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Unterwasser-Archäologie: Ägyptens versunkene Schätze

Sagenhafte Kostbarkeiten förderten Archäologen vor Ägyptens Küste zutage - tonnenschwere Statuen, filigranen Schmuck und das Saint-Tropez der Antike. Eine Ausstellung in Berlin zeigt erstmals die zweitausend Jahre lang abgetauchten Schätze.

Von Horst Güntheroth

Der Pharao kam durch die Lüfte. Im Bauch des gigantischen Frachtflugzeuges "Beluga" schwebte er von Ägypten nach Berlin. Dann ging es per Speziallaster zum Museum; dort hievte ein Kran mit Teleskopausleger die mehr als fünf Tonnen schwere Statue, gut verpackt im Holzverschlag, in den ersten Stock - Millimeterarbeit durch ein Seitenfenster.

Unter den kritischen Blicken des Begleitpersonals aus dem Morgenland bugsierten die Transporteure den König aus der Kiste und richteten ihn mit hydraulischen Stempeln im Lichthof auf: ein fünf Meter großer Koloss, gehauen aus rosafarbenem Granit. Er hat einen nackten Oberkörper und trägt einen Lendenschurz. Das großartige Bildnis stammt aus dem ersten Jahrtausend vor Christus.

Es ist eines von zahlreichen Glanzstücken einer faszinierenden Ausstellung, die am 11. Mai im Berliner Martin-Gropius-Bau vom ägyptischen Ministerpräsidenten Hosni Mubarak und Bundespräsident Horst Köhler eröffnet wird und ab 13. Mai für das Publikum zugänglich ist. "Ägyptens versunkene Schätze" heißt die Präsentation, gezeigt werden 500 Kostbarkeiten, die der Unterwasserarchäologe Franck Goddio in den vergangenen zehn Jahren aus dem Mittelmeer vor der ägyptischen Küste geborgen hat. Statuen, Schalen und Amphoren, Stelen und Platten, Teile von Ankern und Helmen, Speerspitzen und Beilklingen, goldene Münzen und Schmuck, alles aus der Zeit um 700 vor bis 800 nach Christus.

Eine Weltpremiere: Nie zuvor hat die Öffentlichkeit die Stücke - bis auf wenige Ausnahmen - zu Gesicht bekommen. "Das ist ein absoluter Leckerbissen für unser Haus und die Welt", schwärmt Gereon Sievernich, Leiter des Martin-Gropius-Baus, "Funde aus einer äußerst spannenden ägyptischen Epoche."

Ein unbekannter Kosmos unter Wasser

Entdecker Goddio, ein 59-jähriger Franzose, ist seit 1992 auf Antikensuche im seichten Wasser vor Ägypten. Nach dem Studium historischer Quellen schipperte er mehrere Monate durch die Wellen bei Alexandria und inspizierte mit Unterwassersonar und Magnetometern jeden Flecken des Grundes. Bald wurde deutlich: Da unten schlummert ein unbekannter Kosmos. Versunken, weil jahrhundertelang immer wieder Erdbeben die Region erschütterten. Durch die Stöße gab der weiche Nil-Sedimentboden nach, auf dem alles gegründet worden war.

Mit einer Lizenz der ägyptischen Behörden, einer internationalen Expertenmannschaft und gesponsert von einer Stiftung des in Liechtenstein ansässigen Werkzeugherstellers Hilti, ging der Franzose nach unten. Es war ein Fischen im Trüben. Denn die Abwässer der Millionen-Metropole und driftender Nilschlamm machen die See zur Plörre. Dennoch: Die Ernte war üppig.

Bislang konnte Goddio im Hafengebiet von Alexandria, das im Jahre 331 vor Christus von Alexander dem Großen gegründet wurde, die versunkenen Fundamente der Hafenanlage aus ptolemäischer Zeit entdecken, auch den königlichen Bezirk mit der Insel Antirhodos und Resten eines Palastes. Hunderte von Fundstücken kamen zutage, darunter Sphinxe, die Statue eines Isispriesters und ein Granitkopf, der das Gesicht des Ceasarion, des Sohnes von Julius Cäsar und Kleopatra, darstellt. Sie lebten in den Jahren 48 bis 46 vor Christus in der größten Stadt der Antike.

Eine ganze Siedlung aufgespürt

Auch in der Bucht von Abukir, etwa 30 Kilometer nordöstlich von Alexandria, fand der Forscher Artefakte massenweise. "Vieles davon in bemerkenswert gutem Zustand", erzählt er. Hier gab es gleich zwei ergiebige Stätten.

Die erste liegt zwei Kilometer vor der Küste. Dort spürte der Trupp außer einer Vielzahl steinerner Trophäen und Schmuckstücken die Strukturen einer ganzen Siedlung und die Reste einer Tempelanlage auf. Die Archäologen sind sicher, dass es sich um einen östlichen Teil der antiken Stadt Kanopos handelt, deren westliche Überreste schon früher auf dem Festland gefunden wurden.

Das Saint-Tropez der Antike

Den Überlieferungen zufolge wurde der Ort im ersten Jahrtausend vor Christus erbaut und war eines der wichtigsten Religionszentren der damaligen Welt, Wallfahrtsort des Osiris, des Gottes der Fruchtbarkeit und Herrschers über das Totenreich, und des Sarapis, der die Kräfte vieler anderer Götter in sich vereinte. Menschen des gesamten Mittelmeerraumes pilgerten hierher, um sich Hilfe zu erbitten.

Doch nicht nur um Spirituelles ging es. Kanopos war wohlhabend und elegant - das Saint-Tropez der Antike, eine große Vergnügungsstätte. Bekannt für seine Schlemmerlokale und Freudenhäuser. Wer sich amüsieren wollte, kam hierher. Den überschäumenden Luxus und das ausschweifende Leben beschimpfte einst der römische Schriftsteller Seneca als "die Ausgeburt des Lasters".

Überreste eines majestätischen Tempels

Das zweite Areal in der Bucht von Abukir liegt gut sechs Kilometer vor der Küste. Auch dort fanden die Taucher auf einer Fläche von über einem Quadratkilometer Ruinen einer versunkenen Stadt: Mauerwände, gepflasterte Straßen. "Der Ort war von Kanälen durchzogen", sagt Goddio, "eine Lagunenwelt."

Ein riesiges Hafenbecken mit 16 Schiffswracks kam zum Vorschein. Und die Überreste eines majestätischen Tempels, in dessen Nähe nicht nur die Pharao-Statue entdeckt wurde, sondern sehr viel mehr: "Geschirr und rituelle Gaben aus Gold", zählt der Ausgräber auf, "Silber, Bronze, feine Keramik, Gefäße aus Alabaster, zahlreiche Amulette und Münzen."

Jeder Kahn, der den Strom hinaufwollte, musste Halt machen

Zudem eine fast zwei Meter große Stele aus schwarzem Granit, deren Inschrift festlegte, welchen Anteil der Zolleinnahmen der Pharao an den Tempel abzugeben hatte. Auch der Name des Ortes steht dort. Es war Herakleion. Die Stadt mit dem berühmten Herakles-Tempel wurde im siebten Jahrhundert vor Christus erbaut. Sie lag an der Mündung eines damaligen Nilarmes und war der Haupthafen für den Seehandel mit den Griechen.

Jeder Kahn, der den Strom hinaufwollte, musste hier Halt machen. Dann wurden Güter umgeschlagen oder Zölle kassiert, so wurde der Ort reich. Im Laufe der Zeit allerdings versandete der Hafen durch den Schlick, den der Fluss mitbrachte - bis er seine Funktion schließlich vollkommen einbüßte, nachdem Alexandria gegründet worden war und die Warenströme dorthin flossen.

Jahrelang schlummerten die Schätze im Depot

Fast all die Schätze, die Goddio und sein Team geborgen haben, schlummerten bislang hinter verschlossenen Türen im Depot von Alexandria. Schon vor Jahren träumte der Unterwasserarchäologe davon, die Funde zu zeigen. Doch er konnte keinen Geldgeber auftreiben. "Wir wollten auf keinen Fall eine Ausstellung vorfinanzieren, wir hatten Angst vor dem komplizierten Projekt und den Verhandlungen mit Ägypten", sagt Georg Rosenbauer, Stiftungsrat der Hilti-Foundation, "doch als im Laufe der Jahre immer klarer wurde, was Franck gefunden hatte, mussten wir es einfach machen."

Wie es Goddio schaffte, die zähen ägyptischen Behörden davon zu überzeugen, die Kostbarkeiten rauszurücken, bleibt sein Geheimnis; die Frage danach beantwortet er nur mit einem Lächeln. Nun jedenfalls darf alles zunächst zu zwei Ausstellungsorten: außer nach Berlin ab Dezember nach Paris. Dass hierzulande die Weltpremiere gefeiert werden darf, ist der Spontaneität des Chefs des Martin-Gropius-Baus zu verdanken. Denn die Hilti-Leute haben auch mit Häusern in den USA, Frankreich und England verhandelt. Gereon Sievernich war der Erste, der gesagt hat: Ich mache es.

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