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AUSLAND: Kopfschuss für eine Niere

Nirgendwo werden mehr Menschen derart berechnend exekutiert wie in China. Denn mit Organhandel lassen sich Millionen verdienen, wenn der Häftling so stirbt, das sein Körper als Ersatzteillager intakt bleibt.

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Der Mann, der hundert Menschen gehäutet hat, hebt langsam das Messer und fährt durch das frische Fleisch: »Beim Schneiden bin ich geschickt.« In seinem ersten Leben in der Volksrepublik China war er Arzt. Jetzt arbeitet er in einem Vorort von New York, zerteilt in einer Sushi-Bar Tunfische, Lachse und Makrelen. »Endlich kann ich meine Fähigkeiten für etwas Gutes einsetzen«, sagt Wang Guoqi.

»Ich habe Angst, dass Agenten aus China mich umbringen«

Doch der Horror verfolgt ihn noch immer: die Todesschüsse in den Hinterkopf, die Bilder von Blut und spritzendem Hirn, die Szenen von Schweiß und Angst, die ihn nachts aus dem Schlaf schrecken lassen. Er sehnt sich nach seiner Frau, einer Krankenschwester, die er in der nordchinesischen Hafenstadt Tianjin zurückließ, als er nach Amerika flüchtete, und nach seinem sechsjährigen Sohn. Unter falschem Namen und mit gekauften Dokumenten schloss sich der Brandopfer-Spezialist im Herbst 2000 einer chinesischen Touristengruppe an, die Las Vegas und Disneyland besuchte - und tauchte unter. »Ich habe Angst, dass Agenten aus China mich umbringen«, sagt Wang. Der schlanke 39-Jährige ist der Kronzeuge für einen ungeheuren Vorwurf: Dass China Haut, Herz, Nieren und Leber von Hingerichteten systematisch verwertet und sie sogar an Ausländer verkauft (obwohl auch in China der Organhandel verboten ist). Regelmäßig schließen die Behörden Internetseiten, auf denen verarmte Bauern ihre Nieren anbieten. »So behält der Staat sein Monopol, die Hingerichteten sind sein Ersatzteillager«, sagt der chinesische Dissident und Systemkritiker Harry Wu. »Mit Hilfe der Regierung entstand eine industrialisierte Tötungsmaschine mit hohen Profiten und einem internationalen, mafiaartigen Netzwerk.«

Es ist ein warmer Tag im Oktober 1995, als Wang mit seinem Ärzteteam nach Luannan ausrückt, einem Landkreis 200

Kilometer östlich von Peking. Bauern karren im Ochsenwagen Mais von den Feldern, im Winter pflanzen sie in Gewächshäusern aus rotem Backstein Melonen und Salat für die nahe Hauptstadt. Transparente werben für die Ein-Kind-Politik, weiße Reklametafeln für Besteck und Brennholz. Eine arme, aber heile Welt, in der die Abende vor dem Fernseher für die 600 Dörfler die größte Aufregung darstellen. Außer wenn mal wieder eine Hinrichtung ansteht.

Westlich des Dorfes Xigaocun, nur einen Kilometer entfernt, liegt ein Zypressenwäldchen. Die Bäume wurden gepflanzt, um den Sandstürmen Einhalt zu gebieten, früher begruben die Bauern hier ihre Toten. Ein Schild warnt: »Wenn jemand dieses Gebiet beschädigt, rufen Sie bitte die Polizei.« An jenem Oktobertag rücken Militärpolizisten an. Sie bringen einen 30-jährigen Bauern. »Er hatte einen Nachbarn im Streit erschlagen«, erinnert sich Wang. Der Krankenwagen seines Teams parkt direkt am Waldrand.

»So wie ein Huhn, dem der Bauer gerade den Kopf abgeschlagen hat«

Der Arzt ist der letzte Mensch, der dem Verurteilten in die Augen blickt. Er gibt dem Todgeweihten eine Spritze durch die Hose in die Gesäßmuskeln. »Zur Beruhigung«, lügt ein Polizist, und der Todeskandidat bedankt sich überschwenglich. Tatsächlich sind es zehn Milliliter des Blutverdünnungsmittels Heparin - damit die Organe hinterher besser entfernt werden können. Aus zwei Meter Entfernung zielt der Henker auf den Yuzhen, das »Jadekissen«, einen Akupunkturpunkt am Hinterkopf in der Höhe der Ohrspitze. Der Kopf knickt weg, der Körper fällt in sich zusammen. Der Verurteilte windet sich am Boden, überlebt für einige qualvolle Minuten.

Bisher stützten sich die Vorwürfe gegen China allein auf die Aussagen des Arztes Wang vor einem Untersuchungsausschuss des US-Kongresses. Doch stern-Reportern ist es gelungen, auch in China Zeugen zu finden. »Das war nichts Ungewöhnliches, dass da einer noch zuckte. So wie ein Huhn, dem der Bauer gerade den Kopf abgeschlagen hat«, sagt Zhang Shujiang. Der Melonenverkäufer besitzt am Rand des Wäldchens ein Restaurant. »Nur hundert Meter von der Hinrichtungsstelle entfernt. Ich durfte immer aus nächster Nähe zusehen«, berichtet er. »Die Ärzte mussten schnell machen wegen der Organe.«

Hilfschirurgen schleppen den blutenden Bauernsohn zur Ambulanz. Drei Urologen schneiden Fesseln und Kleider auf, dann den Leib. Um die Nieren zu entfernen, brauchen sie weniger als zwei Minuten. Eilig machen sie sich auf den Weg ins Militärkrankenhaus von Tianjin. Drei Stunden später beginnt in der 180 Kilometer entfernten Hafenstadt die Nierenverpflanzung. »Für einen Parteifunktionär«, sagt Wang. In dieser Klinik hat er vor seiner Flucht zwölf Jahre gearbeitet.

Schmiergelder für den Körper eines Hingerichteten

Nach den Urologen kommt Wang an die Reihe. Das Herz des Schwerverletzten schlägt noch immer. Gerichtsbeamte verweigern einen Gnadenschuss. »Ohne Nieren kann er nicht lange überleben. Sparen wir uns die Kugel«, blafft einer. Mit einem Skalpell schneidet Wang den Körper von der Hüfte zur Achsel auf, um die Haut vom Torso zu lösen. Blut schießt in die Wunde. »Auf einmal schlugen Menschen gegen unsere Ambulanz, wahrscheinlich Angehörige. Sie forderten die Leiche des Hingerichteten«, berichtet Wang. Ihn packt die Furcht vor den Dörflern, die am Auto rütteln. »Statt der üblichen 60 Quadratzentimeter Haut konnte ich nur die Hälfte ernten. Wir mussten nach Tianjin flüchten.« Bei seinem Vorgesetzten beschwert sich Wang später über mangelnden Polizeischutz.

Das Militärkrankenhaus liegt im äußersten Osten der Zehn-Millionen-Stadt, ein vierstöckiger Bau mit blauen Fenstern und weißen Kacheln. Frauen in grünen Uniformen der Volksbefreiungsarmee bringen ihre Kinder zum Röntgen. Offiziere kaufen Obst, ehe sie ihre kranken Verwandten besuchen. Auf dem Dach weht das rote Banner mit den fünf goldenen Sternen. Am Eingang steht: »Den Menschen in den Mittelpunkt stellen«. Hier, im besten Krankenhaus der Region, lässt sich der Provinzgouverneur behandeln. Vor allem die Hautabteilung macht gutes Geld. »Bis zu 800000 Yuan Gewinn im Jahr«, sagt Wang, mehr als 100000 Euro. Für das Recht, den Körper eines Hingerichteten auszuweiden, stecken die Krankenhäuser Richtern und Gerichtsvollstreckern Schmiergelder zu, in diesem Fall gerade mal 300 Yuan, umgerechnet 40 Euro. Allein die Haut bringt ein Vielfaches. Für die Transplantation einer einzigen Niere zahlen Ausländer in China bis zu 25000 Dollar - an Zwischenhändler und Krankenhäuser.

Die Hautbank, deren Chef Wang Guoqi einst war, befindet sich im dritten Stock der Klinik. An Wang wollen sich die meisten Schwestern und Ärzte nicht mehr erinnern. Ein Arzt murmelt: »Der arbeitet nicht mehr hier.« Dann verschwindet er schnell auf der Toilette.

Nach der Hinrichtung des jungen Bauern säubert Wang im Krankenhaus die mit Blut und Schmutz verkrustete Haut des Toten, rasiert die feinen Körperhaare, wäscht die Haut in einer Salzlösung, taucht sie 15 Minuten in ein Desinfektionsbad. Von der Innenseite entfernt er Fleischfetzen und Fett, ehe er die Beute bei 196 Grad minus in Flüssigstickstoff einfriert.

Wang will nicht mehr. Zu viele der mehr als hundert Eingriffe an Exekutierten laufen nicht nach Plan. Wie bei der Organgewinnung für Yan Xiuzhong, Direktor der Fünften Fabrik für Elektronische Komponenten in Tianjin. Wang Guoqi und der Urologe Wang Zhifu werden in die Todeszelle des Xiaoxiguan Gefängnisses gesandt. Unter vier Todeskandidaten finden sie einen mit der richtigen Blutgruppe. Das Krankenhaus übermittelt an das Gericht das gewünschte Hinrichtungsdatum. Wang und ein Assistenzarzt werden als Leichenträger bestimmt.

»Keine Nieren mehr. Aber das Herz schlägt immer noch«

Als die Urologen hastig die Nieren herausschneiden, fällt einer dieser Sätze, die Wang nicht vergessen kann: »Schaut mal. Keine Nieren mehr. Aber das Herz schlägt immer noch.« Wang bittet um Versetzung. Die Vorgesetzten bleiben stur. Ganz in der Tradition von Maos Kulturrevolution zwingen sie ihn, eine Selbstkritik zu schreiben. Wang beschließt zu flüchten. Als er in den USA auspackt, spricht die demokratische US-Abgeordnete Cynthia McKinney von »Frankenstein-Medizin«. Menschenrechtsgruppen lancieren die Information vergangenen Sommer kurz vor der Entscheidung über Pekings Olympia-Bewerbung. Die chinesische Regierung tut Wangs Schilderungen als »sensationsmacherische Lügen« und »boshafte Verleumdungen« ab. Todeskandidaten bei noch lebendem Leib die Haut abzuziehen, das klingt so ungeheuer, dass selbst Kritiker der Pekinger Diktatoren Zweifel äußern.

Doch elf Kilometer von Luannan finden wir den geheim gehaltenen Hinrichtungsort, an dessen genauen Namen sich auch der Überläufer Wang Guoqi nicht hat erinnern können. Zwischen Zypressen liegen eine gestreifte Sträflingshose, eine graue Jacke, eine Unterhose und blaue Strümpfe. »Von der letzten Hinrichtung«, murmelt ein alter Mann, der Plastikmüll aufsammelt. Andere der insgesamt zwölf Bauern, mit denen wir sprachen, sind sich nicht sicher. »Vielleicht nur weggeworfen. Die letzte Exekution ist schon ein Weile her.« Aber alle können sich an die Hinrichtung im Herbst 1995 erinnern. »Der Boden hier ist blutgetränkt«, sagt der Maisbauer Gao. »Was interessiert Sie das?« Ein anderer den Namen des Hingerichteten: »Das war der junge Herr Qi. Seine Eltern wollten vor Gericht.«

Denn das chinesische Gesetz verbietet es, Organe ohne die Zustimmung der Betroffenen oder deren Familien zu entfernen. »Wir gehen davon aus, dass dagegen in der Regel verstoßen wird«, sagt Dirk Pleiter von Amnesty International. »Bisher hat die chinesische Regierung nicht eine einzige schriftliche Einverständniserklärung eines Todeskandidaten vorgelegt. Und gäbe es sie, wäre sie von zweifelhaftem Wert angesichts der unmenschlichen Bedingungen in den Gefängnissen.« Der Arzt Mudan Jiang berichtet aus dem Gefängnis der nordchinesischen Stadt Hailin: »Ein nackter Häftling lag mit dem Gesicht am Boden, seine Knöchel und Handgelenke an den Boden gekettet.« Als die Wächter ihm Erleichterungen versprachen, willigte er ein, seine Organe zu spenden. Bis zur Hinrichtung bekam er fortan drei Mahlzeiten statt einer. Tagsüber durfte er sich, nur noch mit Hand- und Fußschellen gefesselt, in seiner Zelle fortbewegen.

Watte, Gummihandschuhe und eine Schachtel mit der Aufschrift »Nieren-Konservierungsflüssigkeit«

Aus Furcht vor der Polizei und aus Scham über die Verbrechen ihrer Angehörigen schweigen die meisten Familien, auch wenn sie im Herzen den Organdiebstahl verfluchen. Chinesen glauben traditionell, dass in den Organen die Seele sitzt. In der Stadt Xinyang in der zentralchinesischen Provinz Henan wehrt sich Rao Enhuan, eine selbstbewusste Rentnerin mit schlohweißem Haar und Hornbrille, gegen die Willkür der Behörden. Aus Eifersucht hatte ihr Sohn Zhao Wei einen verschuldeten Freund angeheuert, um seine eigene Frau ermorden zu lassen. Beide wurden im August 1999 zum Tode verurteilt. Beamte bedrängten die Familie, einer Organentnahme zuzustimmen. »Das haben wir abgelehnt, und sie haben es trotzdem getan«, schimpft Zhaos Mutter. Lu Dean, ein Freund der Familie, fand am Hinrichtungsort blutige Watte, eine leere Packung für Gummihandschuhe und eine Schachtel mit der Aufschrift Nieren-Konservierungsflüssigkeit». Der Zeuge fotografierte die Beweise für den Organraub.

Seit der Hinrichtung versucht Zhaos Mutter, den Fall vor Gericht zu bringen. Die Richter lehnen ab, der Anwalt gab unter dem Druck der Behörden auf. Die staatliche Organverwertungs-Maschinerie mit mehr als hundert Krankenhäusern, die Transplantationen vornehmen, braucht Nachschub. Weil der Körper in der Tradition des Philosophen Konfuzius als Geschenk der Eltern gilt, das nicht versehrt werden darf, sind Organspender in China eine Seltenheit. Nach Informationen von Tang Xiaoda, dem Präsidenten der Chinesischen Gesellschaft für Dialyse und Transplantation, haben von 1960 bis Ende 2000 knapp 35000 Patienten neue Nieren erhalten. Es wurden aber nur 181 lebende Spender verzeichnet, weniger als ein Prozent der Gesamtzahl. »Selbst wenn einige Nieren von Unfallopfern stammen, muss man davon ausgehen, dass der übergroße Teil Hingerichteten entnommen wurde«, sagt der Hongkonger Menschenrechtler Nicolas Becquelin von der Organisation Human Rights in China. Amnesty hat seit 1990 mehr als 22000 Hinrichtungen gezählt, die Dunkelziffer liegt weit höher.

Gefängniswächter, Richter und Ärzte verdienen mit am Organhandel, ohne je das strenge chinesische Gesetz fürchten

zu müssen. Alles unterliegt höchster Geheimhaltung. In den »Provisorischen Richtlinien zur Verwendung toter Körper und Organe von verurteilten Kriminellen« von 1984 heißt es: »(?) muss strikt vertraulich gehandhabt werden. Autos mit der Aufschrift medizinischer Institutionen dürfen nicht benutzt werden, weiße Arztkleidung darf nicht angezogen werden. Nach der Verwendung der Leichname sollen die Krematorien den Einheiten bei der zeitigen Verbrennung helfen«.

Verschlafene Hafenstädte als Zentren für den Organhandel

International steht China immer wieder am Pranger wegen Todesstrafe und Organhandel. In der Bevölkerung jedoch ist die Praxis kaum umstritten, wohl aber der Verkauf der Organe an Ausländer. Allerdings verdienen die Kliniken mit verzweifelten Nierenkranken aus der chinesischen Diaspora in Hongkong, Thailand und Malaysia das meiste Geld.

Malakka, eine verschlafene Hafenstadt in Süd-Malaysia, bekannt für seine Palmenstrände, ist eines der wichtigsten Zentren für die Schlepper-Organisationen. Sie versprechen frische funktionierende Nieren. Preis: etwa 20000 Dollar.

Die St. John Klinik liegt in einem Gässchen am Stadtrand, nahe der größten Moschee der Stadt. Autowerkstätten umgeben das zweistöckige Haus. In der Klinik surren 40 Dialysemaschinen. Fernseher hängen von der Decke, Musik plärrt so laut, dass die Krankenschwestern schon mal den Pfeifton überhören, der das Ende der vierstündigen Prozedur signalisiert. Der Vorsitzende von St. John betont, »niemanden zu ermuntern, sich in einem anderen Land eine Niere zu kaufen«. Das Pflegepersonal aber lässt Telefonnummern von Agenten kursieren, die schwerkranke Patienten nach China schleusen.

Geschichten machen die Runde, von Leuten, die seit Jahren mit neuen Nieren beschwerdefrei leben. Aber auch von Frau Chan wird erzählt, die in Chongqing im Tai-Ping-Militärkrankenhaus unters Messer kam. Die Frau hat fünf Kinder. »Ich musste einfach was tun, um weiterzuleben«, erklärt sie. Man teilte ihr mit, dass die Niere von einem jungen Exekutierten stammen werde, am Vorabend der Operation sah sie die Hinrichtung im Fernsehen. »Damit kann ich leben. Die Operation aber war ein Albtraum«, sagt sie. Frau Chan wurde nur örtlich betäubt.

Hinrichtungen sollen durch den Einsatz von Todesspritzen perfektioniert werden

»Es ist vollkommen verantwortungslos, Nierenkranke nach China zu schicken«, ereifert sich Professor Koh Eng Thye, einer der führenden Nierenspezialisten Malaysias. Allein in den vergangenen zweieinhalb Jahren stellte er bei 30 Patienten, die in China eine Niere bekommen hatten, lebensgefährliche Verstopfungen an den Schnittstellen der Arterien fest, die zur transplantierten Niere führen. In drei Fällen wurden Patienten mit Aids infiziert. »Weil die Nieren am Hinrichtungsort schnell entnommen werden müssen, fehlt es an Sorgfalt.«

Seit den neunziger Jahren experimentiert China damit, Hinrichtungen durch den Einsatz von Todesspritzen zu perfektionieren. Neben mehr als tausend Tieren mussten auch 24 Todeskandidaten als Versuchskaninchen herhalten, bis »Medizin 2« als geeignetes Tötungsmittel befunden wurde. Bei »Medizin 1« hatte der Todeskampf 3 Minuten und 45 Sekunden gedauert. 1997 berichteten die Zeitungen über eine Todesspritzen-Hinrichtung in Kunming, der Hauptstadt der Provinz Yunnan. Die fünf Männer waren »zwischen 25 und 30 Jahre alt, zwischen 50 und 68 Kilo schwer und drogenfrei«. Die Staatspresse lobte die »Verwirklichung humanitärer Prinzipien«, denn alle starben innerhalb einer Minute. Anders als bei Erschießungen werden Hinrichtungen nun nicht mehr öffentlich stattfinden, sondern in einem abgeschiedenen, eigens dazu ausgerüsteten Raum. Kugeln zerfetzen keine wertvollen Organe mehr, die Gifte der Todesspritze lassen sich problemlos aus Nieren und Leber waschen. »Die Ärzte werden Zeit haben, die Toten in Ruhe auszunehmen. Die Hinrichtungsmaschine wird weiter geölt«, fürchtet der Hongkonger Menschenrechtler Becquelin.

Außer in Kunming arbeiteten Forscher der berühmten Tongji-Klinik in Wuhan, der Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hubei, daran, die Todesspritze zu verbessern. Die Klinik war 1907 in Shanghai von dem deutschen Arzt Erich Paulun gegründet worden und nach Bürgerkrieg und Revolution nach Wuhan umgezogen. »Wir sind für etwas berühmt, das Ausländer gar nicht wissen dürfen«, flüstert ein Arzt. 1960 gelang im Tongji die erste Nierentransplantation der Volksrepublik. Hier arbeitet Wu Jieping, der berühmteste Transplantationschirurg Chinas. Nach Informationen des stern wurden im Tongji zwischen 1990 und 1998 mehr als tausend Nieren verpflanzt, nur drei Prozent von lebenden Spendern - die meisten von Hingerichteten. Das Tongji rühmt sich seiner Zusammenarbeit mit den medizinischen Fakultäten von elf deutschen Universitäten, darunter der Humboldt-Universität Berlin, der Technischen Universität München und der Universität Gesamthochschule Essen. Die Praktiken der Klinik sind seit 1994 bekannt, der Austausch von Ärzten und Studenten aber geht weiter.

Der Pathologe Wu Zhongbi, ein reizender Herr von 83 Jahren, Ehrendoktor der Universität Heidelberg, spricht gepflegtes Deutsch und nimmt die Treppenstufen flink wie ein Teenager. Er war Vize-Rektor des heute 7000 Angestellte zählenden Universitäts-Krankenhauses. Lange Jahre war er an Forschungen zur Konservierung von Organen beteiligt - ein wichtiges Glied in der Kette der Organverwertungsindustrie. Am 20. März hat ihm der Deutsche Botschafter in Peking bei einem feierlichen Mittagessen in seiner Residenz das große Verdienstkreuz mit Stern verliehen - einen der höchsten deutschen Orden, den je ein Chinese erhielt.

Matthias Schepp/Rico Carisch

Fotos: Bert Spangemacher; Matthias Schepp