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Natur & Welt: "Mädchen von Windeby" ist ein Junge

Die schleswig-holsteinischen Archäologen müssen einen der populärsten Aspekte ihrer Geschichte umschreiben: Die bekannteste deutsche Moorleiche "Mädchen von Windeby" war in Wirklichkeit ein Junge.

Späte Überraschung für Archäologen: Die bekannteste deutsche Moorleiche "Mädchen von Windeby" war in Wirklichkeit ein Junge. "Ich taufe ihn Windeboy", scherzt seine Entdeckerin, die kanadische Anthropologin und Gerichtsmedizinerin Prof. Heather Gill-Robinson.

Seit einem halben Jahrhundert wird "das Mädchen" zusammen mit männlichen Moorleichen im Archäologischen Landesmuseum auf Schloss Gottorf in Schleswig präsentiert. Sie sind dort die absolute Attraktion. Insgesamt existieren weltweit rund 700 Leichenfunde aus Moorregionen, von denen zehn im Fundus des Schleswiger Archäologiemuseums ruhen.

Unterernährt und an einer schweren Kieferinfektion starb der etwa 16-Jährige vor rund 2000 Jahren in der Gegend des heutigen Eckernförde an der Ostsee, ermittelte die kanadische Medizinerin in fast dreijähriger Forschungsarbeit. Er wurde im Windebyer Moor bestattet. Es war eine Form der Beisetzung, wie sie in der Eisenzeit in Nordeuropa stellenweise üblich war.

Müssen Moorleichen-Story neu schreiben

54 Jahre nach der Bergung der vermeintlichen Mädchen-Moorleiche beendete Gill-Robinson dutzende wissenschaftlicher Spekulationen und mysteriöser Mutmaßungen um den mumifizierten Leichnam. Die 37- Jährige, die an der Universität Fargo (US-Bundesstaat North Dakota) lehrt, beschäftigte sich intensiv mit den Schleswiger Moorleichen. Die Untersuchungen gaben eine mehr als 500 Seiten starke Expertise her. "Wir müssen nun unsere Moorleichen-Story neu schreiben", sagt der Chefarchäologe des nördlichsten Bundeslandes, Prof. Claus von Carnap-Bornheim.

"Die Menschen waren eindeutig Vegetarier", so Gill-Robinsons Erkenntnisse. "Sie aßen vorwiegend Getreide, nur ein bisschen Fleisch, wie Kaninchen, und, das ist merkwürdig, keine Fische, obwohl sie am Wasser lebten." Drei der berühmten historischen Leichen aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde sind deutlich als männlich erkennbar: Wie der "Mann von Damendorf" und der "Mann von Dätgen", dem nach dem Tod aus Furcht vor Wiederkehr Kopf und Penis abgeschnitten sowie dazu noch ins Herz gestochen wurde. Beim Damendorfer Mann stellte die kanadische Wissenschaftlerin starke Quecksilberspuren fest, die auf einen früheren Waffen- und Silberschmied hindeuten.

Der eisenzeitliche Windebyer Moorfund hingegen wurde stets als Mädchen eingestuft, und das zudem mit anrüchig-sexuellem Hintergrund. Gill-Robinson ließ die Leiche in Kiel durch Computertomografen laufen und entnahm DNA-Material aus dem Knocheninneren. Dieses wurde in Kanada und Israel untersucht. Die wegen des Alters der menschlichen Überreste "äußerst komplizierten" Analysen übergaben übereinstimmend: Die junge Frau, eine vermeintliche Ehebrecherin, war ein Junge. "Ungesund, sehr schmächtig, 165 Zentimeter groß".

Keine Ehebrecherin

Schon 1979 war die Vergangenheit des "Mädchens" von den archäologischen Deutern aus neuem Blickwinkel betrachtet worden. Der Schleswiger Moorleichen-Forscher Michael Gebühr entzauberte damals die Mär von der unsittlichen Missetäterin. Er entkräftete vor allem das Indiz für das angebliche moralische Fehlverhalten des "Moormädchens": Die Leiche zeigt die rechte Hand verkrampft emporgereckt, der Daumen ist zwischen Zeige- und Mittelfinger geschoben. Das symbolisiert die so genannte Feige, eine Gebärde, die in der Neuzeit sexuelle Aussagekraft hat.

Die vermeintlich obszöne Geste sowie eine Augenbinde veranlassten zur Vermutung, die junge Frau sei ihrem Mann untreu gewesen und zur Strafe ins Moor getrieben worden. Doch laut Gebühr spielt die "Feige" aber erst seit dem Mittelalter eine Rolle. Zudem hatte der Forscher nachgewiesen, dass die betreffende Hand des "Mädchens" nach der Ausgrabung 1952 bei der Einlagerung in einen Transportkasten absichtlich verformt worden ist. Und bei der "Augenbinde" handelt es sich lediglich um ein verrutschtes Kopfband.

DPA / DPA
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?