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Seuchengefahr: Wasser ist Leben

Trinkwasser ist eines der kostbarsten Güter in der Krisenregion Südostasien. Ohne die Hilfe von Experten könnte sich die Zahl der Opfer innerhalb kürzester Zeit verdoppeln.

Obwohl es bisher keinen Ausbruch gegeben hat, ist die Seuchengefahr in den von der Flutkatastrophe betroffenen Gebieten Asiens noch nicht gebannt. Wenn nicht bis Ende der Woche alle Menschen mit sauberem Wasser versorgt seien, könnte sich, laut einer Aussage des Generaldirektors der Weltgesundheitsorganisation WHO Lee Jong Wook, die Zahl der Tsunami-Opfer verdoppeln. Für 150.000 Menschen sei das Risiko extrem groß. "Wir haben den Überlebenden gegenüber die Pflicht, eine zweite Welle des Todes zu verhindern, die diesmal vermeidbare Ursachen hat.", forderte entsprechend UN-Generalsekretär Kofi Annan auf der Krisenkonferenz in Jakarta. Es besteht vor allem das Risiko, dass sich durch verschmutztes Trinkwasser Cholera und andere Epidemien verbreiten und tausende weitere Opfer fordern könnten. "Wenn wir Cholera hätten, das wäre das schlimmste anzunehmende Szenario», sagt Joachim Gardemann, Leiter des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe der Fachhochschule Münster. Das größte hygienische Risiko seien dabei nicht die Leichen, sondern die Latrinen, aus denen Exkremente und Bakterien herausgeschwemmt werden. «Bei ansteckenden Krankheiten spielen Leichen keine große Rolle», so Gardemann. Viel größer sei die Gefahr durch das Oberflächenwasser, das sich nach der Flut mit Wasser aus Latrinen angereichert habe. «Es bedeutet eine ganz große Hygienegefahr, wenn man sieht, wie Menschen da durchlaufen, sich die Hände waschen und es sogar trinken.», so der Fachmann.

Zudem ist ein Großteil der Wasserversorgung für die Bevölkerung seit der Flut zusammengebrochen, indirekt ist davon fast eine Million Menschen betroffen. Darum konzentriert sich die Arbeit der internationalen Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz und dem Technischen Hilfswerk in der Region vor allem auf die Trinkwasseraufbereitung. So ist etwa das 17-köpfige Team der Schnell-Einsatz-Einheit-Wasserversorgung- Ausland (SEEWA), eine Sondereinheit des THW, bereits seit dem 29. September auf Sri Lanka tätig, um verschlammte Brunnenanlagen instand zu setzen. Über 50 Brunnen seien dort nach eigenen Angaben wieder nutzbar. Insgesamt reinigt allein das THW in der Region eine halbe Million Liter Wasser pro Tag. Auch die Trinkwasseraufbereitungsanlagen des DRK und anderer Hilfsorganisationen sind mittlerweile im Einsatz. Die Wasser- und Hygiene-Einheit des Roten Kreuzes kann täglich bis zu 600.000 Liter Trinkwasser nach WHO-Standard aufbereiten und verteilen und damit 40.000 Menschen versorgen.

Dass die Menschen in der Region schnell mit sauberem Trinkwasser versorgt werden können, ist dabei vor allem einer fast 50 Jahre alten Technologie zu verdanken. Die Umkehrosmose - im englischen Sprachraum als Reverse Osmosis (RO) bezeichnet - gilt als die modernste und fortschrittlichste und gleichzeitig einfachste Methode im Bereich der Wasseraufbereitungstechnik. Sie wurde in den späten 50er Jahren im Auftrag der US Regierung und der NASA hauptsächlich als eine Methode zur Entsalzung von Meerwasser und zur Trinkwasserreinigung für die bemannte Raumfahrt entwickelt. Der Vorteil dieser Anlage: Sie kann unter widrigsten Umständen eingesetzt werden.

Das THW und DRK etwa setzen zurzeit Umkehrosmoseanlage auf den Malediven, Sri Lanka, und in Indonesien ein. Mit ihnen können bis zu 120.000 Liter Reinwasser pro Tag gewonnen werden. Die Umkehrosmose ist ein rein mechanischer Vorgang, der ohne Zusatz von Chemikalien funktioniert. Bei anderen Verfahren, wie etwa der Sedimentation, werden Chemikalien in das Rohwasser gegeben, die Schmutzteilchen binden und aufgrund des erhöhten Gewichts zu Boden sinken lassen. Das Herzstück einer Umkehrosmoseanlage dagegen ist ein Membranfilter, dessen Poren extrem feinmaschig sind. Wird das Wasser unter hohem Druck – wichtig ist, dass der Druck höher ist als der des Wassers selbst - durch diesen Filter gepresst, so können nur die Wassermoleküle passieren. Bakterien, Viren, Schwermetalle und Schadstoffe bleiben dagegen in dem Filter hängen. Die Poren des Filters haben einen Durchmesser von nur 0,0001 Mikron das entspricht einem Millionstel Meter. Eine Bakterie ist im Vergleich bis zu 10.000 mal größer. Im Gegensatz zu anderen Verfahren der Trinkwasseraufbereitung, wie etwa der Desinfektion durch die Zugabe von Chlor oder die Bestrahlung mit UV-Strahlen, hat die Umkehrosmose den Vorteil, dass sie sogar salzhaltiges Meerwasser aufbereiten kann.

Je nach Art und Zustand des Wassers können Umkehrosmoseanlagen durch verschiedene Vorfilter und chemische Verfahren ergänzt werden. Oft benutzen die Einsatzteams vorgeschaltete Sand- oder Aktivkohlefilter. Sandfiltern, die im Prinzip funktionieren wie ein Sieb, können vor allem größere Partikel aus dem Wasser herausfiltern. Etwas komplizierter sind Aktivkohlefilter, die auf der Basis von Adsorption funktioniere. Hierbei reichern die Experten das Rohwasser mit Stoffen – Aktivkohle - an, die gelöste Schadstoffe wie Pestizide, Herbizide und Kohlenwasserstoffe aus dem Wasser adsorbieren.

Es ist wohl nicht zuletzt der Arbeit dieser Experten-Teams zu verdanken, dass es bisher noch zu keinem Ausbruch einer Seuche kam. "Bisher hat es noch keine Epidemie gegeben", sagte WHO-Sprecherin Fadela Chaib am Freitag in Genf. "Derzeit gibt es nichts, was sich etwa wie Cholera ausbreitet."

DPA/OTS / DPA