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Ölunfall in der Nordsee: Shells "Deepwater Horizon"?

Seit einer Woche dringt von einer Bohrinsel Rohöl in die Nordsee. Die Nachrichten erinnern an die Katastrophe im Golf von Mexiko. Doch sind die Unfälle vergleichbar?

Von Lea Wolz

Die Bilder der Katastrophe sind noch lange nicht vergessen: Vor einem Jahr hielt die im Golf von Mexiko versunkene Ölplattform "Deepwater Horizon" die Welt in Atem. Monatelang gelang es BP nicht, dass Leck zu schließen. Immer größer wurde der Ölteppich auf dem Meer, das schwarze Gift erreichte die Strände und verseuchte die Natur. Nun weckt der Unfall in der Nordsee Erinnerungen an das Desaster im Golf von Mexiko von 2010. Doch sind die beiden Vorfälle vergleichbar?

"Der Unfall in der Nordsee ist, so wie es momentan aussieht, nicht mit der Katastrophe vor einem Jahr zu vergleichen", sagt Jörg Feddern, Biologe und Ölfachmann bei Greenpeace. "Aber jede Tonne Öl, die ins Meer gelangt, schädigt das Ökosystem und ist daher eine zuviel."

Informationen fließen spärlich

Aus der vom Shell Konzern betriebenen Ölplattform "Gannet Alpha" 180 Kilometer östlich vom schottischen Aberdeen dringt seit etwa einer Woche Rohöl in die Nordsee. Wie viel genau bereits ins Meer gelangt ist, weiß keiner. Shell schätzt, dass es mittlerweile um die 218 Tonnen sind, was etwa 200.000 Litern entspräche. Zum Vergleich: Bei der Ölpest vor einem Jahr gelangten 780 Millionen Liter Rohöl in den Golf von Mexiko - und damit in etwa die 4000fache Menge.

"Das ist zwar eine andere Dimension", sagt Feddern. "Doch es handelt sich um den schlimmsten Unfall in diesem Gebiet seit zehn Jahren. Und Ölfirmen müssen eigentlich mit solchen Unfällen umgehen können", so der Greenpeace-Experte. Daran lasse Shell aber zweifeln.

Am Mittwoch soll Shell das Leck in der defekten Leitung bereits entdeckt haben. Die Öffentlichkeit informierte der Konzern aber erst am Wochenende. "Die Wahrheit kommt scheibchenweise ans Licht, wie bei der 'Deepwater Horizon'", kritisiert Feddern. Damals korrigierte BP die Angaben zur austretenden Ölmenge zu Beginn der Katastrophe immer wieder nach oben. "Aus dem Unglück im Golf von Mexiko hat man keine Lehren gezogen." So habe Shell nicht transparent genug über die Dimension des Unglücks informiert und sei offenbar auch nicht ausreichend vorbereitet gewesen.

Frisches Öl an der Wasseroberfläche

Feddern hat sich daher am Montag selbst vor Ort ein Bild von der Lage gemacht und das Gebiet an Bord eines Flugzeuges überflogen. Auch wenn er allein von dem Ölfilm auf dem Wasser nicht auf die ausgetretene Menge schließen will, ist er sich sicher: "Was ich gesehen habe, war frisches Öl. Das deutet darauf hin, dass Shell die Lage zumindest bis Montag nicht im Griff hatte."

Shell beruhigte allerdings schon in einer Pressemitteilung vom Samstag, dass das Leck "unter Kontrolle" sei. Die defekte Leitung, die eine der Ölquellen mit der Plattform verbindet, sei mittlerweile vom Rest des Systems getrennt und stehe nicht mehr unter Druck. Das austretende Öl stammt vermutlich aus dieser gesicherten Leitung. Das größte Leck ist laut Konzern seit Donnerstag abgedichtet. In einer weiteren der spärlichen Pressemitteilungen war am Montag zu lesen, dass das Leck "unter Kontrolle" bleibe.

Wie sehr Shell um die richtigen Worte ringt, zeigt der Umgang mit dem zweiten Leck, das am Dienstag entdeckt wurde. Am Morgen sprach Glen Cayley, Technischer Direktor bei Shell noch von einem zweiten Loch. Am Mittag wollte er davon allerdings schon nichts mehr wissen. Es handle sich nicht um ein weiteres Leck, vielmehr habe sich das Öl nach Abdichten der ursprünglichen Stelle einen anderen Weg gebahnt. Doch warum etwas, was leckt, kein Leck ist, erklärte er nicht.

Geringe Tiefe, große Schwierigkeiten

"Es ist eindeutig, das Shell große Schwierigkeiten im Umgang mit seiner undichten Leitung hat", kritisierte der Direktor der Umweltschutzorganisation WWF Schottland, Richard Dixon gegenüber der Deutschen Presseagentur. "Das lässt einen wirklich die Fähigkeit der gesamten Industrie infrage stellen zu reagieren, wenn ein solcher Unfall auf weit größerer Ebene in den sehr viel schwierigeren Gewässern der Arktis passiert wäre."

Denn auch das ist ein entscheidender Unterschied zum dem Unglück im Golf von Mexiko: Die "Deepwater Horizon" bohrte in 1500 Metern Tiefe. Von der Plattform der "Gannet Alpha" bis zum Meersboden sind es dagegen etwa 100 Meter. "Doch Shell hat sogar schon in dieser Tiefe Probleme, das Leck unter Kontrolle zu bringen", sagt Feddern.

Der Konzern beruhigt allerdings, auch was die austretende Menge an Öl angeht: Weniger als ein Barrel (159 Liter) am Tag fließe mittlerweile ins Meer, sagte Cayley. Der Ölteppich hat sich laut Pressemitteilung mittlerweile ebenfalls verkleinert - von etwa 130 Quadratkilometern auf einen halben Quadratkilometer. Am Dienstag war er allerdings wieder auf rund 26 Quadratkilometer angewachsen.

Keine Gefahr für deutsche Küsten

Shell geht allerdings weiterhin davon aus, dass das Öl auf natürlichem Weg verschwindet - und keine Chemikalien eingesetzt werden müssen. "Wir erwarten, dass es sich durch die Wellenbewegung zersetzt und die Küste nicht erreicht", heißt es. Doch dieses Vorgehen treibt Umweltschützer auf die Barrikaden. "Shell hätte die Ölfahne mit Sperren eingrenzen und das Öl abpumpen müssen, um den Schaden möglichst gering zu halten", sagt Feddern.

Eine Gefahr für die deutschen Küsten besteht ihm zufolge allerdings nicht. "Die Mengen, die bis jetzt ausgetreten sind, werden hier nicht ankommen."