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Evolution: Neues vom Neandertaler

Ein Neandertaler-Sensationsfund aus dem Jahr 2000 ist der Eckpfeiler einer neuen Theorie, mit der Ausgräber Jürgen Thissen die Geschichte der frühen Besiedlung Europas ordentlich durcheinander wirbelt.

Im Neandertal vor mehr als 40 000 Jahren: Eine Gruppe altsteinzeitlicher Menschen, deren Ahnen vor langer Zeit aus Afrika eingewandert waren, knacken mit ihren Steinwerkzeugen die Arm- und Beinknochen einer Neandertalerin und schlürfen das äußerst nahrhafte Mark. Einen älteren Neandertaler haben sie zuvor skalpiert und dem gewaltsam geöffneten Schädel das Gehirn entnommen. Diese gruselige Urzeit-Szene entspringt keineswegs der reinen Fantasie, sondern ist die Interpretation eines Forschers nach seiner akribischen Arbeit.

Funde bei Mettmann lieferten Grundlage für neue Theorie

Der Sensationsfund des Jahres 2000 mit weiteren, Neandertalerknochen an der historischen Fundstelle bei Mettmann ist ein Eckpfeiler in einer Theorie, mit der der Neandertal-Ausgräber Jürgen Thissen die Geschichte der frühen Besiedlung Europas ordentlich durcheinander wirbelt. Wie sich jetzt herausgestellt hat, waren die Lang-Knochen des wohl weiblichen Urmenschen schon unmittelbar nach dessen Tod zerschlagen worden. Vielleicht wollten sich hier - wie auch an vielen anderen Fundplätzen festgestellt - Mitglieder einer konkurrierenden Homo sapiens-Gruppe das eiweißreiche Mark sichern.

Viele Wissenschaftler gingen bisher davon aus, dass der alte Kontinent ohne Unterbrechung seit mindestens einer Million Jahren besiedelt wird. Zunächst kam aus Afrika der "Homo erectus", der sich schließlich zum Neandertaler entwickelte. In einer weiteren Welle erreichte vor gut 40 000 Jahren der moderne Mensch Europa.

Thissen geht von vielen Einwanderungswellen aus

Der Altsteinzeit-Experte Thissen, der seit 20 Jahren in vielen Ausgrabungen dem Neandertaler auf der Spur ist, geht dagegen von "einer ganzen Anzahl von Einwanderungswellen" aus. In jeder länger andauernden Warmzeit seien frühe Sapiens-Menschen, Benutzer der "fortschrittlichen" Steinwerkzeuge, aus dem Mittelmeergebiet nach Norden gewandert und hätten sich in Kaltzeiten wieder zurückgezogen. Thissen: "Es gab also keine kontinuierliche Besiedlung Europas in dieser Zeit."

Für den Bonner Experten für Ur- und Frühgeschichte, Prof. Hans- Eckart Joachim, ist die "neu interpretierte Sicht" auf Europas ferne Vergangenheit "sicher attraktiv, aber noch umstritten". Es sei eine Frage, ob anthropologische und archäologische Daten vermischt werden dürften, meinte der Wissenschaftler, der am Rheinischen Landesmuseum Bonn "Hüter" des kostbaren Neandertaler-Skelettes war.

Mindestens sechs Mal nach Europa eingewandert

Vor sieben Jahren fiel Thissen und seinem Ko-Autor Dirk Tomalak bei der Freilegung eines Rastplatzes der Neandertalerzeit nahe Mönchengladbach zum ersten Mal auf, dass "erstaunlich moderne und hochspezialisierte Steingeräte in eigentlich zu alten Bodenschichten vorkommen". Gleichalte genetische Untersuchungen, wonach der Neandertaler nicht zu den Vorfahren des modernen Menschen gehört hat, belegten einen Bruch in der bis dahin von vielen Wissenschaftlern vermuteten kontinuierlichen biologischen Entwicklung des Europäers.

Nach Thissens Überzeugung sind die frühen Menschen Eurasiens und Afrikas - wie auch die gesamte damalige Tier- und Pflanzenwelt - vom "Motor mehrerer gewaltiger Klimawechsel" getrieben "mindestens sechs Mal" nach Norden und retour gewandert. Er stützt diese Theorie auf eine Neubewertung fossiler menschlicher Schädel etwa aus Steinheim und Weimar-Ehringsdorf, eine "bisher weit gehend vernachlässigte Berücksichtigung anatomischer Merkmale" und den genetischen Erkenntnisse. Damit sei einfach zu erklären, warum es während der Kaltzeiten Europas "Jahrzehntausende währende Lücken" im Fundmaterial gebe.

Neandertaler war laut Thissen der "erste wirkliche Europäer"

Erstmals vor gut 200 000 Jahren, so erklärt Thissen in dem gerade erschienenen "Jahresbericht des Naturhistorischen Vereins in Wuppertal" mit Funden aus Frankreich und dem Rheinland, blieb ein Teil der Wärme liebenden "Einwanderer" vom Mittelmeer aus bisher unbekannten Gründen in Zentraleuropa. "Der archaische Homo sapiens, feingliedriger Schöpfer fortschrittlicher Steinwerkzeuge, wurde im Eiszeitklima zum Ahn des Neandertalers, der dann der erste wirkliche Europäer war". Erst eine erneute Warmzeit vor 120 000 Jahren brachte ihm die Bekanntschaft der wieder einmal einwandernden und inzwischen weit entfernten Vettern aus der Familie Homo sapiens. Unter dem Einfluss von Kälte und "genetischer Isolation" hatte sich der Neandertaler nach Ansicht Thissens anatomisch und technologisch zurückentwickelt und wurde schließlich zur Jagdbeute des neu eingewanderten "modernen" Menschen.

Gerd Korinthenberg

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