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Wüsten: Wind, Sand und Stille

Ob sanfte Dünen, karge Steinfelder oder bizarre Felsformationen - mehr als ein Drittel der Erdkontinente ist bedeckt von Wüsten. Der Münchner Fotograf Michael Martin hat die Schönheit dieser rauen Regionen ins Bild gesetzt.

Nichts bewegt sich in den Hügeln aus graubraunem Geröll und Gesteinsschutt. Die Stille lastet auf der Landschaft, als sei die Luft aus Melasse. Es ist so still, dass der eigene Herzschlag laut wie das Stampfen von Kolben in einer Maschinenhalle erscheint. Und die Sonne brennt so stark, dass die Steine heiß wie Glutbrocken wirken.

Dieser Teil der Gobi entspricht nur wenig der gängigen Vorstellung von Wüste. Aber ebenso wie die Dünen der arabischen Rub al-Khali oder die roten Sandlandschaften der Namib gewähren die Geröllhalden einen Blick auf den Urzustand unseres Planeten. Die Bibel hat in diesem Punkt Recht: "Einst war die Erde wüst und leer." Genauer gesagt, war sie es 90 Prozent ihrer Zeit.

Nachdem sich vor 4,5 Milliarden Jahren aus kosmischem Gas, Staub und Gesteinsmassen unser Globus geformt hatte, schwitzte er im Verlauf von etwa einer Milliarde Jahre Ozeane aus und kühlte so weit ab, dass sich eine krustige Oberfläche mit Fragmenten von Urkontinenten bildete - unbelebten Wüsteneien aus Stein und Geröll, über die ein Höllenwind fegte.

Erst nach weiteren drei Milliarden Jahren, in der geologischen Formation Silur, verließen erste pflanzliche Organismen die Ozeane und besiedelten den Küstensaum der Urkontinente. Bald darauf folgten Gliedertiere: Skorpione, Krebse, Spinnen, Tausendfüßler. Ihre Nachfahren bewohnen bis heute die Wüsten, die immer noch 35 Prozent unserer Kontinente bedecken.

Als Flora und Fauna langsam die Wüsten zurückdrängten, war die Landmasse unseres Globus vermutlich in zwei Urkontinente geteilt. Nordamerika, Grönland und Eurasien bildeten einen Mammutkontinent; Südamerika, Afrika, Indien, Australien und die Antarktis hingen zusammen - bis die riesigen Erdschollen durch die Aktivität der glühenden Erdmagma zerbrachen, voneinander getrennt und neu zusammengefügt wurden.

In dieser Zeit änderte sich die Verteilung der Wüsten auf dem kontinentalen Puzzle permanent - auch weil die Erdschollen auf ihrer Drift in der wabernden Magma durch Hebung und Senkung mal vom Meer überspült, mal von Vegetation überwuchert wurden. Über Nordafrika etwa wogte mehrmals ein Ozean und wanderten dann wieder Saurier, ehe sich dort die heutige Sahara mehr und mehr ausbreitete.

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Seither unterliegt die Bildung von Wüsten allein dem Regime des Klimas. Sie breiten sich dort aus, wo es an Wasser fehlt, wo - so eine wissenschaftliche Definition - über lange Zeiten hinweg weniger als 200 Millimeter Regen im jährlichen Durchschnitt fallen. Das ist etwa ein Drittel des Niederschlags in Deutschland, doch die meisten Wüstenzonen erreichen nur einen Bruchteil davon - aus unterschiedlichen Gründen. Die beiderseits der grünen Äquatorialzone in den subtropischen Wendekreisgürteln gelegenen Ödlandschaften wie die Sahara oder das australische Never Never Land dörren, weil ständig ein trockener Wind über sie hinwegstreicht. Wüsten wie die Mojave Desert in Kalifornien und die Große Kavir in Persien liegen hinter hohen Gebirgen, die den Regen aufhalten; andere sind den Regenwolken erzeugenden Meeren so fern, dass Niederschlag sie kaum erreicht. Manche grenzen an Ozeane, in denen aufquellende polare Strömungen den Seewind so stark abkühlen, dass er kein Wasser aufnehmen kann und austrocknend über das Land streicht - wie in der südwestafrikanischen Namib und der chilenisch-peruanischen Atacama. Beide Wüsten gehen direkt ins Meer über, und dennoch zählen sie zu den trockensten der Erde. In manchen Gebieten soll dort, soweit sich die Menschen erinnern, niemals Regen gefallen sein.

Hochdruck, der das Zusammenbrauen von segensreichen Regenwolken verhindert, ließ in der Antarktis die größte und zugleich lebensfeindlichste Wüste unseres Globus entstehen. Zwar lagern dort zwei Drittel der Süßwasservorräte der Erde - als Eis. Nach der Meinung von Polarforschern erhält es sich aus sich selbst: Weil sich dort so viel davon türmt, bleibt selbst im Sommer die Temperatur bei täglich 24 Stunden Sonnenschein meist unter null. Hinzu kommt, dass die blendende weiße Decke die wärmenden Strahlen nicht aufnimmt wie etwa nackter Fels, sondern ins All zurückwirft. Mehr und mehr Schnee und Eis sammeln sich in der Folge an.

Hier wirken Selbstverwüstungskräfte wie in der Sahara, wo der sandbeladene Wind, gleich einem gigantischen Sandstrahlgebläse, Gestein und Gebirge zu Grus schmirgelt. Je mehr in einem immer größeren Gebiet so geschliffen wird, desto stärker und verheerender das Gebläse, und desto mehr Sand entsteht. Entgegen einer weit verbreiteten Vorstellung ist die Sahara zwar nur zu zehn Prozent von Sanddünen durchzogen - doch in der riesigen Fläche von rund neun Millionen Quadratkilometern sind einzelne Sandareale so groß wie Deutschland. Trotzdem: In keinem anderen Naturraum des Erdballs stoßen wir auf so unterschiedliche grandiose Landschaften: etwa Gebirge, die vom Wind zu den aberwitzigsten Skulpturen geformt wurden, oder Felsformationen, die der Wandel von der Hitze des Tages in nächtliche Kälte zu gigantischen Stelenfeldern gesprengt hat.

Die Pflanzen und Tiere solcher Wüsten-Welten müssen vor allem der hohen Tagestemperatur und der Wasserknappheit trotzen - wie die Akazie der Sahara, die ihre Wurzeln bis zu 80 Meter in die Tiefe wachsen lässt, um zum Grundwasser zu gelangen. Das Chamäleon der Namib-Wüste erhält die lebensnotwendige Flüssigkeit einzig über sein Beutetier, den Schwarzkäfer. Dieser Käfer wiederum läuft auf stelzenartigen Beinen, um seinen Körper vor dem aufgeheizten Wüstenboden zu schützen. Auch der Mensch konnte nur durch eine spezielle Anpassung in der Wüste siedeln: seine Symbiose mit dem Kamel. Nicht nur speichert das Tier in seinem Leib reichlich Fett und Wasser. Es kann auch die Körpertemperatur hochregeln und damit eine Überhitzung verhindern.

Angesichts solch abweisender, kosmischer Landschaft entfaltet sich die menschliche Spiritualität. Die drei monotheistischen Weltreligionen haben hier ihren Ursprung, denn die Gegenmacht zu dieser lebensfeindlichen Welt konnte nur ein allmächtiger Gott sein. Die Wüste lässt auch die Angst und den Irrglauben der Menschen kulminieren. Sie lässt das Unmögliche als wahr erscheinen und das Bestehende als Trugbild. Wie den Regen, der aus schwarzquellenden Wolken herunterstürzt, aber nie die Erde erreicht - Geisterregen genannt. Sobald die Wassertropfen etwa hundert Meter über dem Boden auf heiße Luftschichten treffen, verdampfen sie. Oder wie die Wüstenheuschrecke, von der man annahm, dass sie in zwei Spezies existiert - als ortstreues harmloses Insekt und als wandernde Zerstörerin. Doch es gibt nur eine Art, die sich bei Regen plötzlich hundertfach vermehrt und fressend über den Kontinent zieht. 60 Millionen Wüstenheuschrecken waren es, die 1958 in einem 150 Quadratkilometer großen Schwarm über Ostafrika herfielen und jeden Tag 120 000 Tonnen Grünzeug verschlangen. Zurzeit vernichtet ein Heer von Heuschrecken große Teile der Ernten in Westafrika.

Trugbilder zeichnen auch manche Studien, die über die Wüste verbreitet werden. Etwa die des Geografen Andrew Goudie, der in Oxford forscht. Für den Wissenschaftler forciert eine "Toyotaisierung der Wüste" den Kollaps von Korallen in der Karibik: Der zunehmende Verkehr von Geländewagen löse großflächig Sände, die dann mit dem Wind bis nach Amerika gelangten und dort zur Zerstörung der Korallenriffe beitrügen.

Wahr ist: Seit Jahrmillionen schwebt jährlich mindestens eine Gigatonne Stäube, aber nicht Sände über der Sahara - feinste, überwiegend mineralische und auch organische Rudimente der Zersetzung von Kamelhaut, Akazienrinde, Muschelschalen und vielem anderen. Wie riesige Staubsauger pumpen die Tiefdrucksysteme über dem Atlantik diese pulverisierte Wüste ab und transportieren sie mit dem Wind Richtung Südamerika. So düngt sie unter anderem den amazonischen Regenwald und den Atlantik, was zur enormen Vermehrung von Plankton führt. Und eben die Korallenriffe der Karibik. Vielleicht nicht genug, um die Zerstörung durch Menschen auszugleichen. Immerhin: Im von Wüsten eingeschlossenen Roten Meer existieren die schönsten und vitalsten Korallenkolonien. Die Wanderungen des Staubs der vielen Wüsten um den Globus zeigen, dass Lebensfeindlichkeit und Lebensfülle eine Einheit bilden - wie Geburt und Tod.

Christian Jungblut

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