen in der Klimapolitik zu stellen", teilte das Forschungsministerium mit. Schwerpunkte seien das Erforschen der Atmosphäre und der Ozeane, mit besonderem Fokus auf die Entwicklung des Meereises und den Anstieg des Meeresspiegels.

Die moderne Station steht mit 16 Stelzen auf dem Ekström-Schelfeis im Südpolargebiet südlich von Kapstadt. Künftig können dort neun Menschen überwintern. Im antarktischen Sommer ist außerdem Platz für mehr Forscher. Sie sollen Klimadaten sammeln, die Konzentration von Treibhausgasen messen, das umfassende Verbot von Nuklearversuchen mitüberwachen oder bei der Erforschung von Walen helfen.

Die Pause herausgerechnet, haben die Bauarbeiten rund fünf Monate gedauert, die bereits Ende 2007 mit der Anlieferung der ersten 3500 Tonnen Material per Frachtschiff begannen. Während des antarktischen Winters von März bis Dezember wurde allerdings pausiert. Die 39 Millionen Euro teure neue Forschungsstation ist bereits die dritte, die das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung ganzjährig auf dem Elkström-Schelfeis betreibt. Benannt ist die Station wie ihre Vorgänger nach Georg von Neumayer (1826-1909), einem frühen Förderer der deutschen Südpolarforschung.

Neumayer II wird langsam zerquetscht

Die neue Station soll den enormen Kräften von Schnee und Eis allerdings länger widerstehen als ihre Vorgängerinnen - die nächsten 25 bis 30 Jahre, hoffen Forscher. Auch sie sei zwar "im Eis gegründet", sagt AWI-Logistikchef Hartwig Gernandt, könne aber auf den Stützen stehend "dem Druck des Eises ausweichen". Es soll ihr nicht so ergehen wie der kurz vor dem Abbau stehenden Neumayer II. Der Schneefall ließ sie in den vergangenen 17 Jahren weit unter der Oberfläche versinken. Der Druck durch Eisverschiebung zerquetscht, verdreht und krümmt sie langsam. Vor einem solchen Schicksal sollen die 16 hydraulisch beweglichen Stützen künftig die Wohnräume und Labors bewahren, indem sie diese mit der jährlich wachsenden Schneedecke anheben.

Auf einer Fläche von 1850 Quadratmetern können die Wissenschaftler in Zukunft bei 20 Grad Celsius Raumtemperatur leben und arbeiten. Zusammen mit den unter der Eisoberfläche liegenden Lagerräumen und der als Fundament dienenden Garage umfasst die gesamte Nutzfläche fast 4500 Quadratmeter. Im antarktischen Sommer kann die mit einer rot-weiß-blau lackierten Stahlhülle ummantelte Station mehrere Dutzend Menschen aufnehmen und ihnen als Ausgangspunkt für Expeditionen dienen.

Während des Winters sollen die neun Bewohner vor allem für den Betrieb der wissenschaftlichen Observatorien sorgen. Deren Langzeitmessungen machen den wissenschaftlichen Wert der AWI-Antarktisstation aus. So wurden seit dem Start von Neumayer I Anfang der 80-er Jahre unter anderem tausende Erdbeben mit weltweit verteilten Epizentren registriert. Kontinuierliche Wetterbeobachtungen lieferten die weltweit umfassendste Datenreihe zum Zerfall der Ozonschicht.

Klimaforschung und Wetterprognosen

Für das tägliche Emporsenden von Wetterballons - mit Helium gefüllt und einem Messgerät versehen - müssen die Wissenschaftler in Neumayer III nicht mal mehr hinaus in die Kälte. Das betreffende Laboratorium ist in die neue Station integriert, die Ballons können komfortabel vom Dach aus gestartet werden. Für geophysikalische oder luftchemische Messungen sind dagegen weiterhin zwei Kilometer durch Schnee und Eis zurückzulegen.

Auch wenn die Station heute mit einem Festakt einweiht wurde, ganz fertig sind die neuen Labors noch nicht. "Das geht noch weiter bis in den März hinein", sagt Logistikchef Gernandt. Doch das Team vor Ort werde sicher zur Feier des Tages anstoßen - wenn der Abschied von Neumayer II auch manchen wehmütig stimmen mag: etwa die Meteorologin Julia Wittig aus dem letzten dortigen Überwinterungsteam. Sie fand es durchaus "gemütlich in 'unserer' Röhre tief unter dem Eis".

AFP/DPA / DPA