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Neu entdeckte Tierarten: Die schönsten Froschaugen der Welt

Affen, die bei Regen niesen und Fische, die über Land kriechen. In nur wenigen Jahren wurden über 200 neue Arten im Ost-Himalaya entdeckt. Einige sind geradezu kurios – der WWF stellt sie in einem Bericht vor.

Veronika Simon

Leptobrachium bompu, ein braun-schwarzer Frosch mit blauen Augen, sitz im Laub

Solche Augen findet man in der Natur fast nie: Leptobrachium bompu

Was für eine spektakuläre Landschaft: üppige Regenwälder, Savannen, Weiden wie in den Alpen, atemberaubend tiefe Gletscherspalten und die höchsten Berge der Welt. All das findet sich in der östlichen Himalaya Region auf engem Raum. Doch nicht nur die Landschaft, auch ihre tierischen und pflanzlichen Bewohner sind sehr abwechslungsreich. Denn durch die vielen natürlichen Grenzen wie Berge, Spalten oder Flüsse konnten sich viele einst verwandte Arten unabhängig voneinander weiter entwickeln. Hier gibt es eine einzigartige Artenvielfalt und es wird ein Lebensraum für bedrohte Tiere geboten wie den bengalischen Tiger und das fast ausgerottete indischen Panzernashorn.

Doch trotz aller Schönheit - für Naturforscher stellte das beeindruckende Relief lange Zeit eine Herausforderung dar. Es ist schwer zugänglich und erst neuere Technologien erlaubten es, auch abgelegene Plätze zu erreichen und zu erforschen. So gibt es hier noch viele Regionen, die kaum erschlossen sind und vermutlich eine unbekannte Vielfalt an Pflanzen und Tieren bergen.

In den letzten Jahren nahmen sich Forscher daher des Ostens des Himalaya-Gebiets an, das Teile Bhutans, Nepals, des nördlichen Indiens und Myanmar sowie des südlichen Tibets einschließt. Sie beschrieben dabei innerhalb von fünf Jahren 211 neue Arten, darunter 133 Pflanzen, ein Reihe an Fischen,  Amphibien und wirbelloser Tiere wie Insekten, ein Reptil, einen Vogel und auch ein Säugetier. Der WWF hat diese Entdeckungen nun in einem Bericht zusammengefasst und gibt dabei einen Einblick in diese bunte - und manchmal geradezu kuriose - Tierwelt. 

Frösche und Fische - aber was für welche! 

Erstaunlich blau sind die Augen von Leptobrachium bompu. Diesen winzigen Frosch, keine fünf Zentimeter groß, würde man im Laub auf den ersten Blick gar nicht sehen, ist er doch farblich eher unauffällig - von den Augen einmal abgesehen. Und die machen ihn zu etwas besonderem, denn neben ihm kennt man nur eine weitere Art - ebenfalls einen Frosch - mit einer solchen Augenfarbe. Im Gegensatz zu bei uns heimischen Fröschen, scheint dieses Exemplar jedoch nicht sehr schwer zu fangen sein, er hüpft nicht weg, lässt sich einfach aufheben und kriecht eher schwerfällig davon, wenn man ihn stört.

Deutlich mobiler als seine Verwandten bei uns hingegen ist ein Fisch, der in Ostindien gefunden wurde. Auch Channa andraos Schuppen zeigen eine bläuliche Färbung, doch er hat noch weitaus mehr zu bieten. Schließlich gehört er zu den Schlangenkopffischen, einer Raubfischfamilie, die so berüchtigt für ihre aggressive Jagd ist, dass Hollywood sie schon als Aufhänger für einen Film nahm.

Zwei bläulich schimmernde Exemplare der Schlangenkopffische

Channa andraos fühlt sich nicht nur unter Wasser wohl - auch auf dem Land kann der Fisch bis zu vier Tagen überleben


Doch neben den Jagdkünsten, haben Schlangenkopffische noch eine andere Fähigkeit, die ihnen das Überleben erleichtert: Ein besonderes Suprabrachial-Organ erlaubt es ihnen, an die Oberfläche zu kommen und Luft zu atmen. So können sie bis zu vier Tage an Land überleben und bei Bedarf auf feuchtem Boden sogar 400 Meter weit bis zur nächsten Wasserstelle kriechen. "Walking fish" - Laufende Fische - werden sie genannt und Forscher hoffen, dass sie in den Bergregionen des östlichen Himalaya Gebietes noch mehr solcher Süßwasser-Fische finden. 

Niesende Affen vom Aussterben bedroht 

Kleine Frösche, laufende Fische: Wenn Wissenschaftler auf Expedition in ein unbekanntes Gebiet ziehen, dann haben sie die Hoffnung, spannende neue Arten zu entdecken. Vielleicht Pflanzen, Pilze, Insekten, Amphibien oder sogar ein kleines Säugetier. Doch hin und wieder haben sie noch mehr Glück: Ein internationales Primatologenteam um Thomas Geissmann hörten in Myanmar durch einheimische Jäger von einem "Affen ohne Nase". Der sei leicht zu finden, hieß es, vor allem wenn es regnet. Und wirklich: Die Niederschläge laufen ungehindert in das nach oben gerichtete Nasenloch – und "Snubby", wie ihn die Wissenschaftler liebevoll nannten, muss niesen. Die Forscher mussten also nur den Niesgeräuschen folgen und schon hatten sie eine bisher unbekannte, relativ große Affenart entdeckt - ein echter Glücksgriff.

Ein schwarzer Affe, der an Stelle einer Nase ein schräg nach oben gerichtetes Loch besitzt

Gesundheit! Bei Regen läuft das Wasser ungehindert in Snubbys Nase - und er muss niesen.


Viel ist noch nicht bekannt über diesen sonderbaren Primaten. Wie er einen regnerischen Tag verbringt, hingegen schon: Genau wie Geissmann und sein Team werden natürlich auch Raubtiere vom lauten Niesen angelockt und das muss verhindert werden. Also setzten sich die Affen in Gruppen in gebückter Haltung zusammen  und schützen ihre Nasen vor zu viel Wasser von oben. So amüsant Rhinopithecus stryker, wie Snubby korrekt heißt, auch sein mag - vermutlich gibt es nur noch wenige hundert Exemplare dieser Art, die durch die Jagd und einen schrumpfenden Lebensraum vom Aussterben bedroht ist.

Dieses Schicksal teilen die Primaten wohl mit der Hälfte aller Arten auf der Welt, wie der WWF in seinem Bericht herausstellt. Auch gerade in dem östlichen Gebiet des Himalayas würden sich die Lebensräume stark verändern: Landwirtschaft, Jagd, Umweltverschmutzung und vor allem der Klimawandel setzten den Arten zu. Die Konsequenzen für das Ökosystem und auch für den Menschen sind laut WWF nicht abzusehen. Für die menschliche Entwicklung sei die Natur mit ihren Ressourcen unerlässlich - egal ob Öl, Nahrungsmittel oder Frischwasser. Aus diesem Grund ruft der WWF  in seinem Bericht besonders zum verantwortungsbewussten Naturschutz auf - damit uns auch in Zukunft das östliche Himalaya-Gebiet mit seiner atemberaubenden Artenvielfalt bezaubern kann.