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Wildtiere in New York: "Saison der Merkwürdigkeiten"

Über den bayerischen Problembären Bruno können die New Yorker nur müde lächeln: Im Asphaltdschungel der Stadt tummeln sich Kojoten, Bären, Alligatoren und Robben.

Während in Deutschland schon helle Aufregung herrscht, wenn ein Bär an einigen Dörfern vorbeizieht, dringen Schwarzbären in den USA bereits bis in die Vororte der Acht-Millionen-Metropole New York vor. Allein im vergangenen Monat wurden drei von ihnen zur Strecke gebracht. Damit nicht genug: In jüngster Zeit sind so viele Wildtiere im Raum New York aufgetaucht, dass Experten nun Verhaltensratschläge geben: Keine Essensreste auf den Komposthaufen werfen, in bewaldeten Gebieten immer laut singen und niemals Seehunde mit Bananen füttern, wie das einige New Yorker getan haben.

Die "Saison der Merkwürdigkeiten" (New York Times) begann am ersten Frühlingstag, als im Central Park ein Kojote gesichtet wurde. Wenig später zählten Biologen 20 Robben vor der Küste des New Yorker Stadtteils Staten Island. Im April ließ sich ein wilder Truthahn auf dem Balkon von Art Lindenauer im 28. Stock eines Hochhauses nieder: "Das Viech hat mich zu Tode erschrocken." In der Bronx verendete ein in Panik geratenes Reh. Im selben Stadtteil schwemmte ein toter Delfin an. Und 40 Kilometer von New York entfernt stand die Parkmanagerin Joan Ackerman eines Morgens vor einem ausgewachsenen Elch: "Selbst in Alaska habe ich noch keinen gesehen."

Sauberes Wasser, milder Winter

Für die plötzliche Artenvielfalt im Asphaltdschungel gibt es eine Reihe von Gründen: Das Wasser rund um die Inselstadt ist sauberer geworden, Schutzmaßnahmen zeigen Wirkung. Gleichzeitig breiten sich die Vorstädte immer weiter aus und verkleinern damit den natürlichen Lebensraum der Wildtiere. Ein ungewöhnlich milder Winter mag ebenfalls seinen Teil beigetragen haben.

Tiger in der Etagenwohnung

Zumindest der Central Park war außerdem immer schon eine Art Stadtserengeti mit Waldmurmeltieren, Schlangen sowie Falken, die auf Hochhäusern nisten. Für eine besonders gut angepasste Spezies im Stadtbiotop - das New Yorker Schoßhündchen - kann es dadurch zu traumatischen Begegnungen kommen: Zumindest einmal hat ein Falke einen Chihuahua mit einem Beutetier verwechselt. Dank des beherzten Eingreifens der Umstehenden kam das Hündchen aber mit dem Schrecken davon.

Zudem halten sich New Yorker die exotischsten Haustiere: Zwei Mal stellte die Polizei auf einer Stadtsafari Tiger in Etagenwohnungen sicher. Ein anderer Tierfreund ging mit einer Pythonschlange im Central Park spazieren. Das Mayflower-Hotel hat sich auf die standesgemäße Unterbringung durchreisender Tiere spezialisiert. Es beherbergte unter anderem schon zwei Pinguine, einige Tigerjungen, einen Schimpansen und ein Känguru.

Babyalligator bringt Open-Air-Konzert in Gefahr

In langen Winternächten erzählen sich die New Yorker gern Geschichten über riesige Alligatoren, die im Kanalsystem von Ratten und Abfällen leben und dort im Dunklen mit der Zeit blind geworden sind. Leider datiert der einzige bestätigte Fall eines unterirdischen Alligators aus dem Jahr 1935, als vier Jungen ein 57-Kilo-Reptil aus einem Abwasserrohr zogen.

Im Central Park zog 2001 ein offenbar ausgesetzter Babyalligator beim Sonnenbaden die Blicke von Joggern und Spaziergängern auf sich. Trotz der sehr bescheidenen Ausmaße hatte die Metropolitan Opera daraufhin Bedenken, ein Open-Air-Konzert im Park abzuhalten. Man müsse das verstehen, sagte ein Sprecher der Parkverwaltung. Viele New Yorker hätten in ihrem Leben noch nicht mal eine Kuh in freier Wildbahn gesehen.

Christoph Driessen/DPA / DPA