Nürnberger Tiergarten Flockes großer Auftritt


Endlich war es soweit. Am Dienstag hatte Flocke ihren großen Auftritt: Zum ersten Mal wurde die kleine Eisbärin der Presse vorgeführt. stern.de war beim Medienspektakel im Nürnberger Tiergarten dabei.
Von Christian Gressner, Nürnberg

Mit der Nase dicht am Boden schiebt sich Flocke gar nicht zögerlich um die Ecke ihrer Unterkunft in das Freigehege. Auf der Tribüne brechen die 50 ausgesuchten Besucher, die das Eisbärenmädchen als erste sehen dürfen, in pflichtgemäße "Aaahs" und "Ooohs" aus. Doch der 20 Kilogramm schwere und um die Hüften rum etwas pummelige Eisbär lässt sich davon in keiner Weise stören. Flocke stolpert tapsig Pflegerin Petra Fritz hinterher, holt sich ihre Leckerlis ab und beißt sie dabei gleich noch in die Hand. Harald Häger, der zweite Pfleger im vierköpfigen Team, hält sich dezent im Hintergrund. Und irgendwann tut Flocke den zahlreich angereisten Journalisten - 430 haben sich akkreditieren lassen - den Gefallen und springt mit einem großen Platsch in das Wasserbecken.

Der sechsjährige Jakob ist begeistert. "Cool", quäkt er, "Flocke gefällt mir, weil sie so schnuffelig ist. Und sie hat so ein weiches Fell." Jakobs Mutter Katrin Rödl ist Mitglied der Tiergartenfreunde. Vor einigen Wochen hat der Zoo sie und 50 andere Freunde angeschrieben und zu dem Auftritt eingeladen.

Internationales Medieninteresse

Damit wollte der Tiergarten nicht nur Jakobs kindliche Wünsche nach dem Kuscheltier befriedigen, sondern auch die Ansprüche der Medien. CNN hat ein Team geschickt, das japanische Fuji TV ist mit einem Redakteur vertreten - "die Handaufzucht ist in Japan eine Nachricht", sagt Kazuto Yoshida. Rund zehn Mal hat sein Sender schon Neues von Flocke in den fernen Osten berichtet. Und da die Journalisten an diesem sonnigen Nachmittag nach dem Flocke-Auftritt auch Besucher interviewen wollen, stehen ihnen die 50 Freunde zur Verfügung. Denn für die Allgemeinheit ist der Eisbär erst ab morgen (9 Uhr) zu sehen.

Heute konzentriert sich der Tiergarten auf die Medienvertreter, und Direktor Dag Encke hastet von einem Interview zum nächsten. Mit dem Auftritt seines Schützlings ist er mehr als zufrieden. "Sie ist ein sehr ausgeglichenes und selbstbewusstes Tier", sagt er stern.de . Von dem Medienrummel vor ihrem Gehege habe sie sich nicht stören lassen. Im Gegenteil: "So lange die Pfleger ruhig bleiben, bleibt sie es auch." Denn Fritz und ihre drei Kollegen sind Flockes wichtigste Bezugspersonen.

Aufregung bei Flockes Mutter

Flocke entfernt sich aber auch immer wieder von ihrer Pflegerin und zwängt sich unter einem Baumstamm durch. Für Encke ein gutes Zeichen: "Sie geht auch weg, das heißt sie ist selbstbewusst." Etwas mehr Aufregung verursachte der Besucheransturm nebenan. Im Nachbargehege lebt Flockes Mutter Vera, sie rennt aufgeregt hin und her und schaut immer wieder durch die Gitterstäbe zu Flocke hinüber. Doch dass die Kleine mal ihr Junges war, hat sie nach Auskunft des Zoos schon lange wieder vergessen.

Doch nicht jeder freut sich über Flocke gleichermaßen. Kurz vor ihrem Auftritt brüllen zwei Demonstranten von außerhalb des Zoos über den Zaun: "Stoppt die Tierquälerei." Vor dem Haupteingang, ein wenig verloren und weitab vom Medienrummel am Gehege, stehen drei Frauen in weißen Hosenanzügen und mit Eisbärenmasken vor dem Gesicht. Sie engagieren sich bei dem Nürnberger Verein "Menschen für Tierrechte" und kritisieren das Vorgehen der Tiergartenleitung heftig. In der Natur würden Eisbärenjunge sechs Monate lang abgeschieden in einer Höhle aufgezogen. Die öffentliche Präsentation von Flocke fast auf den Tag genau vier Monate nach ihrer Geburt sei "viel zu früh", sagt Viola Weidner. Und sie geschehe aus den falschen Motiven: Die Vermarktung erfolge aus rein finanziellen Gründen. "Der Tiergarten braucht noch 21 Millionen Euro für das Delfinarium", sagt Weidner. Flocke solle daher die Geldbeutel der Spender öffnen.

Flocke als Botschafterin

Tiergartendirektor Encke lässt diese Kritik nicht gelten. Eisbären in freier Natur würden zum Beispiel im März, also drei Monate nach der Geburt, ihre Jungen ins Freie bringen. Der Zeitpunkt sei für Flocke keineswegs zu früh. Vermarktet wird sie in der Tat, gibt auch der Direktor zu. Weil sie "die Herzen der Menschen erreicht, soll sie auch Interesse für die komplexen Zusammenhänge der Natur wecken". Der Klimawandel und die Eisschmelze an Nord- und Südpol ziehe den Polarbären buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Flocke soll nun auf dieses Problem aufmerksam und die Menschen umweltbewusster machen, hofft Encke.

Von Mittwoch an rechnet der Tiergarten mit bis zu 25.000 Besuchern pro Tag. Um den Ansturm zu bewältigen, hat sich der Zoo mit zusätzlichen Kassenhäuschen, Parkplätzen, Toiletten, Personal und einem Shuttleservice gerüstet. Im 15-Minuten-Takt können jeweils 500 bis 600 Flocke-Fans von einer Stehtribüne aus einen Blick in das Gehege im Aquapark werfen. Für den Fall, dass die mittlerweile knapp 20 Kilogramm schwere Eisbärin schlafen oder sich in ihrem Gehege verstecken sollte, liefern Kameras Live-Bilder von Flocke auf zwei Großbildschirme am Gehege und an der benachbarten Waldschänke. Wenn nur die ein paar dieser Besucher mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen würden, wäre das schon im Sinne von Encke. Und wahrscheinlich auch im Sinne von Flocke.


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