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Tierbabys: Familienplanung im Zoo

Das Flusspferd bekommt die Anti-Baby-Pille, die Eisbärendame Privaträume, für den Waldhund wird die große Liebe gesucht: Die Wilhelma, der größte zoologisch-botanische Garten Deutschlands, unternimmt alle Anstrengungen, damit sich einige Tiere vermehren - und andere nicht.

Etwa die Größe eines Briketts hat die Pille, die Flusspferd- Dame Rosi zu schlucken bekommt. Der klobige Nahrungsmittelzusatz ist unverzichtbar. "Sonst haben wir nachher Jungtiere und wissen nicht, wohin damit", erklärt Zoologin Ulrike Rademacher. Verkaufen ist verboten, Einschläfern verbietet sich auch. Also heißt es bei Arten, an denen die Wilhelma und andere Zoos Europas keinen Bedarf haben, aufpassen oder verhüten. Kastration empfiehlt sich oft nicht, weil die Tiere vielleicht später wieder für die Zucht gebraucht werden.

Für die Koordination der Nachzucht bedrohter Arten in den Tierparks Europas gibt es Europäische Erhaltungszuchtprogramme (EEP). Per Computer wird ermittelt, welche Tiere nachgezüchtet werden müssen, um die Zoo-Population konstant zu halten. Spätestens seit dem Washingtoner Artenschutzabkommen von 1975 kommt der Nachwuchs für die Zoos ausschließlich aus den Zoos. Und da braucht es eine gute Abstimmung, um Arten nicht durch Inzucht zu schädigen. Die Durchmischung des Erbguts muss stimmen. Dafür wird auch schon mal ein Tier aus amerikanischen oder afrikanischen Zoos nach Stuttgart geholt. Rademacher: "Wir züchten nur, wenn wir von der EEP eine ausdrückliche Empfehlung bekommen."

Liegt die vor, geht die Arbeit erst richtig los. "Alles muss stimmen, und dann braucht es auch noch eine gehörige Portion Glück", erzählt die Expertin. Bei den Okapis, bei denen die Wilhelma nach zwei Geburten in jüngerer Zeit 18 Prozent der europäischen Zoopopulation hält, ist beispielsweise das Futter wichtig. Die dunkelbraunen Okapis, eine Giraffenart mit kurzem Hals, fressen nämlich längst nicht alles. Laub muss es sein, und zwar das ganze Jahr über. Also werden von Zoomitarbeitern im Sommer Blätter von den Bäumen gezupft und schockgefroren. Wie man an der Nachwuchsfreudigkeit sehen kann, bekommt der seltsame Salat den Tieren prächtig.

Waldhunde stellen große Ansprüche an den Partner

Insgesamt werden in der Wilhelma 51 Tierarten im Rahmen der EEP betreut. Bemerkenswerte Zuchterfolge gab es zuletzt unter anderem bei den Panzernashörnern, Sumatratigern, Schneeleoparden, Waldpapageien, Somali-Wildeseln, Ameisenbären und Gorillas. Bei den Waldhunden kamen Ende Juli sechs Welpen zur Welt. Darüber freuen sich die Verantwortlichen besonders, weil Waldhunde durchaus hohe Ansprüche an ihren Partner stellen. "Sie leben in einer engen Bindung", erläutert die Zoologin.

Neben den Zuchterfolgen gibt es beim Wilhelma-Team aber auch unerfüllte Nachwuchswünsche. So hofft der Zoo auf Eisbären-Babys, seit im Jahr 1990 zwei junge Eisbären-Weibchen und ein Männchen nach Stuttgart kamen. Weil die weißen Petze aber einfach nicht zur Sache kommen wollten, haben die Verantwortlichen vor kurzem eine der beiden Eisbären-Damen weggegeben. "Anton, das Männchen, ist ein richtiger Macho. Corinna ist damit klargekommen. Sie ist selbstbewusst; da geht er bei Fuß." Aber Valencia habe gelitten. Also musste sie gehen. Vielleicht hat sie beim schüchternen Erik in Wien eine Chance, und vielleicht wächst die Paarungsbereitschaft von Corinna dank der größeren "Privatsphäre". "Es wäre sehr schön, wenn das Erfolg hätte."

Nach so viel Mühe ist der Jubel im Fall eines Erfolges natürlich groß. "Wir freuen uns sehr über jedes Jungtier", sagt Rademacher. Mit einem Sprössling sinkt allerdings auch der Wert eines Zuchttieres, da es sein Erbgut nicht zu oft verbreiten darf. Und irgendwann kommt, was häufig unausweichlich ist: Das Tier muss in ein fernes Land umziehen, wo seine Gene frischen Wind in eine fremde Erblinie bringen sollen. Wer Zuchttiere aus anderen Zoos bekommt, der muss natürlich auch welche abgeben. Zwar kann sich die Wilhelma sperren, aber nur, wenn es gewichtige Gründe gibt. "Ich hänge so dran", geht in diesem Fall als Argument nicht durch.

DPA/DPA
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