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Interview Robert Marc Lehmann: "Artgerecht ist am Ende nur die Freiheit"

Robert Marc Lehmann im Wald
Als Kameramann, Fotograf und Naturschützer ist Robert Marc Lehmann auf dem gesamten Erdball unterwegs
© Robert Marc Lehmann
Robert Marc Lehmann ist Naturschützer aus Leidenschaft. Der weltweit renommierte Wildlife-Fotograf und Naturfilmer begibt sich an Orte auf der ganzen Welt, um die Schönheit der Erde zu dokumentieren. Zugleich möchte er auch Probleme aufzeigen und der Wilderei und der illegalen Naturzerstörung den Kampf ansagen. Wir haben mit ihm über sein Engagement für den Umweltschutz gesprochen und wie es ist, dabei immer wieder über die eigenen Grenzen zu gehen.

Robert, du bist gerade frisch aus dem Ausland zurück. Wo warst du unterwegs?

Ich war auf einer Expedition in Mittelamerika unterwegs. Aus Sicherheitsgründen darf ich zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nichts Genaueres verraten. Nur so viel: Es hat mit meiner Tätigkeit als Natur- und Tierschützer zu tun.

Du bist ein sehr großer Umweltfreund. Woher kommt deine Leidenschaft für den Tier- und Naturschutz?

Liebe. Ein einfaches Wort. Und das ist in meinem Fall für die Natur. Ich merke das immer wieder aufs Neue, wenn ich im Grünen bin - wie auch jetzt gerade wieder auf meiner letzten Expedition in Mittelamerika. Wenn ich durch den Dschungel streife und die Tiere aus nächster Nähe in ihrem natürlichen Lebensraum erlebe, dann ist die Welt für mich in Ordnung. Dabei ist auf unserem Planeten selten alles in Ordnung.

Doch dieses tiefe Gefühl der Zufriedenheit, das ich in diesen Momenten habe, spornt mich an. Weil ich die Welt, wie ich sie in dem Augenblick erlebe, unbedingt bewahren möchte. Ich glaube, wenn mehr Menschen dasselbe empfinden würden, dann würden sich viel mehr Menschen für den Naturschutz engagieren und es würde unserem Planeten ein ganzes Stück besser gehen.

Deswegen bemühe ich mich stets, meine Erlebnisse so gut wie möglich mit der Kamera festzuhalten. Und in meinem neuen Buch „Mission Erde“ versuche ich, zu beschreiben, was ich dabei fühle. Damit viele Menschen zumindest annährend verstehen, warum mir der Umweltschutz so viel bedeutet und weshalb es so wichtig ist, die Natur als Lebensraum zu bewahren.

Das Buch "Mission Erde" von Robert Marc Lehmann ist am 19. April im Ludwig Verlag erschienen
Das Buch "Mission Erde" von Robert Marc Lehmann ist am 19. April im Ludwig Verlag erschienen
© Robert Marc Lehmann / Penguin Random House Verlagsgruppe

Hast du das Gefühl und diese Einstellung zum Naturschutz schon von klein auf?

Die Begeisterung für die Natur war schon immer da. Diese Euphorie spüre ich, solange ich denken kann und sie ist es auch, die schon früh in mir den Wunsch geweckt hat, unsere Umwelt zu schützen.

Das heißt aber nicht, dass ich schon immer richtig gehandelt habe. Auch ich habe mit dem Alter einen Lernprozess durchlaufen. Früher waren meine Einstellungen und Ansichten zum Natur- und Artenschutz andere als heute.

Du spielst auf deine Zeit als Mitarbeiter bei einem der größten Großaquarien Europas an?

Genau. Nach meinem Studium der Meeresbiologie habe ich einige Zeit für das Ozeaneum Stralsund gearbeitet. Als Abteilungsleiter bin ich um die Welt gereist und habe Abertausende Fische und andere Meerestiere in freier Wildbahn eingefangen, um mit ihnen die Aquarien zu befüllen. Ich hielt es für eine gute Idee, auf diese Art und Weise den Menschen hierzulande die Natur und Tierwelt weit entfernter Orte näher zu bringen und sie so für den Umwelt- und Artenschutz zu begeistern.

Doch mit der Zeit wuchsen immer größere Zweifel in mir, ob dies wirklich der richtige Weg ist. Je öfter ich die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum beobachtete, desto weniger wollte ich ihnen ihre Freiheit nehmen und desto widersinniger erschien es mir, die Tiere einzufangen und in Aquarien zu sperren. Man kann einen Ozean nicht in einem Aquarium abbilden – so groß es auch sein mag. Zumal sich die Tiere in solchen Aquarien – übrigens wie auch Tiere im Zoo – ganz und gar nicht natürlich verhalten. Im Gegenteil. Sie sind gestresst.

In Aquarien und Zoos lassen sich Tiere nicht artgerecht halten. Artgerecht ist nur die Freiheit. Und auch der Artenschutz lässt sich mit dem Einsperren von Tieren nicht bewerkstelligen. Es ist viel wichtiger, den Lebensraum der Tiere weltweit zu schützen. Nichts ist nachhaltiger als das.

Was treibt dich bei deinen Expeditionen mehr an? Die Begeisterung für unseren Planeten oder die Motivation, der Umweltzerstörung den Kampf anzusagen?

Beides geht Hand in Hand. Die Liebe zur Natur erweckt natürlich den Wunsch, sie um jeden Preis erhalten zu wollen. Aber tatsächlich betreibe ich meine Arbeit auch aus Angst. Aus Angst, dass es unsere Erde, so wie wir sie heute kennen, in naher Zukunft nicht mehr geben wird. Und ich betreibe die Naturschutzarbeit und Fotografie auch aus dem tiefen Glauben heraus, dass die Menschen, wenn sie einmal gesehen haben, was alles auf unserer Welt passiert, danach hoffentlich verantwortungsvoller mit unserer Umwelt umgehen. Ich habe die Hoffnung, dass ich mit meinen Bildern und Filmen zum Nachdenken anregen kann.

Viele Menschen haben zum Beispiel gar nicht die Möglichkeit, gegen illegale Fischerboote vor Westafrika vorzugehen, diese zu besteigen oder sich auf der Suche nach Wilderern in Lebensgefahr zu begeben. Aber wenn die Menschen beim Anschauen meiner Filme und Fotos dann verstehen, warum ich das tue und wenn sie dann die Probleme erkennen, dann ist viel erreicht, denke ich.

Es ist also eine Mischung verschiedener Faktoren, die mich immer wieder aufs Neue antreiben.

Du hast schon über hundert Länder auf allen Kontinenten der Erde bereist. Gibt es ein Erlebnis oder einen Ort, der dich besonders nachhaltig beeindruckt hat?

Auf jeden Fall. Die Eindrücke auf den weltweiten Fischmärkten nagen bis heute an mir. Da steht man in diesen riesigen Hallen inmitten Millionen toter Fische oder Haie und weiß: Das hier sind alles geschützte und bedrohte Arten. Oder die Erinnerung an meine Fahrt auf einem Trawler in Westafrika. Als ich sah, wie 99 Prozent der in den Fischernetzen als Beifang gefischten und getöteten Tiere schaufelweise wieder zurück über Bord ins Meer geschmissen wurden, war ich fassungslos.

Wie ließen sich denn Probleme wie die illegale Fischerei und der weltweite Raubbau bekämpfen?

Mit alternativen Einkommensquellen. Das ist die einzige Lösung, die weltweit funktioniert. Denn oft haben die Menschen vor Ort ja keine andere Wahl, um ihre Familien zu ernähren. Wenn du keine andere Chance hast zu überleben, betreibst du eben illegale Fischerei. Genauso bei den Wilderern: Solange es lukrativ und die einzige Einkommensmöglichkeit ist, wildlebende Tiere zu fangen und diese zu verkaufen, werden die Menschen es weiter tun.

Robert Marc Lehmann bei einer Schildkröten-Befreiung
Tierschützer Robert Marc Lehmann begibt sich auf seinen Missionen oft in gefährliche Situationen  - wie hier bei einer Schildkröten-Befreiung auf den Philippinen
© Robert Marc Lehmann

Man muss also Möglichkeiten schaffen, damit die Menschen in diesen Ländern ihr Geld anders verdienen können. Das kann zum Beispiel der Ökotourismus sein. Kein Mensch kennt den Dschungel besser als ein Wilderer und weiß, wo die Tiere sich aufhalten. Das ist perfekt für Touristen! Wenn man den Menschen klar macht, dass es langfristig lukrativer ist, die Tiere am Leben zu lassen und sich von Touristen dafür bezahlen zu lassen, ihnen die Tiere zu zeigen, dann ist viel gewonnen. Es klingt so einfach und das ist tatsächlich in vielen Ländern der einzige Lösungsweg.

Du dokumentierst als Fotograf und Kameramann zugleich die Schönheit, aber auch die Zerstörung unserer Welt. Zerrreißt dich das nicht innerlich?

Es ist jedenfalls nicht einfach. Aber vor Ort und in der Situation selbst ist es zunächst überhaupt nicht schlimm. Da bin ich Profi und funktioniere einfach. Das ist vielleicht vergleichbar mit einem Rettungssanitäter. Der muss bei einem Unfall auch reagieren und einfach seinen Job machen. So geht es mir auf meinen Expeditionen vermutlich auch.

Wenn ich aber danach im Auto oder im Flugzeug sitze und über die brennenden Wälder Borneos fliege oder an hunderte Kilometer langen Palmölplantagen vorbeifahre, dann lässt mich das natürlich nicht kalt. Dann denke ich: „Diese Regenwälder brennen wegen unseres Konsums. Und da sollte eigentlich Regenwald stehen.

Genau deswegen muss ich immer wieder auch positive Projekte machen und zu Orten reisen, an denen die Welt noch in Ordnung ist, um die schönen Seiten der Naturschutzarbeit zu sehen. Das gehört unbedingt auch zu meiner Arbeit dazu, sonst würde ich vermutlich wahnsinnig werden.

Welche positiven Projekte hast du denn als nächstes geplant?

Tatsächlich mache ich auch einiges in Deutschland. Zum einen veranstalte ich die „Woche der Geisternetze“, bei der ich auf eigene Faust Geisternetze aus den deutschen Gewässern berge. Die herrenlosen Fischernetze sind ein riesiges Problem in unseren Meeren.

Außerdem werde ich im Oktober die "größte Baumpflanz-Aktion Europas" in Husum veranstalten. Da kann – nein, da soll - auch jeder mitmachen. Und wer mag, kann diese und weitere Aktionen auch durch Spenden an meinen Verein „Mission Erde e.V.“ unterstützen. Wer mich in den sozialen Netzwerken verfolgt, wird dazu bald näheres erfahren.

Ab Oktober wird voraussichtlich meine neue Fernsehserie bei VOX zu sehen sein. Auch darauf freue ich mich!


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