Risiko durch zu wenig Lüften Lungenkrebs durch Radon - Belastung derzeit besonders hoch

Im Winter weniger zu lüften, kann die Belastung mit krebserregendem Radon in der Wohnung erhöhen. (Archivbild) Foto: Felix Hörha
Im Winter weniger zu lüften, kann die Belastung mit krebserregendem Radon in der Wohnung erhöhen. (Archivbild) Foto
© Felix Hörhager/dpa
Bei Eiseskälte bleiben Fenster zu. Doch damit reichert sich ein potenziell tödliches Gas stärker an. Man riecht und sieht es nicht. Strahlenschutz-Experten raten zu Messungen gerade jetzt im Winter.

Bei eisigen Temperaturen lüften viele Menschen weitaus seltener. Das kann die Belastung mit radioaktivem Radon in der Wohnung deutlich erhöhen, warnt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter. "Man sollte auch im Winter daran denken, ein häufig genutztes Zimmer oder ein Büro im Keller gut zu lüften." Das solle möglichst per Durchzug kurz und intensiv geschehen. Und das nicht nur alle paar Tage: Die Radonkonzentration steige innerhalb von wenigen Stunden nach dem Lüften wieder auf das alte Niveau. Das farb- und geruchlose Gas ist nach Tabakrauch die wichtigste Ursache für Lungenkrebs.

Die Radonkonzentration im Winter in einem ungelüfteten Kellerraum könne je nach Gebäude um den Faktor fünf bis zehn höher liegen als in einem gut gelüfteten Raum im Sommer, hieß es vom BfS. 

Zudem entsteht dem Lungeninformationsdienst des Helmholtz Zentrums München zufolge in Häusern ein kaum spürbarer Unterdruck, wenn die warme Heizungsluft im Winter im Haus aufsteigt. Über die Sogwirkung wird verstärkt radonhaltige Luft aus dem Untergrund in das Gebäude gesaugt. Über Treppen, Aufzüge oder Kaminschächte erreicht das Gas die höher liegenden Etagen.

Ein zusätzliches Problem ist den Helmholtz-Experten zufolge, dass im Zuge von Energiesparmaßnahmen viele Gebäude besser isoliert wurden – aber damit auch stärker von der Außenluft abgeschirmt. Die Radonkonzentration sei in Deutschland jedoch regional sehr unterschiedlich hoch. 

Warum ist Radon gefährlich?

Radon-Zerfallsprodukte lagern sich in der Lunge ab und verursachen durch Alpha-Strahlung Zellschäden, was das Gas zur zweithäufigsten Lungenkrebsursache nach dem Rauchen macht. Je 100 Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m³) Raumluft steigt das relative Risiko dem Lungeninformationsdienst zufolge um geschätzt etwa 16 Prozent.

"Je höher die Radonkonzentration in der Raumluft ist, und je länger wir uns dort aufhalten, desto höher wird das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken." Bis zum tatsächlichen Ausbruch der Krankheit vergingen dabei oft Jahrzehnte. Aufgrund einer starken Wechselwirkung treten die meisten radon-verursachten Lungenkrebsfälle bei Rauchern auf.

In der EU sterben dem BfS zufolge jährlich etwa 20.000 Menschen an Radon-bedingtem Lungenkrebs, in Deutschland rund 2.800. Akute gesundheitliche Beschwerden wie Kopfschmerzen und Asthma verursacht Radon nicht.

Wo kommt Radon her?

Das radioaktive Edelgas entsteht beim natürlichen Zerfall von Uran und Radium im Boden. In Deutschland stellt es vor allem in gebirgigen Regionen ein Gesundheitsrisiko dar. Hohe Radonkonzentrationen gibt es dem Lungeninformationsdienst zufolge etwa im Erzgebirge sowie in Teilen des Bayerischen Waldes und des Saarlands. 

In der Außenluft verdünnt sich das Gas schnell und stellt normalerweise kein Problem dar. Allerdings gelangt es aus dem Untergrund durch Risse im Fundament, undichte Rohrdurchführungen, Kabelschächte oder offene Poren in Wänden auch in Häuser.Die höchsten Radonkonzentrationen treten typischerweise in Kellern und Erdgeschossen auf. Über Treppenhäuser, Schächte, Kamine, Kabelkanäle oder undichte Decken kommt das Gas aber auch in obere Etagen, verstärkt durch den - abgemildert auch im Sommer vorhandenen - Kamineffekt: Warme Luft steigt auf und saugt Luft von unten nach.

Gibt es Grenzwerte?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat basierend auf Lungenkrebsrisiken einen Referenzwert von 100 Becquerel pro Kubikmeter Raumluft für die maximal akzeptable Radonkonzentration festgelegt. Deutschland legte einen weit weniger strengen Referenzwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter für Aufenthaltsräume wie Wohn- und Schlafzimmer sowie Arbeitsplätze in Gebäuden fest. 

"Weil die Radonkonzentrationen über das Jahr hinweg stark schwanken, wird für die gesundheitliche Bewertung der Jahresdurchschnittswert herangezogen", heißt es vom BfS. "Auch bei einem großen Unterschied zwischen Winter und Sommer können die Radon-Werte in einem Gebäude im Durchschnitt im Normalbereich liegen."

Dem BfS zufolge sind rund 10,5 Millionen Menschen in Wohnräumen mit Werten über 100 Becquerel pro Kubikmeter belastet, etwa zwei Millionen überschreiten den Referenzwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter.

Wie erkenne ich, dass meine Wohnung betroffen ist?

Erste Hinweise liefern Deutschlandkarten auf den Internetseiten des BfS, in denen sich über eine Orts- oder Postleitzahlensuche nach der eigenen Adresse suchen lässt. "Aussagen zu Einzelgebäuden sind aus den Prognose-Karten niemals ableitbar. Sie können nur durch Messungen im jeweiligen Gebäude getroffen werden", heißt es dazu aber.

Es sei auch nicht möglich, von der Situation in einem Haus auf die Situation im Nachbarhaus zu schließen. "Sowohl die Situation im Boden als auch die baulichen Gegebenheiten und das Nutzerverhalten können sich von Haus zu Haus deutlich unterscheiden." 

Das BfS rät dazu, gerade die kalte Jahreszeit für eine Radon-Messung zu nutzen. "Wenn die Radon-Werte im Winter niedrig sind, kann man recht sicher sein, dass sie es im Sommer auch sind", erläutert Bernd Hoffmann, Radon-Experte beim BfS.

Sogenannte passive Radon-Messgeräte sind dem BfS zufolge die einfachste Möglichkeit für eine Radon-Messung. Man stelle sie selbst in der Wohnung auf und schicke sie nach Ende der Messung an den Anbieter zurück, der sie auswerte und das Ergebnis mitteile. Pro Messegerät koste das zwischen 30 und 50 Euro.Wichtig: Wer viel im Homeoffice arbeitet, sollte neben Wohn- und Schlafzimmer auch den privaten Büroraum in die Messung einbeziehen.

Was tun, wenn der Wert hoch ist?

Regelmäßiges Stoßlüften durch weit geöffnete Fenster reduziert die Radonkonzentration im Erdgeschoss schnell. Kellertüren sollten nach Empfehlung von Experten geschlossen und abgedichtet sein. Abdichten sollte man zudem Risse, Fugen, Rohrdurchführungen und Kabelschächte im Boden oder an Wänden des Erdgeschosses mit Erdkontakt. In Einzelfällen wird eine Art Drainage unter dem Boden des Hauses oder spezielle Lüftungsanlagen empfohlen. Für Neubauten oder Sanierungen gibt es gasdichte Bodenplatten oder Radon-Sperrfolien.

Wenig Radon - alles gut?

Auch mit wenig Radon im Raum sollte man auf gute Durchlüftung auch im Winter achten, wie Experten betonen. Das Gas ist nur einer von zahlreichen Schadstoffen, die die Raumluft belasten und gesundheitliche Risiken bergen. Dazu zählen etwa Formaldehyd aus Möbeln und Klebstoffen, Weichmacher aus Bodenbelägen und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) aus Holzschutzmitteln. Hinzu kommen sogenannte volatile organische Verbindungen (VOCs) aus Farben, Kosmetikprodukten und Putzmitteln.

Solche Giftstoffe können unter anderem Krebs verursachen, die Fruchtbarkeit beeinträchtigen oder ungeborenes Leben schädigen. Europäer verbringen Experten zufolge heutzutage im Mittel rund 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen. Entsprechend viel Relevanz haben Giftstoffe in der Raumluft. Pro Tag atmet ein Mensch rund 10 bis 20 Kubikmeter Luft ein.

dpa

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