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Angela Merkel bei Krisen-Runden: Mal eben kurz die Welt gerettet

Friedensverhandlungen. Check. Euro-Krisen-Gespräche. Check. War sonst was? Jetzt steht halt wieder Innenpolitik an. Angela Merkel begeistert in der wichtigen Woche ihre Partner - mit Nüchternheit.

Von Axel Vornbäumen, Brüssel

Nur die Ruhe - Angela Merkel steuerte unaufgeregt durch die wichtigen Krisen-Gespräche

Nur die Ruhe - Angela Merkel steuerte unaufgeregt durch die wichtigen Krisen-Gespräche

Es ist kurz vor 23 Uhr an diesem Donnerstagabend, wieder ein endloser Tag für die Kanzlerin – und dann kommt sie endlich, die allerletzte Frage, die so einfach ist und doch so naheliegend. "Frau Bundeskanzlerin, wie geht es Ihnen eigentlich nach dieser Woche?", will ein Journalist wissen im Briefing-Room 20.4 im Gebäude des Europäischen Rates in Brüssel.

Diese Woche. Das ist, wenn man Merkels Leben in den vergangenen sieben Tagen kurz zusammenfasst: eine Reise nach Kiew, eine nach Moskau, eine nach München zur Sicherheitskonferenz, eine nach Washington, nach Ottawa, und dann der Verhandlungsmarathon mit Wladimir Putin, Petro Poroschenko und Francois Hollande im Marmorpalast des weissrussischen Diktators Lukaschenko in Minsk, der sich bis in die Morgenstunden hinzieht, weswegen die Kanzlerin an diesem Donnerstag um Stunden verspätet zum informellen Rat in Brüssel ankommt.

Historie auf den Schultern

Solch ein Programm schlaucht, oder etwa nicht? Ja, wie macht man das. Wie geht es einem so? Geschichte auf den Schultern. Das Schlafdefizit in den Knochen. Neben Angela Merkel sitzt Regierungssprecher Steffen Seibert mit geröteten Wangen und schweren Lidern. Man kann sagen: Er hängt schwer in den Seilen. Die Kanzlerin aber strafft sich noch einmal und sagt: "Mir geht’s nicht schlecht. Ich bin konzentriert und diese Woche ist ja auch noch nicht zu Ende". Im Saal wird anerkennend geraunt und Merkel fährt, nun doch ein wenig kokett, fort: "Es gibt ja auch noch innenpolitische Herausforderungen".

Es ist eine typische Merkel-Antwort. Eben - bei aller Vorsicht - mal schnell den Weltfrieden gerettet, aber das ist noch lange kein Grund, darum groß Gewese zu machen. Die Kanzlerin wirkt in solchen Situationen so, als könne sie die Welt in ihren verzwickten Zeitläuften zwar sehr gut, Fragen nach ihrem persönlichen Befinden aber eigentlich überhaupt nicht verstehen. Es ist ein Ausmaß mangelnder Eitelkeit, das nun wirklich auf dieser Bühne einmalig ist.

Präsenz im Detail

Es ist diese Nüchternheit, die sie mutmaßlich ganz passabel durch diese auch für sie in dieser Intensität ungewöhnliche zeithistorische Woche geführt hat. Es ist ja nicht so, dass sie nur die Ukraine-Frage vor der Brust hätte, in Europa ist ja auch sonst noch einiges los. Die Griechen machen Schwierigkeiten. Leicht ist es nicht mit ihnen und ihrem Auftreten in der Euro-Krise.

Einer fragt, wie Merkel deren Verhandlungsstrategie denn finde? Und da gibt Angela Merkel an diesem späten Abend dann doch so etwas wie ihr Erfolgsgeheimnis preis, ganz en passant: "Mit Verhandlungsstrategien beschäftige ich mich nicht. Wir müssen ergebnisorientiert verhandeln." Den, nun, Friedensplan von Minsk kann sie in seinen ganzen Einzelheiten detailgetreu runterbeten, weiß, was das eine und das andere zu bedeuten hat. Es ist diese Präsenz im noch so kleinsten Detail, die ihren Partnern auf internationaler Ebene Respekt abnötigt.

Hollandes Dank

Einen Raum weiter, 20.3, steht an diesem Abend auch Francois Holande, der französische Präsident, vor der Presse. Er wird gefragt, nach seinem Verhältnis zur Kanzlerin - und Hollande, auch er sichtbar gezeichnet von der vergangenen Nacht, hebt zu einer längeren, in eigener Sache nicht uneitlen Erklärung an: Der Präsident redet von der zweieinhalbjährigen Zuammenarbeit mit Merkel, davon, dass man eine gemeinsame Verantwortung aus er Vergangenheit für die Zukunft habe - und dass man sich zunehmend in diese Rolle hineingefunden habe.

Das klingt nach Routine-Sprech, aber dann macht Hollande eine kleine Pause und erinnert an den 11. Januar, den Tag des Attentats auf die Redaktion von "Charlie Hebdo". Angela Merkel, sagt Francois Hollande, "war die erste, die angerufen hat und gesagt hat, dass sie zur Trauerkundgebung nach Paris kommt". Hollande macht in diesem Moment den Eindruck, als wollte er sagen: Das werde ich ihr nie vergessen.