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Kommentar: Knapp daneben

Nichts weiter als eine Fußnote verweist auf konkrete Zahlen zur Reduktion von Treibhausgasen - das war's. Das Ergebnis von Bali ist mager.

Von Nina Bublitz

Minimalziel. Auf der Liste der Unwörter gebührt diesem Ungetüm sicherlich einer der vorderen Plätze. Sich auf ein Minimalziel zu einigen, bedeutet schlicht, das komplette Scheitern knapp verfehlt zu haben. Und in diesem Fall war Scheitern schlicht keine Option. Also haben sich die Minister minimal geeinigt. Der Ausstoß von Treibhausgasen soll reduziert werden, über einen Nachfolger des Kyoto-Protokolls wird verhandelt. Anders formuliert: Die Gespräche über konkrete Emissionsziele sind im Wesentlichen ins Leere gelaufen. Nur eine Fußnote in der "Bali-Roadmap" verweist auf die Empfehlungen des Weltklimarats IPCC.

Das magere Ergebnis enttäuscht umso mehr, wenn man das Bohai betrachtet, das um diese Weltklimakonferenz veranstaltet wurde. 11.000 Delegierte, Mitglieder von Nicht-Regierungs-Organisationen und Journalisten weilten zwei Wochen lang auf Bali. Hunderte Meldungen fluteten jeden Tag aus Nusa Dua, dieser Kleinstadt der Entscheidungsträger, hinaus. Jeder äußerte, wie wichtig der Klimaschutz doch sei. Doch sobald die Verhandlungen der Minister begannen, kamen die Einschränkungen. Dann ging es kaum um das große Ziel, sondern vielmehr um eigene, unmittelbare Interessen.

Klimaschutz darf nicht weh tun!

Die USA stellten sich im Laufe der Konferenz in fast allen Belangen quer. Schwellenländer wie Indien und China etwa wollen weiter wachsen, da passt der Klimaschutz schlecht ins Programm. Also verweisen sie auf die Industrienationen, welche Entwicklungs- und Schwellenländer beim Klimaschutz besser unterstützen sollten - durch die Bereitstellung neuer Technologien und finanzieller Unterstützung. Klimaschutz darf nicht wehtun, er muss sich sogar lohnen, und zwar sofort - das scheint die Devise vieler Staaten zu sein.

Im Prinzip ist es eine ganz einfache Frage, auf die sich die Verhandlungen reduzieren lassen: Was kümmert einen Minister, egal in welchem Land er gerade an der Macht ist, wohl mehr: Der Zustand der Welt in 50, in 100 Jahren? Oder der Erfolg seiner Regierung in der laufenden Wahlperiode? Wenn Menschen sich entscheiden müssen, ob sie ein langfristiges, globales Problem lösen oder einen kurzfristigen, regionalen beziehungsweise persönlichen Erfolg verbuchen können, scheinen sie lieber letzteres zu wählen. So wie der Raucher verdrängt, dass jede Zigarette Spuren in der Lunge hinterlässt, ignorieren viele Entscheidungsträger, welche Mengen an Treibhausgasen jeden Tag, jede Stunde in die Atmosphäre geblasen werden. Und dass eine Veränderung des Klimas, die für viele Regionen verheerend sein kann, mit jedem Jahr wahrscheinlicher wird, in dem über Emissionsziele lediglich geredet wird. 2009 soll in Kopenhagen über ein endgültiges Abkommen verhandelt werden, welches auf das Kyoto-Protokoll folgt. Es bleibt zu hoffen, dass auf dieser Weltklimakonferenz mehr erreicht wird als ein Minimalziel.

Nach schwierigen Verhandlungen hat sich die Klimakonferenz am Samstag auf einen Fahrplan, eine sogenannte Roadmap, für weitere Verhandlungen geeinigt. Die wichtigsten Punkte der Abschlusserklärung:
- Fristen: Die Verhandlungen für das nächste Klimaabkommen sollen bis 2009 abgeschlossen sein. Damit soll noch genug Zeit bleiben, das 2012 auslaufenden Kyoto-Protokolls abzulösen. Im nächsten Jahr sind vier größere Klimakonferenzen geplant.
- Treibhausgase: In der Erklärung wird anerkannt, dass "tiefe Einschnitte" bei den weltweiten Emissionen notwendig sind. Die Erklärung nimmt zudem Bezug auf Ergebnisse des Klimarats (IPCC), wonach die Treibhausgasemissionen in den Industriestaaten bis 2020 um 25 bis 40 Prozent unter das Niveau von 1990 sinken sollen. Die konkreten Zahlen wurden aber aus dem Text entfernt.
- Entwicklungsländer: Die Industriestaaten sollen den Entwicklungsländern mit dem Transfer klimafreundlicher Technologie helfen. Außerdem soll den ärmeren Ländern dabei geholfen werden, sich auf die Auswirkungen des Klimawandels einzustellen, beispielsweise beim Bau von Deichen gegen die steigenden Meere.