Insektenplage Gefräßige Marienkäfer terrorisieren Frankreich

Sie breiten sich auf Häuserfassaden aus, krabbeln durch Türritzen und fallen zu Tausenden in die Wohnungen der Pariser Bürger ein: Frankreich leidet unter einer Invasion der asiatischen Marienkäfer. Die Insekten sind für den Menschen zwar ungefährlich, sorgen aber bei Winzern für Horrorvisionen.

"Es ist der Horror, sie tummelten sich zu Hunderten in den Vorhängen", klagt Cyril. "Ich hab sie alle weggesaugt, aber am Fenster warten tausend weitere und wollen rein!" Was nach einer Szene aus Hitchcocks "Die Vögel" klingt, ist ein Hilferuf in einem französischen Internetforum: Das Land wird von einer Invasion der asiatischen Marienkäfer heimgesucht. Der Harmonia axyridis überschwemmt Häuserfassaden, krabbelt durch Fenster- und Türritzen, bedroht die Artenvielfalt und bereitet den Winzern Bauchgrimmen.

"Die Plage begann vor drei Jahren im Norden und Osten. Inzwischen ist sie nicht mehr zu stoppen", warnt Jean-Pierre Coutanceau vom Nationalmuseum für Naturgeschichte in Paris. In diesem Jahr ist erstmals die Hauptstadt befallen, dutzende Kolonnen der gepunkteten Käfer wurden auf dem Montmartre gesichtet, auch in Versailles stöhnt man inzwischen über die Plage. In den kalten Tagen treiben die ausgewachsenen Tiere auf der Suche nach einem Winterquartier in riesigen Trauben in die Häuser und historischen Gebäude. "Sie verschwinden erst im Frühjahr wieder", sagt Coutanceau.

Marienkäfer lösen Hysterie aus

Die ersten frei lebenden Exemplare des Harmonia axyridis tauchten 2001 in Belgien auf. Rasch kolonisierten die asiatischen Läusefresser das kleine Land und erste Regionen im angrenzenden Frankreich und den Niederlanden. Auch in Deutschland, besonders um Hamburg und Frankfurt, sind die bis zu acht Millimeter großen Tierchen. Die ersten Vorposten der Invasion. In Frankreich führt die neue Dimension der Plage in diesem Herbst zu einer regelrechten Hysterie. Fernsehsender schicken Kamerateams in die befallenen Haushalte. In besonders betroffenen Regionen wie dem Elsass rufen angeekelte Bewohner immer häufiger die Feuerwehr. "Dabei muss man vor den Tierchen keine Angst haben", beschwichtigt Stéphanie Rondel. Sie gehört zu den Korrespondenten der Beobachtungsstelle für die Ausbreitung des asiatischen Marienkäfers in Frankreich (ONSCA). Seit einem Jahr dokumentiert das Netzwerk akribisch den Eroberungsfeldzug der "Coccinelle asiatique". Rote, blaue und grüne Punkte markieren die Invasionsgrenzen auf der Landkarte, die die Gruppe ins Internet gestellt hat. Der Eindringling aus China überträgt keine Krankheit, beißt nicht und sticht nicht. Allerdings rottet er sich - anders als die einheimischen Gattungen - zu Hunderten, ja Tausenden zusammen. Und er lässt sich nicht vertreiben. "Es hilft nur der Staubsauger", erklärt Rondel. Um die Tiere auf Dauer loszuwerden, friere man sie am besten ein.

Während der Mensch also nichts zu befürchten hat, müssen die europäischen Marienkäfer ums Überleben kämpfen. Denn die asiatische Gattung ist besonders gefräßig und neigt zum Kannibalismus. Wenn ihr die Blattläuse ausgehen, frisst sie ihre Artgenossen und deren Larven. Ernsthafte Sorgen müssen sich auch die Winzer machen. Denn im Herbst, wenn die lebendige Beute knapp wird, beißt der Harlekin-Marienkäfer - so sein Spitzname - gerne in süße Weintrauben. Bei der Weinlese werden die Käfer mit eingesammelt. "Die Lymphe der Tiere können den Wein verderben", sagt der Pariser Forscher Coutanceau. Amerikanische Studien hätten ergeben, dass zehn Käfer pro Liter ausreichen, um den Geschmack spürbar zu beeinträchtigen. Noch ist den französischen Winzern das Los erspart geblieben. Allerdings stehen die asiatischen Käfer nur noch rund hundert Kilometer vor dem Weinparadies Bordeaux.

Elsässische Bierbrauer führten die Marienkäfer ein

Spätestens, wenn der erste Grand Cru ungenießbar wird, droht ein Kulturkampf. Denn ausgerechnet die elsässischen Bierbrauer stehen am Anfang des ganzen Schlamassels: Um ihren Hopfen von Blattläusen zu befreien, wurde der asiatische Marienkäfer in den 90er Jahren in großem Stil als biologisches Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt - als Alternative zu Pestiziden. Eingeführt wurden die vermeintlichen Glücksbringer 1982 auf Initiative des Staates aus China: Das nationale Forschungsinstitut für Landwirtschaft (INRA) erprobte ihre Eignung als umweltfreundliche Läusevernichter - und gab grünes Licht. Die Firma Biotop vermarktete die rote Gefahr zunächst ohne Bedenken. Im Jahr 2000 wurde der Handel eingestellt, als sich die unkontrollierbare Ausbreitung andeutete. Inzwischen ist Biotop mit einer Züchtung auf dem Markt, die nicht fliegen kann. "Zu spät!", sagt der Pariser Forscher Coutanceau: "Die Invasion gewinnt zusehends an Tempo."

Tobias Schmidt/AP AP

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