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Unberechenbarkeit: Die Kunst des Verblüffens

Im Tierreich ist sie eine Überlebensstrategie, und auch uns Menschen verhilft sie in vielen Situationen zum Erfolg: Unberechenbarkeit. Verhaltensforscher verzweifeln manchmal an ihr.

Der plötzlich ertönende Ultraschallruf macht der Motte eines klar: Sie ist in den Dunstkreis einer Fledermaus geraten, es geht um Leben und Tod. Anstatt jedoch vor Schreck zu erstarren oder Hals über Kopf die Flucht anzutreten, setzt das Insekt auf eine völlig unerwartete Strategie - es lässt sich in trudelnden Bewegungen fallen. Auch Gazellen sind gut im Verblüffen: Auf der Flucht schaffen sie es mit ihren unvermuteten Richtungswechseln in den meisten Fällen, einer schicksalhaften Begegnung mit einem hungrigen Löwen zu entgehen.

Motten und Gazellen sind dabei nicht die einzigen Tiere, die andere gerne einmal überraschen, berichtet das Magazin "bild der wissenschaft". Unberechenbares Verhalten ist eine häufig verwendete und sehr erfolgreiche Überlebensstrategie im Tierreich. "Proteisches Verhalten" nennt man diese Taktik: Taufpate war der griechische Gott Proteus, der ständig versuchte, unerwünschten Besuchern durch unerwartete Schachzüge zu entgehen. So verwandelte er sich beispielsweise in eine Wolke, in ein Tier, eine Pflanze oder gar in ein munter prasselndes Feuer.

Unberechenbare Möwenmännchen sorgen für treue Weibchen

Das unvorhersehbare Verhalten ist aber nicht nur bei bedrohten Beutetieren wie den Motten und den Gazellen beliebt: Die Räuber selbst greifen ebenfalls zu dieser Taktik, wenn sie auf Beutestreifzüge gehen. So jagen Wiesel beispielsweise in wilden Sprüngen scheinbar ihren eigenen Schwanz, nähern sich dabei aber unauffällig einer Wühlmaus - die meist gar nicht bemerkt, dass sie das Interesse des Räubers geweckt hat.

Auch Vögel haben das proteische Prinzip durchschaut und es sogar auf ihr Familienleben übertragen. Männliche Dreizehenmöwen wissen beispielsweise sehr genau, dass ihre Partnerinnen in ihrer Abwesenheit den Verlockungen anderer Männchen ausgesetzt sind. Damit sie ihnen nicht erliegen, machen die Hausherren häufige Stippvisiten in ihren Nestern. Dabei variieren sie die zeitlichen Abstände so gekonnt, dass die Damen nie sicher sein können, wann sie ungestört sind.

Proteisches Flirten lässt Männer verzweifeln

Wahre Meister der Überraschungsstrategie sind jedoch die Menschen: Sie schlagen nicht buchstäbliche, sondern geistige Haken. So gehört und gehörte zum Beispiel bei vielen tyrannischen Herrschern die so genannte Willkürherrschaft zum Regierungsprogramm - sie lassen völlig unerwartet bei schweren Vergehen Milde walten und bestrafen andererseits schon minimale Vorfälle extrem hart, ohne dass ein Muster erkennbar wäre. Auch im Krieg und bei Spielen haben sich unvorhergesehene Aktionen immer wieder bewährt, lassen sie doch den Gegner schier daran verzweifeln, den nächsten Zug vorherzusagen.

Sehr hilfreich ist proteisches Verhalten auch beim Flirten. Besonders Frauen, so beobachtete der Wiener Wissenschaftler Karl Grammer, neigen dazu, völlig unvermutet zwischen ermutigenden und abweisenden Signalen hin und her zu wechseln und damit ihren potenziellen Partner völlig im Unklaren über ihre eigentlichen Absichten zu lassen.

Kreative Menschen überraschen sich oft selbst

Der höchste Ausdruck der menschlichen Unberechenbarkeit ist laut "bild der wissenschaft" jedoch die Kreativität. Kreativen Menschen gelingt es immer wieder, ihre gesamte Umwelt und manchmal sogar sich selbst zu überraschen, indem sie die merkwürdigsten Ideen zufällig miteinander kombinieren und dabei Neues schaffen.

Was jedoch selbst die kreativsten Psychologen noch nicht wissen, ist, wie das Gehirn diese zufälligen Verknüpfungen erzeugt. Eines scheint jedoch sicher: Das logische Denken und die viel gerühmten kognitiven Fähigkeiten werden dabei nicht nur nicht benötigt, sondern stören sogar. Beim bewussten Versuch, Zahlen oder Symbole in eine zufällige Reihenfolge zu bringen, entspricht das Ergebnis nämlich keineswegs einer zufälligen Auswahl, da die meisten Menschen bestimmte Kombinationen wie beispielsweise Wiederholungen vermeiden.

REM-Schlaf macht kreativ

Der Zufallsgenerator im Kopf arbeitet wahrscheinlich wie im Schlaf - und das buchstäblich, wie der amerikanische Psychologe Patrick McNamara vermutet: Während des so genannten REM-Schlafs, in dem auch Träume entstehen, übt sich das Gehirn im Knüpfen völlig aberwitziger Assoziationen. Folgerichtig können Menschen, die aus dem REM-Schlaf geweckt werden, auch sehr viel besser ungewöhnliche Ideen entwickeln, während andererseits ein Entzug des REM-Schlafs die Kreativität extrem einschränkt.

Genau dieses Prinzip ist nach Ansicht des Evolutionsbiologen Geoffrey Miller das Erfolgsgeheimnis des Gehirns: Anstatt einzelne Verhaltensbereiche wie Flucht oder Sozialverhalten mit einem Zufallsfaktor auszustatten, kombinieren die Hirnstrukturen prinzipiell neue Ideen zufällig und können diese Basis für alle Lebenslagen verwenden. Die einzigen, die mit diesem Prinzip Probleme haben, sind die Verhaltensforscher, denn für sie ist es fast unmöglich, das Verhalten von Mensch oder Tier vorherzusagen. Miller bringt es auf den Punkt: "Es ist schwieriger, die Bewegungen einer Hausfliege für die nächsten zehn Sekunden vorherzusagen als die Laufbahn des Saturns für die nächsten zehn Milliarden Jahre."

Ilka Lehnen-Beyel/DDP / DDP
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