HOME

Hirnforschung: Länger schlafen, besser lernen: Warum die Schule zu früh anfängt

Jugendliche finden nachts zu wenig Schlaf und Ruhe. Eine US-Studie belegt nun, dass ein späterer Unterrichtsbeginn die Leistung der Schüler steigert. Vom ewigen Kampf zwischen Lerchen und Eulen.

Von Frank Ochmann

Schlafen hat großen Einfluss auf unsere Lernfähigkeit

Bedingt lernbereit: Morgens um acht ist das Hirn von Heranwachsenden noch häufig im Schlafmodus.

Gähnen über Gleichungen. Schlummern bei Schiller. Jeder kennt das aus der eigenen Schulzeit. Und vielleicht ist das der Grund, warum eine gelegentliche Müdigkeit während des Unterrichts nicht immer ernst genommen wird – so sind sie halt, die Kinder.

So müssen sie aber nicht sein, entgegnen Wissenschaftler schon seit Jahren. Und so sollten sie auch nicht sein: Denn hinter den schweren Lidern der Heranwachsenden verbirgt sich oft eine Erschöpfung, die auf zu kurzen und zu wenig erholsamen Schlaf zurückgeht. Nicht nur ab und an für eine Nacht, sondern dauernd. Chronisch.

In der vorvergangenen Woche richtete die US-amerikanische Akademie für Schlafmedizin einen warnenden Appell an Eltern, Lehrer und Politik: Auf Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren, während Pubertät und Adoleszenz also, müsse mehr Rücksicht genommen werden. Mit der Reifung des menschlichen Organismus verändert sich auch der Schlafrhythmus. Vielen Schülern in diesem Alter ist es kaum möglich, vor 23 Uhr einzuschlafen – nicht etwa, weil sie sich nicht von Tablet oder Smartphone losreißen können oder sich mit Koffeindrinks zugedröhnt haben, sondern aus biologischen Gründen: Es ist die innere Uhr, die viele Jugendliche auch am Abend noch so lange wach hält.

Damit sie am Morgen dennoch hinreichend ausgeruht und konzentriert sein könnten, dürfe der Unterricht keinesfalls vor 8.30 Uhr beginnen, fordern die amerikanischen Wissenschaftler. Acht bis zehn Stunden Schlaf müssten sein, möglichst jede Nacht, um gesund zu bleiben und in der Schule etwas leisten zu können.

"Pädagogische Schnapsidee"

Die Debatte um den richtigen Schulbeginn am Morgen ist kein ausschließlich amerikanisches Problem. In Deutschland prallen die Meinungen von Experten, Eltern und Interessenverbänden der Lehrer seit Jahren heftig aufeinander. Als etwa der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger 2006 vorschlug, den Unterricht eine halbe oder gar eine ganze Stunde weiter in den Vormittag zu schieben, schlugen die Wellen hoch: Was für die einen Rücksicht auf unabänderliche biologische Gegebenheiten ist, lehnen die anderen als Erziehung zum Schlendrian ab. Von "pädagogischer Schnapsidee" ist beim Deutschen Lehrerverband gar die Rede. Die Schule sei nun mal kein "Freizeitpark", sagt sein Präsident Josef Kraus. "Schule soll einstimmen auf spätere Lebens- und Berufsrealitäten, und die beginnen bei den allermeisten Menschen nicht erst um 9 Uhr." Auch die neuen Forderungen aus den USA können Kraus nicht umstimmen: "Das gilt nach wie vor."

Chronobiologen, die sich mit den inneren Rhythmen des Lebens befassen, sehen das völlig anders: An vorderster Front kämpft hierzulande Till Roenneberg, Professor an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, für einen späteren Unterrichtsbeginn. In Studien, die derzeit noch am Alsdorfer Dalton-Gymnasium nahe Aachen laufen, untersucht Roennebergs Team, wie sich veränderte Schulrhythmen auf Wohlbefinden und Leistung auswirken. Seit 17 Jahren sammelt die Forschungsgruppe zudem rund um den Globus Daten über das Schlafverhalten des Menschen. Denn obwohl das allnächtliche Abtauchen in einen anderen Bewusstseinszustand uns so selbstverständlich scheint wie das Atmen, gibt es der Wissenschaft noch viele Rätsel auf.

Erst allmählich verstehen Forscher, warum wir überhaupt schlafen. Ausruhen, "auftanken" sind allein jedenfalls keine Erklärung. Denn für den Kopf sind die Stunden auf dem Kissen alles andere als eine passive Phase, wie die Neurowissenschaften inzwischen gezeigt haben. Während das Wachbewusstsein ausgeschaltet ist, werden Nacht für Nacht wichtige Säulen unserer Existenz gestärkt. Dazu gehört die Kontrolle und Verarbeitung von Emotionen. Und auch Gedächtnisinhalte werden "konsolidiert", wie Fachleute sagen. So behalten wir langfristig, was wir im Wachzustand aufgenommen haben und ohne "Konsolidierung" bald wieder verlieren würden. So lernen wir. Beides ist gerade für Jugendliche so wichtig: den richtigen Umgang mit den Gefühlen zu finden und sich Wissen als Fundament für ihr weiteres Leben anzueignen – im Schlaf.

Biologische Taktgeber in uns setzen den Rhythmus. Gehen wir bewusst oder gezwungenermaßen dagegen an, macht uns das Stress und schlimmstenfalls krank. Es ist eine furchterregende Liste, die von den amerikanischen Experten als Bilanz bisheriger Forschung vorgelegt wird. Bei einem chronischen Schlafdefizit verschlechtern sich die Schulnoten und – schlimmer noch – es drohen Fettleibigkeit, Stoffwechselstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Außerdem neigen die Betroffenen zu übermäßig riskantem Verhalten im Alltag, erleiden häufiger Sportverletzungen durch Übermüdung, und auch das Risiko für depressive Verstimmungen oder Suizid steigt. Für all diese Zusammenhänge gibt es belastbare Untersuchungen. Ebenso eindrucksvoll sind die Befunde bei nach hinten verlegtem Schulstart, wie etwa Versuche an einzelnen Schulen zeigten: Durchschnittlich wird länger geschlafen, die Schüler engagieren sich stärker im Unterricht, und auch Verspätungen oder komplettes Fernbleiben gehen zurück. Darüber hinaus konnten eine geringere Reizbarkeit und weniger depressive Symptome festgestellt werden.

Natürlich sind alle Menschen beim Schlafen flexibel

Ideal wäre es, könnten wir ein Leben ganz ohne Wecker führen. Denn dann dürfte jeder Organismus in Harmonie mit sich selbst wachen und schlafen. Die komplexen hormonellen und neuronalen Prozesse, die uns durch Wachen und Schlafen führen, unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Bekanntlich gibt es unter uns frühe Vögel und späte, "Lerchen" und "Eulen". Während die einen schon in der morgendlichen Dämmerung hellwach sind, stecken die anderen den Kopf gern noch einmal ins Gefieder. Dafür sind sie aber auch am Abend noch auf hundert Prozent. Natürlich sind alle Menschen flexibel, wenn es nötig ist, können sie ihren Wach- und Schlafrhythmus anpassen; doch die grundsätzlichen Differenzen der biologischen Uhren scheinen genetisch zementiert zu sein: Fast 80 beteiligte Gene entdeckten britische Forscher vor zwei Jahren, die unsere persönlichen Aktivitätsphasen ein wenig mehr in den Tag oder in die Nacht schieben.

Bei einer bestimmten Mutation im Erbgut, so berichtete ein Team der Rockefeller University in New York vor drei Wochen, kommt die natürliche Müdigkeit sogar nicht vor zwei oder drei Uhr in der Nacht. Es ist also nicht per se ein Zeichen von Faulheit, wenn einige Menschen morgens nicht so leicht aus dem Bett kommen wie andere. Die inneren Uhren dieser beiden "Chronotypen" ticken schon im jugendlichen Alter unterschiedlich. Gerade die "Eulen" also müssten von einem späteren Start in den Unterricht profitieren.

Ab ins Bett: Diese sechs Tipps sorgen für einen erholsamen Schlaf

Doch ist es ein beliebtes Argument der Gegner eines späteren Unterrichtsbeginns, dass der Chronotyp gar nichts damit zu tun habe, wenn Schüler morgens im Unterricht einschlafen und sich nicht konzentrieren können. Sie seien vielmehr selbst schuld und gingen schlicht zu spät ins Bett. Eine im vergangenen Monat publizierte Studie der Universitäten von Surrey und Harvard, die Resultate der Schlafforschung in Computermodelle einfließen ließ, scheint den Kritikern recht zu geben: Die Aussicht auf einen späteren Schulbeginn verführt "Eulen" tatsächlich dazu, noch später ins Bett zu gehen als ohnehin schon. Doch die Ursache dafür ist nicht Disziplinlosigkeit, entlasten die Forscher die Jugendlichen, sondern die Tatsache, dass die Menschheit die Nacht zum Tage gemacht hat. Die abendliche Beleuchtung verschiebt unseren hormonell und neuronal bedingten "Schlafdruck" immer weiter nach hinten. Dabei spielt die Länge der künstlichen Beleuchtung offenbar ebenso eine Rolle wie die Farbe des Lichts. Es ist letztlich unser technisierter Lebensstil, der schon in jungen Jahren zu Schlafproblemen führen kann.

Auch wenn die Verschiebung des Unterrichtsbeginns sicher kein Allheilmittel gegen übermäßigen Lichtkonsum oder den alltäglichen Stress der modernen Gesellschaften ist, so wäre er doch ein hilfreicher erster Schritt, gerade für diejenigen, deren ganzer Organismus sich im Umbau befindet.

Lehrer wie ältere Schüler wollen nicht noch länger in der Schule bleiben

Doch gegen diese ebenso einfache wie pragmatische Lösung stehen Eltern, die einen späteren Schulbeginn mit dem eigenen Beruf nicht in Einklang bringen können. Dagegen stehen Lehrer, die ihre Arbeitszeiten bedroht sehen. Dagegen stehen teilweise auch so banale Dinge wie der starre Fahrplan des Schulbusses, der auf dem Land morgens um sieben die Kinder einsammelt.

Als die vom Berliner Pädagogen und Träger des Deutschen Lehrerpreises Robert Rauh initiierte Aktion schul-gerecht.de versuchte, eine Reform per Onlinepetition durchzubringen, sollten ihr 10 000 Unterzeichner politische Kraft verleihen. Doch nach einem hoffnungsvollen Start war bei 6513 Unterschriften Schluss. Ein wichtiger Grund für das Scheitern, so die Reformer: "Lehrer wie ältere Schüler wollen 'nicht noch länger in der Schule bleiben' und Eltern wissen nicht, wie und wo sie ihre kleinen Kinder morgens bis zum Arbeitsbeginn unterbringen sollen."

Till Roenneberg gibt nicht auf, auch wenn er nicht an einen schnellen Erfolg seiner Überzeugungsarbeit glaubt. Eine nachdrückliche Unterstützerin hat er jedenfalls noch, wie er erzählt: seine Tochter. Die möchte, dass ein Unterrichtsbeginn um neun Uhr morgens in spätestens drei oder vier Jahren durchgedrückt wird. Denn dann kommt Roennebergs Enkelkind in die Schule.

Frühjahrsmüdigkeit