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Klimakonferenz in Posen: "Klimawandel wird teurer als Finanzkrise"

Begleitet von Warnungen vor den Folgen des Klimawandels haben Vertreter aus mehr als 190 Staaten im polnischen Posen mit der Arbeit an einem Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll begonnen. Mit Spannung wird erwartet, ob sich die klimapolitische Linie des künftigen US-Präsidenten Barack Obama abzeichnet.

Der polnische Umweltminister Maciej Nowicki forderte die Teilnehmer der zweiwöchigen UN-Klimakonferenz am Montag auf, eine "solide Basis" für das Folgetreffen Ende 2009 in Kopenhagen zu schaffen, auf der das Abkommen beschlossen werden soll. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) erwartete von der Konferenz zumindest Grundzüge für ein neues weltweites Klimaabkommen.

"Die Menschheit ist an die Grenzen des Ökosystems unseres Planeten Erde gestoßen", sagte Nowicki zum Auftakt der Konferenz. Sollten die Menschen ihr Verhalten nicht ändern, wären Naturkatastrophen, Epidemien und der weitere Anstieg der Meeresspiegel die Folge. "All dies könnte zu sozialen und bewaffneten Konflikten von beispiellosem Ausmaß führen", sagte Nowicki. Der Chef des Weltklimarates (IPCC), Rajendra Pachauri, warnte vor "äußerst ernsten Auswirkungen" des Klimawandels.

Kyoto-Protokoll läuft 2012 aus

Posen gilt als wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zu einem neuen Klimaabkommen, dessen Weg im vergangenen Jahr mit dem Verhandlungsmandat von Bali vorgezeichnet wurde. Die Delegierten werden über ein 82-seitiges Dokument beraten, das eine Vielzahl von Klimaschutz-Maßnahmen für die Zeit nach dem 2012 auslaufenden Kyoto-Protokoll vorschlägt. Mit Spannung wird dabei erwartet, ob sich bereits die klimapolitische Linie des künftigen US-Präsidenten Barack Obama abzeichnet, der Mitglieder seines Teams nach Posen entsenden will. Gabriel sagte in Berlin, in Posen seien konkrete Beschlüsse noch nicht zu erwarten. Es werde darum gehen, "wenn wir richtig gut sind, die Architektur eines Vertrages festzulegen", sagte Gabriel. Danach solle dann die Zeit bis Ende 2009 genutzt werden, "dieses Skelett mit Fleisch auszufüllen".

80 Milliarden für den Klimaschutz gefordert

Der Leiter des UN-Umweltprogramms (UNEP), Achim Steiner, forderte die Industriestaaten auf, die Entwicklungsländer beim Klimaschutz mit 80 Milliarden Euro jährlich zu unterstützen. Die fünf bis sechs Milliarden US-Dollar, die derzeit der Weltbank als Klima-Investitionsfonds zur Verfügung gestellt würden, reichten "sicher nicht", sagte Steiner der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Neben dem Kampf gegen die Erderwärmung stehen in Posen auch Forderungen von Schwellen- und Entwicklungsländern nach verstärkter technischer und finanzieller Unterstützung zur Debatte.

Kurz vor den abschließenden EU-Verhandlungen über künftige Abgasobergrenzen für Autos zeichnete sich unterdessen nach Angaben von Gabriel ein Kompromiss ab. Demnach dürfte es wie von der Industrie gefordert eine Übergangsphase von 2012 bis 2015 geben, bis für Neuwagen eine verbindliche Obergrenze für den durchschnittlichen Kohlendioxid-Ausstoß von 120 Gramm pro Kilometer gilt. Im Gegenzug dürfte aber gemäß einem Vorschlag der EU-Kommission bereits jetzt für 2020 eine Obergrenze von nur noch 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer verbindlich festgelegt werden.

Über die Abgasobergrenzen als Teil des geplanten EU-Klimapakets werden die EU-Umweltminister am kommenden Donnerstag und Freitag beraten; die Entscheidung treffen eine Woche später die Staats- und Regierungschefs. Gabriel sagte, ein Erfolg in Brüssel sei entscheidend auch für den Fortgang der UN-Klimaverhandlungen.

"Klimawandel wird teuer als Finanzkrise"

Ohne entschlossenes Gegensteuern werden die Kosten durch den Klimawandel erheblich höher ausfallen als durch die aktuelle Finanzkrise, warnte der deutsche Klimaexperte Ottmar Edenhofer. "Die Tatsache, dass einige Leute sehr viel Geld verzockt haben, darf nicht dazu führen, dass wir beim Klimaschutz nachlassen", so Edenhofer in der "Berliner Zeitung". "Die Folgen des Klimawandels werden die Folgen der Rezession in den Schatten stellen", sagte auch der Kampagnenchef der Umweltorganisation Greenpeace, Thomas Breuer. Er forderte eine neue industrielle Revolution hin zu einer Wirtschaft, die kein Kohlendioxid mehr ausstößt.

Edenhofer erinnerte daran, dass Nichtstun beim Klimaschutz langfristig viele Billionen Euro koste. "Dagegen sieht die Finanzkrise vergleichsweise klein aus." Er rief dazu auf, die Wirtschaftskrise auch als Chance für das Klima zu begreifen. So solle über Konjunkturprogramme in alternative Energien investiert werden, forderte Edenhofer im Deutschlandradio Kultur. Der Potsdamer Wissenschaftler ist der ranghöchste Deutsche im Weltklimarat (IPCC). Er leitet dort die Arbeitsgruppe III, die sich mit der Vermeidung des Klimawandels befasst.

AFP / AFP