Ostsee "Sturmfluten sind eine reale Gefahr"


An der Küste zu leben, ist manchmal gefährlich. Bei einer schweren Sturmflut kann das Wasser Häuser zerstören und Menschen in den Tod reißen. Wie wahrscheinlich solche Katastrophen an der Ostsee sind und wie man sie verhindert, darüber berieten Experten bei einer Tagung in Rostock. stern.de sprach mit einem Teilnehmer.

Zwei Tage lang diskutierten Wissenschaftler in dieser Woche bei einer Fachtagung an der Universität Rostock über die Sturmflutgefahr an der Ostsee. Im Mittelpunkt stand das Forschungsprojekt Mustok (Modellgestützte Untersuchungen zu Sturmflutereignissen an der Deutschen Ostseeküste) - ein Verbundprojekt der Universitäten Rostock, Kiel und Siegen sowie verschiedener anderer Einrichtungen. Ziel der Forscher ist es, abzuschätzen, wie hoch das Wasser bei einer Ostseesturmflut steigen kann, wie wahrscheinlich solche Ereignisse sind und was getan werden kann, um den Schutz zu verbessern. stern.de sprach mit Peter Fröhle, einem der beteiligten Experten, der das Fachgebiet Küstenwasserbau an der Universität Rostock leitet.

Herr Fröhle, wann hat es die letzte schlimme Sturmflut in der Ostsee gegeben?

Die letzte extreme Sturmflut gab es 1872. Fast 300 Menschen kamen damals in den Fluten ums Leben. In der Lübecker Bucht stand das Wasser auf einem Pegel von 3,30 Metern über dem Meeresspiegel. So dramatisch war es nie wieder, aber es hat seitdem mehrere starke Sturmfluten gegeben, zuletzt im Jahr 2006.

Bei dem Mustok-Projekt geht es auch darum, auszurechnen, wie wahrscheinlich solche Ereignisse sind. Wie groß ist die Gefahr, dass es wieder zu einer solchen Sturmflut wie 1872 kommt?

Anhand alter Wetterdaten haben wir im Projekt Mustok erstmals genau nachvollzogen, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Und wir können sagen: Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert, ist sehr gering. Eine solche Sturmflut gibt es im Mittel einmal in 250 bis 2000 Jahren. Es waren ganz spezielle Wetterbedingungen, die dazu geführt haben: eine spezielle Zugbahn des Tiefdruckgebietes über Mitteleuropa in Kombination mit einem sehr starken Hochdruckgebiet über Skandinavien und daraus resultierend einem lang anhaltenden Sturm aus Nordost mit sehr hohen Windgeschwindigkeiten.

Das klingt nach Entwarnung. Heißt das, die Anwohner der Ostsee müssen sich keine Sorgen machen?

Es gibt definitiv keine Entwarnung. Eine solche Wetterlage kann immer wieder auftreten. Außerdem können auch andere Wettersituationen eine derartig extreme Sturmflut hervorrufen. Grundsätzlich muss man sagen: So etwas kann jeden Tag passieren. In den vergangenen hundert Jahren hat es sechs schwere Sturmfluten in der Ostsee gegeben, zwei allein in den vergangenen sechs Jahren.

Wie entsteht eine Sturmflut überhaupt?

Es kommen mehrere Effekte zusammen, die sich überlagern. Auslöser ist ein starker Wind, der im Fall der Ostsee meist aus nordöstlicher Richtung kommt, und sich durchschnittlich mit 20 bis 30 Metern pro Sekunde bewegt, kurzzeitig sogar noch schneller. Diese Stürme wirken auf die Wasseroberfläche ein und führen zu Schubspannungen. Der Wind drückt das Wasser in Richtung Küste, wo es dann über die Ufer steigt. Dieser Effekt wird durch andere Faktoren noch verstärkt: zum Beispiel dadurch, dass zuvor viel Wasser aus der Nordsee in Richtung Baltische Länder fließt und die Ostsee daher ohnehin schon erhebliche Wassermassen trägt. Wie stark die Sturmflut wird, hängt auch davon ab, wie lange sich das Tiefdruckgebiet über der Ostsee aufhält und auf welcher Zugbahn es sich bewegt. 100 Kilometer Abweichung können einen großen Unterschied machen.

Es wird viel über die Folgen des Klimawandels diskutiert. Forscher sagen voraus, dass es zu stärkeren Stürmen kommen wird. Gilt das auch für die Ostsee?

Grundsätzlich kann man sagen, dass der Meeresspiegel ohnehin 15 bis 20 Zentimeter pro Jahrhundert steigt. Wir wissen zwar noch nicht genau, wie sich der Klimawandel auf die Ostsee auswirken wird, man kann aber davon ausgehen, dass er den Anstieg des Meeresspiegels beschleunigt. Es wird voraussichtlich auch stärkere Windgeschwindigkeiten geben, die Sturmfluten ebenfalls begünstigen. Wie der Klimawandel das Sturmflutrisiko in der Ostsee konkret verändert, wollen wir in einem neuen Projekt untersuchen.

Welche Schäden kann eine schwere Flut anrichten?

Das ist sehr unterschiedlich. Im Extremfall können die Wassermassen Mauern umwerfen und Häuserwände eindrücken. Steht das Wasser einen halben Meter hoch im Erdgeschoss, kann es Möbelstücke zerstören. Und wenn es lange Zeit nicht abfließt, kann es auch das Mauerwerk beschädigen.

Was wird zum Schutz unternommen?

Es gibt Deiche und Dünen, befestigte Böschungen und Ufermauern, die vor Überflutungen schützen. Diese Schutzanlagen werden ständig weiterentwickelt und beziehen auch den Anstieg des Meeresspiegels bis zum Jahr 2070 mit ein. Ein Ziel des Mustok-Projekts ist es, durch unsere Erkenntnisse über das mögliche Ausmaß einer Sturmflut Vorschläge zu machen, wie der Küstenschutz verbessert werden kann. Da sind wir schon einen großen Schritt weitergekommen. Beispielsweise haben wir errechnet, wie stark Dünen auf Dauer von starkem Wellengang beschädigt werden, und was das für die Sicherheit bei einer akuten Sturmflut bedeutet. Dadurch können wir sagen, wie Dünen angelegt werden müssen, um noch sicherer zu werden.

Gibt es Gegenden an der Ostsee, die besonders gefährdet sind und stärker geschützt werden müssen?

Grundsätzlich ist immer die ganze Ostsee betroffen, aber der Wasserstand ist nicht überall gleich hoch. In engen Buchten wie der Lübecker Bucht steigt das Wasser höher als in weiten Gebieten wie etwa auf Rügen oder anderen Inseln. In Travemünde muss ein Deich also höher sein als auf Usedom.

Was können die Anwohner der Ostsee tun, um sich im Notfall zu schützen?

Vor allem dürfen sie eines nie vergessen: Es mag zwar sehr schön sein, an der Küste zu wohnen, gleichzeitig drohen dort aber Gefahren durch hohen Seegang. Sturmfluten sind eine reale Gefahr. Wer aufgefordert wird, zur Sicherheit die Gegend zu verlassen, sollte sich auch daran halten. Tatsächlich kommt aber sogar Gegenteil vor: eine Art Katastrophentourismus. Die Leute verlassen nicht das Gebiet, sondern kommen erst recht, um sich das Naturschauspiel anzugucken. Das kann lebensgefährlich sein.

Interview: Claudia Wüstenhagen

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