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Orang-Utans: Gemütliche Kolosse

Orang-Utans geben den Forschern immer noch viele Rätsel auf. Beeindruckend sind vor allem die Intelligenz und die Friedfertigkeit der Tiere.

Wie stark sich Orang-Utans von anderen Primaten unterscheiden, erklärt der Affenforscher Benjamin Beck so: "Legt man einem Gorilla, einem Schimpansen und einem Orang-Utan einen Schraubenzieher in den Käfig, so erschreckt der Gorilla gewaltig. Er hockt lange ängstlich in seiner Ecke und versucht dann, den Schraubenzieher zu fressen. Der Schimpanse stürzt sich sofort auf das Spielzeug, richtet damit allerlei Unfug an - und wirft es schließlich fort. Der Orang-Utan dagegen mimt zunächst Desinteresse, lässt den Schraubenzieher dann verschwinden - und zerlegt damit nachts das Käfigschloss." Die Intelligenz der roten Affen hat die Psychologie-Professorin Anne Russon aus Toronto dermaßen beeindruckt, dass sie die Orang-Utans zu den "geistig am höchsten stehenden Wesen der Erde" zählt.

Allein auf dem Baum

Da die "vierfüßigen Schwingkletterer" meist allein in einem Baum sitzen, hielt die Wissenschaft sie früher für "Einzelgänger" - und Zoos glaubten, man könne sie solo halten. "Ein katastrophales Missverständnis", sagt der holländische Orang-Utan-Schützer Willie Smits. Die Affen hätten ein großes Bedürfnis nach Kontakt mit Artgenossen. Nur seien sie wegen des kargen Nahrungsangebots im Regenwald oft gezwungen, allein zu leben. "Wenn es irgendwo reichlich zu fressen gibt, feiern zwei Dutzend Orang-Utans oft wochenlang eine Riesenparty", sagt Smits.

kleine Affen mit Riesenkräften

Obwohl Orang-Utans nur in Ausnahmefällen mehr als 140 Zentimeter "Standhöhe" erreichen, haben sie ungeheure Kräfte. Mehrfach haben Tiere Wilderern in Notwehr Arme ausgerissen oder Beinknochen zerknickt. Dem von Presse-Blitzlichtern verstimmten Orang-Utan Bruno genügten die Spitzen von Daumen und Zeigefinger, um Willie Smits durch die Gitterstäbe hindurch die Bluejeans mit einem Ruck in Fetzen vom Leib zu reißen. Trotzdem sind die roten Affen so friedliebend, dass die Wissenschaft staunt. "Wir zerbrechen uns den Kopf", sagt Anne Russon, "warum Orang-Utans so zurückhaltend sind und so wenig nachtragend."

12 Jahre Gefangenschaft

So wurde etwa die Äffin Unyil von einem hohen indonesischen Offizier zwölf Jahre lang in einem Käfig gehalten, der gerade groß genug für ein Baby war. Ihre Arme und Beine wuchsen durch die Gitterstäbe. Ihren Kopf musste sie stets tief gebeugt halten. Die Kumpane ihres Halters gaben ihr Alkohol und drückten Zigaretten auf ihrer Brust aus. Sofort nach Unyils Beschlagnahmung durch Willie Smits machte sich dessen Mitarbeiter Udin mit der Eisensäge daran, den Käfig zu zerteilen. Als das geschafft war, stand die Äffin auf - die Käfighälften noch um Oberkörper und Unterleib -, reckte sich zum ersten Mal - und umarmte ihren Befreier. Smits: "Ein ähnlich gequälter Hund hätte Udin zerfleischt."

Gerd Schuster / print
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