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Russlands Ausstieg aus der ISS: Nichts als kosmische Machtspielchen

Ab 2020 will Putin keine russische Beteiligung an der ISS mehr – zumindest nicht an dem Teil, in dem auch die Amerikaner werkeln. Ja, und? Die Liebe zur Raumstation ist ohnehin international erkaltet.

Ein Kommentar von Frank Ochmann

US-Präsident Barack Obama hatte ein überhebliches Lächeln aufgesetzt, als er Russland während der Krim-Krise als "regionale Macht" abtat. Inzwischen hat sein russisches Gegenüber, Wladimir Putin, ihm gezeigt, dass Russland nicht nur weiter eine globale Macht ist, sondern sogar eine kosmische. Passiert ist außer kühlen Reden zwar noch nichts, aber der russische Präsident bekundet seinen Willen, die Raumstation ISS über den offiziellen Endtermin des Projektes nicht weiter zu unterstützen. In rund sechs Jahren sei das einstige Prestigeobjekt rund 400 Kilometer über der Erde verzichtbar, so die Russen. Vielleicht würde man eigene Module noch weiter betreiben, mehr aber nicht.

Vor allem würde das natürlich bedeuten, dass US-Astronauten nicht mehr in russischen Sojus-Kapseln zur ISS fliegen könnten – ein genüsslich gesetzter Nadelstich in den amerikanischen Stolz, der an jene Zeiten erinnert, als sich die beiden Supermächte USA und Sowjetunion noch ein Wettrennen bis hin zum Mond lieferten. Damals – 1969 – landeten die Amerikaner zuerst. Heute fällt es ihnen nach dem Ende der Shuttle-Missionen und nicht mehr als ersten Schritten bei der privaten Raumfahrt schwer, einen der ihren auch nur über die irdische Atmosphäre hinaus zu bugsieren. Vor 2017 ist vom eigenen Territorium aus kaum wieder mit regulären bemannten Flügen in eine Erdumlaufbahn zu rechnen.

Wer hängt von wem ab?

Dass Obama ohnehin kein herausragendes Interesse an der – staatlich finanzierten – Raumfahrt hat, spielt beim aktuellen Hickhack keine große Rolle. Auch Putin geht es ja nicht in erster Linie um effizientere Projekte im All, sondern darum, Obama mit Pokerface deutlich zu machen, wer von wem abhängt. Und plötzlich erwacht in Washington der schon verloren geglaubte Ehrgeiz: Vor wenigen Tagen empfahl ein Ausschuss des amerikanischen Kongresses gute 17 Milliarden Dollar zusätzlich für Raumfahrtprojekte, darunter knapp 800 Millionen Zuschuss für Firmen wie SpaceX, die künftig den Transport von US-Astronauten in den Orbit als privater Partner der Nasa übernehmen sollen. Es sei wichtig, bald von den Russen unabhängig zu werden.

Dabei könnten sich Obama und Putin durchaus einig sein. Denn schon länger ist die Liebe zur Internationalen Raumstation auch international erkaltet. Wäre es beispielsweise nach Obamas Vorgänger George W. Bush gegangen, könnten wir die ISS bereits im kommenden Jahr spektakulär in der Atmosphäre verglühen sehen. Bush wollte die gezielte feurige Abwrackung über dem Meer für 2015. Nach den derzeitigen amerikanischen Plänen aber soll die Station bis 2024 weiterbetrieben werden. Das alles sei aber viel zu teuer und außer für PR-Nummern zu nichts zu gebrauchen, so der stimmenreiche Chor der Kritiker. Tatsächlich hörte man in der breiteren Öffentlichkeit vor allem dann von der Raumstation, wenn wieder einmal etwas kaputt war oder ein Stationskommandant in der Schwerelosigkeit Gitarre spielte. Und sonst? Sonst arbeiten zumindest die Russen und inzwischen auch die Chinesen an Plänen für eigene Stationen. Denn die könnten dann auch militärisch und für Spionagezwecke genutzt werden, ohne dass die Konkurrenz buchstäblich über die Schulter schaut.

Eigene Pläne und psychologischer Krieg

Die Russen haben mit der alten "Mir", die von 1986 bis 2001 die Erde umkreiste, von allen Interessenten am meisten Erfahrung für den Betrieb einer Station im Erdorbit gewonnen. Und nicht erst seit den aktuellen Ankündigungen von Putin, sondern schon seit mehreren Jahren plant Russland auf diesem Weg wieder allein weiter zu gehen. Teile der ISS sollen dafür offenbar recycelt und zusammen mit neuen Modulen zu einer Weltraumstation mit erhofften 30 Jahren Lebensdauer zusammengebaut werden – technische Überholung in der Umlaufbahn inklusive. Ab 2020 könnte diese Station losgelöst von der ISS betrieben werden. Das wusste jeder, der es wissen wollte, und bislang hat es niemanden sonderlich aufgeregt. Europa ist beim bemannten Raumprogram ohnehin von mindestens einer der streitenden Seiten abhängig und darum Zuschauer. Doch erst in einem politischen Umfeld, das wieder zunehmend von Konfrontation statt Kooperation geprägt ist, werden die zuvor weitgehend bekannten russischen Absichten aufgeblasen und Teil der psychologischen Kriegsführung auf beiden Seiten.

Die Gemüter sollten sich erst einmal beruhigen. Schon aus finanziellen Interessen wird es ziemlich sicher im vereinbarten Zeitraum mit den russischen Flügen für Astronauten aus den USA und anderen Nationen weitergehen. Was aber dann kommt – in vermutlich sechs Jahren also –, weiß heute allenfalls der Himmel.