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Arktis und Antarktis: Alarm an den Polen

Die Erdpole sind Schlüsselregionen für das Weltklima und wichtig für das Leben auf der ganzen Welt. Die globale Erwärmung wird sich vor allem in diesen Regionen bemerkbar machen - mit fatalen Folgen für Pflanzen, Tiere und letztlich den Menschen.

Veränderungen an den Polen der Erde wirken sich auf Meeresspiegel und Klima ebenso aus wie auf Fischfang, Rohstoffförderung und viele Tier- und Pflanzenarten. Um so bedrohlicher ist es, dass sich die steigenden Temperaturen vor allem in diesen Regionen bemerkbar machen. In den vergangenen 50 Jahren habe sich die Lufttemperatur in der Arktis mit 1,1 Grad doppelt so stark erhöht wie im globalen Durchschnitt, sagte Peter Lemke, Leiter des Fachbereichs Klimasystem am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven, bei einer Tagung in Frankfurt in der vergangenen Woche.

Internationales Polarjahr ausgerufen

Im Arktis-Klima-Report ACIA wird prognostiziert, dass sich der Nordpol in den kommenden 100 Jahren um weitere vier bis sieben Grad erwärmen wird. Eine solche Erwärmung hätte fatale Folgen. Forscher verschiedener Bereiche wollen sich deshalb verstärkt mit dem Phänomen beschäftigen und die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren - und haben dazu ein "Internationales Polarjahr" ausgerufen. Rund 55 000 Wissenschaftler aus 60 Nationen wollen dabei von März 2007 an zwei Jahre lang Zustand und Zukunft der Polarregionen so gründlich wie nie erforschen. Organisiert wird die Forschungskampagne von der Weltwetterorganisation (WMO) und dem Internationalen Wissenschaftsrat (ICSU).

Über die Planungen der deutschen Forschung berichteten die Wissenschaftler bei der Tagung am Frankfurter Senckenberg-Institut. "Die Rückseite des Mondes ist genauer kartiert als manche Bereiche in den Polarregionen", sagte Reinhard Dietrich, Vorsitzender der Deutschen Kommission zum "Internationalen Polarjahr".

Nordpol bis Ende des Jahrhunderts eisfrei

Eine Ursache der rascheren Erwärmung der Pole ist das Abschmelzen des Eises, das bislang einen großen Teil der einfallenden Sonnenstrahlung reflektierte und so von der Erde fern hielt. Wasser und Landmassen darunter nehmen die Wärme dagegen auf - und beschleunigen die Entwicklung auf diese Weise. "Die Pole müssen weiß bleiben!", betonte Lemke. Mit steigenden Temperaturen nehme die Intensität von Stürmen und Niederschlägen zu. Zudem verlagerten sich bei einem geringeren Temperaturgegensatz zwischen den Polen und den Tropen die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete.

Schon jetzt hat das Abschmelzen des Eises an den Polen beängstigende Ausmaße erreicht. "Die eisbedeckten Meeresflächen in der Arktis sind im Winter in den vergangenen 30 Jahren um 2,7 Prozent pro Dekade zurückgegangen", sagte Lemke. Die Sommerausdehnung habe sich um 7,6 Prozent pro Jahrzehnt verringert. "Wenn das so weiter geht, wird es am Ende unseres Jahrhunderts am Nordpol im Sommer kein Eis mehr geben", erklärte Eberhard Fahrbach, Ozeanograph am Alfred-Wegener-Institut. Prognosen amerikanischer Forscher gingen davon aus, dass Schiffe schon von 2040 an den Nordpol befahren könnten.

Meerestiere unter Stress

Ein Effekt der Eisschmelze ist schon jetzt messbar: Der Meeresspiegel steige gegenwärtig um durchschnittlich 3,1 Millimeter pro Jahr, sagte Lemke. Allerdings betrage der Eisanteil dabei nur 1,2 Millimeter. Der Rest sei darauf zurückzuführen, dass sich das immer wärmer werdende Wasser zunehmend ausdehne. Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) geht davon aus, dass der Meeresspiegel 2100 zwischen 0,5 und 1,4 Meter höher liegen könnte als 1990.

Mit dem Schmelzwasser gelangten zudem große Mengen Süßwasser in die Ozeane, der Salzgehalt sinke, sagte AWI-Biologin Doris Abele. Das Tauwasser spüle Erdreich ins Meer und setze die Meerestiere so unter Stress, da sie immer mehr Sediment aus der Nahrung herausfiltern müssten. Manche Fische an den Polen hätten außerdem im Laufe der Evolution das Gen für die Hitzeresistenz ausgeschaltet, erklärte Abele. Für sie seien die steigenden Ozeantemperaturen besonders fatal. "Viele Tiere sind am Rand ihrer Anpassungsfähigkeit angekommen."

Für einige Tierarten scheint das Aus kaum zu vermeiden - denn aufhalten lässt sich der Prozess den Polarforschern zufolge nicht mehr. "Selbst wenn wir ab heute nichts mehr in die Atmosphäre entlassen, hätten wir immer noch eine Erwärmung", erklärt Lemke. "Wir haben da eine Maschine angeworfen, die nicht so schnell zu stoppen ist."

Sandra Trauner/DPA / DPA