HOME

Tag des Wolfes: 15 Jahre Wölfe in Deutschland: Sie kommen näher

Rund 300 Wölfe leben wieder in Deutschland. Was Tierschützer freut, jagt vielen Menschen Angst ein. Am Tag des Wolfes, dem 30. April, soll jedes Jahr wieder für mehr Toleranz geworben werden.

Von Irmgard Hochreither

Ein Rüde des Daubitzer Wolfsrudels auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz. Naturschützer und Umweltpolitiker wissen, dass Aufklärung notwendig ist, wenn die von ihnen gewünschte Rückkehr der Wölfe langfristig Erfolg haben soll

Ein Rüde des Daubitzer Wolfsrudels auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz. Naturschützer und Umweltpolitiker wissen, dass Aufklärung notwendig ist, wenn die von ihnen gewünschte Rückkehr der Wölfe langfristig Erfolg haben soll

Es klingt wie die Inkarnation des Bösen. "Frau von sieben Wölfen verfolgt." "Wolf streift durchs Wohngebiet." "Im Kreis Vechta 60 Schafe gerissen." "Wolfsrudel vor Hamburg." Canis lupus ist ein Medienstar dieser Tage und taugt für Angst einflößende Schlagzeilen. Ende der 90er Jahre wurden die ersten Wölfe in der Lausitz gesichtet, heute sind es rund 300, die sich langsam Richtung Westen bewegen. Experten sprechen von 35 Rudeln und einzelnen Paaren. Zwei Jahre nach ihrer Geburt verlassen Jungtiere ihre Gruppe und suchen nach neuen Revieren. Auf dieser Wanderschaft treffen Wolf und Mensch immer häufiger aufeinander. Die wachsende Schar der Immigranten aus dem Osten sorgt nun für hitzige Debatten und große Aufregung in Deutschland. Tierschützer und Wolfsliebhaber heißen die Zuwanderer euphorisch willkommen, weil sie sich nach 150 Jahren ihre Reviere endlich zurückerobern. Gleichzeitig wachsen Skepsis und Verunsicherung in der Bevölkerung. Können uns die Räuber gefährlich werden? Was tun, wenn sie ihre Scheu verlieren, wenn sie unsere Nähe suchen, statt wie vorgesehen einen großen Bogen um uns zu machen? Wie lauten die Verhaltensregeln, wenn sich Spaziergängern plötzlich Wölfe in den Weg stellen?

"Wir müssen erst wieder lernen, mit dem Wolf zu leben"

Die Mehrheit der Deutschen ist durchaus bereit, dem Stammvater unserer Haushunde einen Platz zu reservieren im gemeinsamen Lebensraum. Wenn auch mit gemischten Gefühlen. "Wir müssen erst wieder lernen, mit dem Wolf zu leben" , sagt der Osnabrücker Zoodirektor Michael Böer, der als Mitglied im "Arbeitskreis Wolf" das Land Niedersachsen berät. "Für Menschen", so der Wildtierexperte, "stellt der Wolf absolut keine Gefahr dar. Er scheut die Konfrontation mit uns und meidet unsere Nähe."

Dass es auch ganz anders kommen kann, hat Anja Nowak aus Amelinghausen im Landkreis Lüneburg erlebt, an einem sonnigen Nachmittag im Februar. Sie war mit ihrem Golden Retriever Sam und dem Nachbarshund Bolle im Wald unterwegs. Als sie in etwa 200 Meter Entfernung Tiere laufen sah, leinte sie ihre Hunde sofort an und ging weiter. Die Tiere aber kamen im Pulk auf sie zu. Und plötzlich erkannte sie: Es waren Wölfe. Sieben Wölfe, die sich ganz und gar nicht vorschriftsmäßig verhielten, sich ihr bis auf zehn Meter näherten und sich auch durch lautes Schreien nicht vertreiben ließen. Langsam, eskortiert von den Tieren, zog sich Anja Nowak aus deren Revier zurück. Als neugierig, aber nicht aggressiv, beschrieb die Hundehalterin das Rudel nach dieser unheimlichen Begegnung. Zu Hause angekommen, war sie allerdings mit ihren Kräften am Ende. Ein Notarzt musste helfen. "Dieser Schock", sagt der Ehemann, "sitzt meiner Frau heute noch in den Knochen."

Ein Wolf am frühen Morgen auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord in der Lüneburger Heide

Ein Wolf am frühen Morgen auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord in der Lüneburger Heide

Als der Wolf den Waldkindergarten besuchte

"Wenn dir plötzlich sieben Wölfe den Weg verstellen", gibt selbst Zoodirektor Böer zu, "hätte wohl jeder die Hosen voll. Da muss man schon mutig sein." Der Expertenrat: Ruhe bewahren, die Tiere genau beobachten und den Anführern, meist an den breiteren Köpfen und Rückenpartien zu erkennen, fest in die Augen schauen. Seiner Meinung nach hat ein Spaziergänger kaum etwas zu befürchten. Zu groß sei die über Generationen vererbte Angst der Raubtiere vor den Menschen.

Das wird die Eltern von Goldenstedt im Landkreis Vechta kaum beruhigen. Die haben Angst um ihre Kinder, seit ein Wolf Mitte Februar dem idyllisch gelegenen Waldkindergarten einen Besuch abgestattet hat. Als Soforthilfe wurde ein Zaun aus bunten Lappen um das Gelände gezogen, in der Hoffnung, das Tier durch die Flattergeräusche auf Abstand zu halten. Kita-Leiterin Sabine Haust und ihre Kolleginnen sind alarmiert, warnen allerdings vor Panikmache. "Wir haben gut ohne den Wolf gelebt", so Haust, "nun gucken wir, wie es mit ihm geht." Welche Gründe es gibt, dass Wölfe wie der Kita-Besucher ihre angeborene Scheu vermissen lassen, soll nun untersucht werden. Der Naturschutzbund (Nabu) vermutet verbotene Anfütterungen.

Am frühen Morgen durchstreifen Wölfe das Teichgebiet bei Niederspree südlich der Muskauer Heide in der sächsischen Lausitz

Am frühen Morgen durchstreifen Wölfe das Teichgebiet bei Niederspree südlich der Muskauer Heide in der sächsischen Lausitz

Die "Schnösel-Wölfe"

Der Wolf gilt als anpassungs- und lernfähig. Eine Intelligenzbestie. "Man kann Wölfe nicht über einen Kamm scheren", sagt Verhaltensforscher Günther Bloch, "jeder trifft seine Entscheidungen ganz individuell." Doch habe man den Grundcharakter der Tiere in zwei Persönlichkeitstypen unterteilt. Der A-Typ wird als "keck, extrovertiert und wagemutig" beschrieben, der B-Typ eher als schüchtern, introvertiert und zurückhaltend. Angereichert mit Erfahrungen, die das Tier sammelt, erkläre das auch, warum manche Wölfe sich Menschen und Straßenverkehr völlig gelassen nähern, während andere verunsichert das Weite suchen. Bloch ist ein Fan des A-Typs und hat ihn liebevoll "Schnösel-Wolf" getauft. "Schnösel-Wölfe nenne ich die Jungtiere, die vor oder im Abwanderungsprozess stehen. Ich erkenne sie an ihrem superschlauen Blick, der zugleich verrät, dass sie so gar keinen Plan haben."

Naturschützer und Umweltpolitiker wissen, dass Aufklärung dringend nötig ist, wenn die von ihnen so gewünschte Rückkehr der Wölfe langfristig ein Erfolg werden soll. "Wir brauchen die Akzeptanz aller", sagt Peter Burkhardt, Wolfsbeobachter im Auftrag des niedersächsischen Umweltministeriums. Er wohnt mitten im Revier eines Rudels. Wölfe, sagt er, helfen uns, den hohen Wildbestand zu reduzieren. Er baut Fotofallen auf, dokumentiert das gerissene Wild, sammelt Kot für die genetischen Untersuchungen, beobachtet per GPS-Sender die Wanderbewegungen. Und sorgt für Information. Alle sollen mit ins Boot. Die Landwirte, die Jägerkollegen, die Radfahrer, Spaziergänger, Hundehalter und vor allem die Schäfer, in deren Herden die Räuber immer wieder Blutbäder anrichten.

"Der Wolf darf sich nicht explosionsartig ausbreiten"

Das Land Niedersachsen zahlt Zuschüsse für Schutzzäune, Herdenschutzhunde und Entschädigung für gerissene Tiere.

Michael Böer schlägt eine bezuschusste Versicherung gegen Wolfsschäden vor. Kürzlich wurde im Landtag heftig darüber diskutiert, ob die unter strengem Artenschutz stehenden Wölfe nicht doch bejagt werden sollten. "Der Wolf darf sich nicht explosionsartig ausbreiten", warnt FDP-Umweltexperte Gero Hocker, sonst werde es doch bald auch menschliche Opfer geben. SPD und Grüne lehnen eine Ausweitung des Jagdrechts strikt ab. Stefan Wenzel, der grüne Umweltminister, fordert eine Bundesmeldestelle, um das Monitoring zu erleichtern, da der Wolf auf seinen Wanderungen Ländergrenzen überschreite.

Nach Erkenntnissen des Nabu ist die Wolfsdichte in Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern derzeit am höchsten. Doch in den nächsten Jahren werden diese Tiere auch aus Österreich, Italien und den Balkanländern zuwandern. "Ich denke, dass sie sehr schnell den Alpenraum besiedeln", sagt Michael Böer, "Und irgendwann werden sich die Populationen untereinander mischen." Das sei gut für den Genpool und verspreche viele, kerngesunde Nachkommen. Dann gilt es allerdings, rechtzeitig Schutzmaßnahmen zu ergreifen für das Weidevieh auf den Almwiesen. Sonst droht jedem Wolf die Jagd wie einst dem in Bayern erst eingewanderten, dann erlegten Problembären. Klar ist: Die Diskussion über die Rückkehrer hat gerade erst begonnen.

Wer sich ein eigenes Bild machen möchte: Am Tag des Wolfes, dem 30. April, finden viele Aktionen und Informationsveranstaltungen rund um die bedrohten Wildtiere statt.

print