HOME

Reaktionen auf Merkels Dauerdiplomatie: Für den Friedensnobelpreis ist es noch zu früh

Mit sehr vielen Meilen und sehr wenig Schlaf beendet Angela Merkel ihren diplomatischen Dauerdienst. Was es gebracht hat? Ist noch nicht absehbar, aber die meisten Reaktionen fallen begeistert aus.

Müde Heldin: Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihrer Marathon-Woche in Brüssel

Müde Heldin: Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihrer Marathon-Woche in Brüssel

Berlin, Kiew, Moskau, Washington, Minsk, Brüssel - fast einmal um die ganze Welt in einer Woche. 30.000 Flugkilometer, am Ende erst 17 Stunden Marathonverhandlungen in der weißrussischen Hauptstadt, direkt danach noch einmal sieben Stunden mit den EU-Kollegen. Keine Frage: Was Stehvermögen betrifft, macht Angela Merkel so schnell niemand etwas vor. Erst recht nicht im Brändelöschen. Ukraine-Krieg, Finanzkrise, IS-Terror - acht Tage nach Beginn ihres Parforceritts ist die Welt zwar nicht gerettet, aber immerhin etwas sicherer. Vielleicht.

Die Reaktionen auf den diplomatischen Dauerdienst der Bundeskanzlerin jedenfalls fallen überschwänglich aus. Selbst das Wort Friedensnobelpreis fällt hier und da. Zumindest, wenn man deutsche und westliche Kommentare liest. Viele Osteuropäer dagegen, die den großen Nachbarn Russland eher fürchten als willkommen heißen, sind skeptisch, was die Ergebnisse von Minsk betrifft. Und wer russische Zeitungen liest, könnte glauben, Merkel und Francois Hollande seien persönlich für den Krieg im Donbass verantwortlich.

Ein Überblick:

  • "Den" aus Kiew
    "Faktisch stimmen die neuen Vereinbarungen mit den Forderungen des russischen Präsidenten Wladimir Putins überein. Und es sieht so aus, als ob die Anwesenheit der Kanzlerin Angela Merkel und des französischen Präsidenten François Hollande der Ukraine nicht halfen, ihre Positionen bei den Verhandlungen durchzusetzen."
  • "Gazeta Wyborcza" aus Warschau
    "Die Verhandlungen in Minsk waren stürmisch. Es sieht so aus, als ob Merkel und Hollande eher die Forderungen Putins abmilderten, statt von Poroschenko Nachgiebigkeit zu erzwingen. Die Ukraine hat keinen Frieden erkauft, sondern nur Zeit. Mit diesem Kompromiss wird man sich abfinden müssen."
  • "Moskowski Komsomolez" aus Moskau
    "Auf einen Nobelpreis hat dieses Paar Merkel-Hollande schon sicher keinen moralischen Anspruch mehr. Die Chefs der beiden führenden EU-Länder hätten sehr gut den ukrainischen Alptraum schon in seinen Anfängen stoppen können. Wenn Merkel und Hollande ein Schuldvorwurf zu machen ist, dann der, dass sie nun maximal versuchen, sich selbst reinzuwaschen."
  • "Le Figaro" aus Paris
    "Diese Vereinbarung, unter Aufbietung aller Kräfte dank des Einsatzes von Angela Merkel und Francois Hollande erreicht, ist nur ein Fahrplan. Es wird mehr als eine durchwachte Verhandlungsnacht brauchen, um vom 'Hoffnungsschimmer', von dem die Hauptbeteiligten vorsichtig gesprochen haben, zu einer dauerhaften Beilegung des Konflikts zu kommen."
  • "Corriere della Sera" aus Rom
    "Die Hoffnung auf Frieden muss noch einige Scheinheiligkeiten und Hindernisse überwinden, was eine Vorsicht, die an Skepsis reicht, obligatorisch macht. Merkel und Hollande sind mutige Repräsentanten der EU, die auch dann noch gespalten bleibt, wenn sie den Krieg vor der Schwelle zur Haustür hat. Dank der Kanzlerin und des französischen Präsidenten geht Europa aus Minsk einflussreicher und unabhängiger hervor."
  • "Berliner Morgenpost"
    "Keine Frage, der bis an die physische Grenze reichende Einsatz von Angela Merkel und François Hollande, Kreml-Chef Putin von dessen Strategie der Destabilisierung der Ukraine abzubringen, hat sich gelohnt. Aber es ist aus vielen Gründen noch viel zu früh, nach einem Friedensnobelpreis für Angela Merkel zu rufen."
  • "Der neue Tag" aus Weiden
    "Samstagnacht wird sich zeigen, was die Vereinbarungen von Minsk wert sind. Bis dahin darf man ein wenig träumen. Davon, dass das Gemetzel in der Ukraine nach fast fünfeinhalbtausend Toten ein Ende hat. (…) Dass der Westen und Russland zu einem Vertrauensverhältnis zurückfinden. Und vom Friedensnobelpreis für Angela Merkel."
  • "Flensburger Tageblatt"
    "Die Achse Berlin-Paris hat damit einen ihrer spektakulärsten Erfolge erzielt. Es waren Merkel und Hollande, die die Zusammenkunft erzwangen, und keine Weltmächte wie die USA oder China. Noch nie hat ein deutscher Bundeskanzler ein dermaßen großes Gewicht in der Weltpolitik gehabt. Oder genauer: ein so konstruktives und Frieden stiftendes."

Der Krieg in Europa, nicht einmal drei Flugstunden von Berlin entfernt, ist aber leider nur ein Mosaikstein in einem ganzen Flickenteppich von Problemen, die die Kanzlerin kraft ihres Amtes zu lösen bestimmt ist. Nach den kräftezehrenden Akten in Minsk und Brüssel sagte sie, pragmatisch, wie es ihre Art ist: "Ich bin konzentriert. Ist ja morgen noch ein Arbeitstag". Und es gebe durchaus auch "innenpolitische Herausforderungen, also jetzt keine besonderen. Nicht, dass Sie gleich denken, es ist irgendwas Spezielles, aber man muss sich ja auch kümmern, denn es ist ja vieles im Fluss."

Kretschmann kommt mit dem nächsten Problem

Da wäre zum Beispiel der Streit um den Flüchtlingsstrom aus dem Kosovo. Noch während sie unterwegs war, drängelte in Stuttgart der dortige Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) herum: Merkel müsse dafür sorgen, dass Asylverfahren in der vorgesehenen Dreimonatsfrist durchgeführt werden könnten, schrieb er in einem Brief an die Kanzlerin.

Doch da musste die Regierungschefin noch gut Wetter bei einer anderen Nervensäge machen: dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras: Der war auch in Brüssel zum EU-Gipfel erschienen, und erstmals trafen der Deutschland-Kritiker auf die Repräsentantin Berlins: Sie habe Tsipras zu seinem Wahlsieg gratuliert und gesagt, dass sie zu einer guten Zusammenarbeit bereit sei, so Merkel. "Es war sehr freundlich." Derartig müde und milde gestimmt, deutete sie an, dass die EU durchaus gewillt sei, den sparmüden Griechen entgegenzukommen.

Für Tsipras war die Rückkehr nach Athen deshalb entspannt. Er wurde dort sogar als eine Art Sieger über Merkel und die EU-Bürokraten gefeiert. Die Kanzlerin nimmt es gelassen - und wendet sich wie gewünscht nun den Niederungen der deutschen Politik zu.

Niels Kruse mit AFP/DPA/Reuters / DPA / Reuters