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Auf den Spuren des Spinosaurus: Größer und gewaltiger als Tyrannosaurus rex

Nach langer Suche hat Nizar Ibrahim den Mann gefunden, der besitzt, wovon Paläontologen träumen: Knochen des Spinosaurus - und damit Hinweise auf die Lebensweise des Giganten aus der Kreidezeit.

Von Tom Mueller

Das lebensgroße, zum Teil per 3-D-Drucker angefertigte Spinosaurus-Skelett aus Hartschaum, Harz und Stahl zeigt den Saurier in Schwimmhaltung

Das lebensgroße, zum Teil per 3-D-Drucker angefertigte Spinosaurus-Skelett aus Hartschaum, Harz und Stahl zeigt den Saurier in Schwimmhaltung

Zwischen 1910 und 1914 unternahm Ernst Freiherr Stromer von Reichenbach, ein bayrischer Aristokrat, mehrere Expeditionen in die ägyptische Sahara. Stromer fand die Überreste von Dinosauriern, Krokodilen, Schildkröten und Fischen aus rund 45 verschiedenen Tiergruppen. Darunter waren zwei Teile eines riesigen Raubtiers mit einem meterlangen Kiefer voller ineinandergreifender Zähne. Auf dem Rücken trug der Dino ein fast zwei Meter langes Hautsegel, das durch ungewöhnliche Rippen oder Fortsätze gestützt wurde. Stromer nannte das Tier Spinosaurus aegyptiacus.

Stromers Name selbst geriet in Vergessenheit - bis Nizar Ibrahim als kleiner Junge auf eine Abbildung dieses merkwürdigen Sauriers stieß. Von da an ließen ihn die Saurier nicht mehr los. An der Universität Bristol studierte er Paläontologie - und stieß wieder auf Stromer. Mehrfach kam er nach Erfoud, um dort zu forschen. Im Jahr 2008 zeigte ein Beduine dem damals 26-Jährigen einen Pappkarton mit vier Blöcken auffallend violettfarbenen Gesteins, das von gelben Sedimenten durchzogen war. Aus dem Fels ragte etwas wie der Handknochen eines Dinosauriers, außerdem ein flaches Knochenblatt mit einem ungewöhnlichen Querschnitt. Wenn Fossilien amateurhaft aus ihrem geologischen Umfeld gerissen werden, ist ihr Wert für die Wissenschaft fragwürdig. Ibrahim kaufte sie trotzdem.

Spinosaurus war hoch spezialisiert und ein schwimmender Raubsaurier

Spinosaurus war hoch spezialisiert und ein schwimmender Raubsaurier

Die wahre Bedeutung der Knochen erkannte er erst Jahre später. Bei einem Besuch im Naturhistorischen Museum in Mailand zeigten ihm die Kollegen Cristiano Dal Sasso und Simone Maganuco das Teilskelett eines großen Dinosauriers, das sie kurz zuvor von einem Fossilienhändler erworben hatten. Ibrahim staunte. Das war eindeutig ein Spinosaurus-Skelett, und es war wesentlich vollständiger als Ernst Stromers im Krieg zerstörte Fundstücke.

Neue Antworten auf Spinosaurus-Rätsel

Dal Sasso und Maganuco erzählten, der Fossilienhändler habe sie an einem Ort namens Aferdou N'Chaft unweit von El Begâa in Marokko ausgegraben. Als Ibrahim ein Stück eines Rückendorns hochnahm, sah er den vertrauten Querschnitt.

"Da wurde mir klar, dass die Knochen, die ich selbst in Erfoud gekauft hatte, auch von einem Spinosaurus sein mussten. Ihm kam der Gedanke, dass seine Fossilienfragmente und das Prachtexemplar in Mailand vom selben Tier sein könnten; wäre das so und sollte es ihm gelingen, den Ausgrabungsort der Fossilien zu finden, dann wäre das die Chance, endlich mehr über den Spinosaurus und seine Lebenswelt zu erfahren. Im März 2013 ist er also wieder in Erfoud. Zusammen mit Samir Zouhri von der Université Hassan II in Casablanca und David Martill von der Universität Portsmouth fährt Ibrahim zu mehreren Ausgrabungsorten. Doch niemand scheint die Spinosaurus-Fossilien auf den Fotos wiederzuerkennen. Auch den Beduinen, der sie ihm verkaufte, kennt keiner.

Mutlos schauen sie in das Gewimmel der Passanten, als plötzlich ein Mann mit Schnurrbart vorbeikommt, ganz in Weiß gekleidet. Es ist der Mann, den sie tagelang gesucht haben! Ibrahim, der Arabisch spricht, erklärt ihm, wie wichtig es sei zu wissen, woher die Knochen stammen. Der Beduine hört schweigend zu, dann nickt er: "Okay, ich zeige es Ihnen."

Für Ernst Stromer blieb der Spinosaurus sein Leben lang ein Rätsel. Er schloss, das Tier sei "hoch spezialisiert" gewesen, ohne jedoch sagen zu können, worauf. Mit den neuen Spinosaurus-Knochen und dem genauen Fundort, so hofft Nizar Ibrahim, wird er eine bessere Antwort auf Stromers Rätsel geben können.

Spinosaurus war hoch spezialisiert

Gemeinsam mit Simone Maganuco vom Museum in Mailand und Tyler Keillor, einem Fossilienpräparator und Paläokünstler an der Universität Chicago, machte sich Ibrahim an die digitale Rekonstruktion des Sauriers. Als das Skelett fertig war, umhüllten die Forscher es mit digitaler Haut und errechneten, wo der Mittelpunkt des Körpers war und wo der Schwerpunkt. So konnten sie nachvollziehen, wie das Tier sich bewegte. Das Ergebnis: Anders als alle anderen Raubsaurier, die auf den Hinterbeinen liefen, war der Spinosaurus wohl ein Vierfüßer, der auch die mit Klauen bestückten Vorderbeine zur Fortbewegung einsetzte.

Das passte alles irgendwie noch nicht zusammen. Erst als Ibrahim und seine Kollegen geistig einen Schritt zurücktraten und den Spinosaurus aus einer völlig anderen Perspektive betrachteten, sahen sie es: einen Dinosaurier, der sich die meiste Zeit im Wasser aufhält.

Mit der letzten Phase der Rekonstruktion fügt sich das Puzzle zusammen: Das lebensgroße, zum Teil per 3-D-Drucker angefertigte Spinosaurus-Skelett aus Hartschaum, Harz und Stahl zeigt den Saurier in Schwimmhaltung. So, vermutet Ibrahim, hat er die meiste Zeit verbracht. "Ich wünschte", sagt er, "ich könnte das Modell Ernst Stromer zeigen, damit er sieht, dass er recht hatte. Spinosaurus war hoch spezialisiert. Er war ein schwimmender Raubsaurier. Ich glaube, Stromer hätte sich gefreut."

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