Meeresforschung 1000 Meilen unter dem Meer

Blühende Korallenlandschaften gibt es nicht nur in den Tropen, sondern auch in europäischen Gewässern. In eisiger Dunkelheit tummeln sich Fische, Krebse und Seesterne.

Eine Vielfalt von Fischen, Seesternen, Muscheln, Krebsen und Schnecken tummelt sich in den Tiefen der Ostsee. Kälte und Dunkelheit umgeben die zerklüfteten Riffe, dennoch beherbergen sie ein komplettes Ökosystem. "Bis zu 800 Arten sind in den Korallenriffen Zuhause", erklärt Olaf Pfannkuch vom Kieler GEOMAR-Forschungsinsitut. Der Meeresgeologe vermutet, dass es mehr Kaltwasserriffe als tropische Korallenriffe auf der Welt gibt.

"Es ist schon länger bekannt, dass es Korallen auch in nördlicheren Gefilden gibt". Fischer hätten häufiger Korallenstücke mit ihren Netzen hinauf gezogen. "Doch erst in den letzten fünf Jahren kümmert sich die Forschung intensiver um die Riffe", sagt Pfannkuch. Wie ein langer Gürtel ziehen sie sich vom norwegischen Nordkap bis zum nordafrikanischen Gibraltar. Auf einer zweiwöchigen Expedition untersuchten GEOMAR-Forscher unter Leitung von Pfannkuch die Verbreitungsgrenze der Kaltwasserkorallen in der Ostsee. Dabei entdeckten sie eine Rifflandschaft im Eingangsbereich des Oslo-Fjords.

Spaziergang in der Tiefe

Mit einem Fächerecholot tastete die zehnköpfige Mannschaft den Meeresboden ab. "Der Vorteil dieses Echolots ist, dass es nicht nur einen Ping macht, sondern wie der Name schon sagt, einen Fächer von Pings", erläutert Pfannkuch. Eine Software überträgt die Ergebnisse in ein dreidimensionales Bild auf den Computerschirm. "Das ist wie ein Spaziergang auf dem Meeresgrund". Die Meeresforscher fanden heraus, dass sich die norwegische Landschaft über Wasser auch unter Wasser fortsetzt. "Wir fanden flache Landschaften durchzogen von tiefen Kanälen, aber auch Berglandschaften", bemerkt Pfannkuch.

Bis zu 1200 Meter unter dem Meeresspiegel liegen die Riffe - zu tief für Taucher. Deshalb schickte die Crew des Expeditionsschiffs "Alkor" einen Tauchroboter in die Tiefe, der Proben entnahm. Dabei untersuchten Pfannkuch und sein Team nicht nur die lebenden Korallenlandschaften, sondern auch abgestorbene. Im Labor soll ihr Alter bestimmt werden. Die europäischen Riffe sind vermutlich alle nach der letzten Eiszeit gewachsen, dennoch beschäftigen Pfannkuch einige offenen Fragen: "Wir wollen klären, wann sie genau entstanden sind und was ihr Absterben bewirkt".

Bedrohte Riffe

Viele Faktoren spielten dabei eine Rolle. "Riffe leben von Plankton. Deswegen siedeln sich die Korallen an Stellen an, wo die Strömung sie mit Nahrung versorgt". Wenn sich die Strömung ändert, kann sich das auch auf die Riffe auswirken. Außerdem ändern sich die Meere mit der Zeit. Die skandinavische Platte würde sich laut Pfannkuch immer noch heben, sodass der Meeresboden weiter absinkt. Aber auch der Mensch trägt zu dem Korallensterben bei.

Der größte Feind der Kaltwasserriffe ist die Fischerei. "In Norwegen ist die Hälfte aller Riffe bereits beschädigt", sagt Pfannkuch bedauernd. "Teilweise sehen sie aus wie ein frisch gepflügter Acker". Die Fischfangindustrie hat die Population vieler Speisefische stark schrumpfen lassen. Deshalb gehen die Fischer mit ihren Schleppnetzen immer tiefer, um andere Arten zu fangen. Für die Forschung bedeutet das einen Wettlauf gegen die Fischerei. "Viele Arten sind noch nicht erforscht", erläutert Pfannkuch. Das GEOMAR-Team hofft, mit seinen Erkenntnissen zum Schutz der Kaltwasserriffe beizutragen.

Irena Güttel print

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