Botanik Pflanzen erzählen die Geschichte des Kolosseums


Das Kolosseum ist beliebtes Touristenziel und archäologisches Wahrzeichen Roms. Forscher interessieren sich nun auch für die reiche Pflanzenwelt, die sich dort über Jahrhunderte erhalten hat.

Römern und Touristen ist das Kolosseum hauptsächlich als Schauplatz blutiger Gladiatorenkämpfe ein Begriff. Hunderte Besucher bestaunen täglich die Reste des monumentalen Bauwerks, wandeln durch die Gänge im Innenraum und genießen das herrliche Panorama von den oberen Stockwerken. Dabei übersehen sie fast immer, dass es aus allen Mauerritzen grünt und sprießt. Die überaus reiche Pflanzenwelt, die sich im Kolosseum über Jahrhunderte erhalten hat, steht im Mittelpunkt einer Studie römischer Forscher.

Flora erzählt die Geschichte des Kolosseums

"Die Flora des Kolosseums kann uns viel über seine Geschichte verraten", sagt die Biologie-Professorin Giulia Caneva von der Universität Rom, die das sechsköpfige Forschungsteam anführt. In mühsamer Kleinarbeit hat die Gruppe Pflanzenproben aus allen Teilen des Monuments entnommen, untersucht, katalogisiert und analysiert. "Die Idee kam uns, weil es bereits im Jahr 1643 eine erste ausführliche Studie von Domenico Panaroli über die Flora des Kolosseums gab", erzählt Caneva im Gespräch mit der dpa. Darauf folgten im 19. Jahrhundert drei weitere Katalogisierungen sowie eine fünfte 1951.

Direkter Vergleich zwischen Jahrhunderten

"Von keiner anderen archäologischen Stätte gibt es derart viele Aufzeichnungen über einen so langen Zeitraum", erläutert Caneva. Anhand dieser historischen Daten war es jetzt möglich, einen direkten Vergleich zwischen den in den verschiedenen Jahrhunderten gefundenen Pflanzen zu ziehen.

Viele Arten sind mittlerweile verschwunden

Den Höhepunkt erreichte die Artenvielfalt des "Amphiteatrum Flavium", wie das Kolosseum eigentlich heißt, im Jahr 1855. Richard Deakin fand damals 418 verschiedene Pflanzen. Darunter waren auch viele äußerst seltene Exemplare, die sonst in Europa kaum vorkamen. "Den historischen Tiefpunkt haben wir hingegen heute erreicht. Unser Team konnte nur noch 242 Exemplare katalogisieren", berichtet Caneva. Jedoch fänden sich darunter weiterhin zahlreiche Arten, die in Rom ansonsten ausgestorben seien und für die das Kolosseum zu einem letzten Zufluchtsort geworden sei.

Geschichte "pflanzliche" interpretiert

Anhand dieser Daten kann die Geschichte des Kolosseums jetzt quasi "pflanzlich" interpretiert werden. Denn als das Bauwerk nach dem Niedergang des römischen Reiches bis zur Einigung Italiens 1860 praktisch verlassen und sich selbst überlassen war, konnte sich die Flora ungehindert vermehren. Das Kolosseum war grün und überwuchert, "ein verzauberter Garten voller Blumen und Gewächse", schwärmten Reisende des 18. Jahrhunderts.

Reinigungsaktion 1860

Erst die Piemonteser begannen nach 1860 mit einer groß angelegten "Reinigungsaktion" des Denkmals, bei der zahlreiche Arten verloren gingen. "Es war die Wissenschaft mit ihren kalten Regeln, die diesen Ort in einen Zustand gebracht hat, der die Kunst der Malerei zum Weinen bringt", machten damals französische Maler ihrem Unmut Luft.

Größter pflanzlicher Mikrokosmos der Welt

In allen sechs Untersuchungen wurden insgesamt 684 verschiedene Arten gefunden - zahlenmäßig ein Zehntel der in ganz Italien beheimateten Flora. "Damit ist das Kolosseum der wahrscheinlich größte pflanzliche Mikrokosmos der Welt", erläutert Caneva. Die Voraussetzungen seien schlicht perfekt, da das Bauwerk mit seinem enormen Umfang von mehr als 500 Metern unzählige verschiedene Klimate aufweise - von schattig-feucht in den unteren Teilen bis zu trocken- sonnig in den oberen Stockwerken.

Früher kälter als heute

Die Daten des römischen Forschungsteams geben auch Aufschluss über klimatische Veränderungen der vergangenen 350 Jahre. "Im 17. Jahrhundert war es hier viel kälter und feuchter als heute", sagt Caneva. Vor allem die Pflanzen, die ein warmes und trockenes Klima vorzögen, hätten bis heute überlebt.

Auch andere archäologische Stätten pflanzenreich

Künftig wollen die Forscher die Pflanzenwelt weiterer archäologischer Stätten untersuchen. So seien der römische Palatin und das Forum Romanum interessante Studienobjekte. "Einen für Biologen so außergewöhnlichen Ort wie das Kolosseum werden wir aber wohl kaum nochmal finden", sagt Alessandra Pacini, ein Mitglied des Teams. Die Ergebnisse der achtjährigen Studie am Kolosseum sollen demnächst in einem Buch mit dem Titel "Amphiteatrum Naturae" veröffentlicht werden.

Carola Frentzen


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