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Eltern-Kind-Beziehung: Weihnachten zeigt, ob wir wirklich erwachsen sind

An Weihnachten mit den Eltern verfallen wir in unsere alte Kindrolle. Der Psychologe Roland Kopp-Wichmann erklärt, wie das unsere Partnerschaft beeinflusst und wie wir Konflikte vermeiden können.

Von Mirja Hammer

Immer noch Mamas Liebling oder ein gestander Mann? An Weihnachten zeigt sich, wie erwachsen wir tatsächlich sind

Immer noch Mamas Liebling oder ein gestander Mann? An Weihnachten zeigt sich, wie erwachsen wir tatsächlich sind

An Weihnachten nach Hause zu fahren, ist für viele wie eine Zeitreise. Eigentlich hat man längst sein eigenes Leben, einen Partner, einen verantwortungsvollen Job - vielleicht auch schon Nachwuchs. Dann kommt man zu den Eltern und wird kurzerhand wieder zum Kind degradiert: Zur Begrüßung wird die neue Frisur kritisiert, die Wange getätschelt und beim Kaffee ungefragt Torte nachgelegt - man solle nur essen, man sei ja so dünn geworden... Psychologe und Paartherapeut Roland Kopp-Wichmann ist der Meinung, dass die Weihnachtstage am deutlichsten zeigen, ob wir wirklich erwachsen geworden sind, oder im Zusammensein mit den Eltern schnell wieder zum Kind von damals werden.

Ungelöste Konflikte treten auf den Plan

"Ob und wie belastend wir das Eltern-Kind-Spiel zu Weihnachten empfinden und ob daraus Streits entstehen, hängt davon ab, ob wir abgelöst sind", so Kopp-Wichmann. Ablösung kann auf zwei Weisen scheitern. Zum einen durch Anpassung, wenn das Kind in der Nähe der Eltern oder gar ganz zu Hause wohnen bleibt. Eltern und Kind finden den engen Kontakt zwar praktisch und gut, doch die mangelnde Ablösung rächt sich häufig, wenn das Kind einen Partner mit in die Familie bringt. Dann muss es sich nämlich erstmals zwischen den Wünschen der Eltern und denen des Partners entscheiden.

Zum anderen misslingt Ablösung durch Rebellion: Diese Kinder können gar nicht schnell und weit genug weg von zu Hause ziehen. Das "rebellische Kind" glaubt, mindestens 400 Kilometer zwischen sich und den Eltern haben zu müssen, um frei atmen zu können. Möglichen Konflikten mit den Eltern kann es so über das Jahr gut ausweichen. An Weihnachten kommen die nicht bearbeiteten Konflikte dann aber mit doppelter Wucht zurück - der Erwachsene rutscht unweigerlich zurück in seine Kindrolle.

"Meine Mutter sagt noch immer, dass ich zu viel esse oder eine unmögliche Frisur habe", erzählt der 66-jährige Therapeut. Keine zehn Minuten zu Hause brauche es, um wieder in der alten Kindrolle zu stecken. Dann wird aus dem 45-jährigen Manager das angepasste Muttersöhnchen oder aus der 29-jährigen Studentin, das freche, rebellische Gör. "Das geschieht vor allem, indem Eltern sich automatisch komplementär zu den einstigen Kinderrollen verhalten", erklärt Kopp-Wichmann. Dann ermahnen sie ihre erwachsenen Kinder, äußern Sorgen und geben Ratschläge. Für die Kinder sind das die Auslöser - spätestens jetzt läuft innerlich der Kindheits-Film ab: Meine Eltern trauen mir nichts zu, meine Eltern kritisieren mich, meine Eltern behandeln mich wie einen trotzigen 13-jährigen Teenager. Genau wie damals! Das nervt, ärgert, verletzt. Alle Jahre wieder. Halleluja!

"Wir meinen es doch nur gut"

Was also tun, um in der Heiligen Nacht keinen Streit vom Zaun zu brechen? Helfen könne da, mit einer entspannten Haltung nach Hause zu fahren und sich klar zu machen, dass die Eltern mit fast allem, was sie sagen, etwas Gutes für einen wollen, rät Kopp-Wichmann. Allerdings braucht es einen gewissen innerlichen Abstand, um zu erkennen, dass der Vater sich eigentlich nur Sorgen macht, wenn er sagt: "Mit der Einstellung findest du nie einen Job".

"Eltern wollen in der Regel immer das Beste für ihr Kind", sagt der Psychologe. Und vor allem Mütter haben oft Schuldgefühle, dass sie irgendwas falsch gemacht haben, wenn bei ihren Kindern etwas schief läuft. Sagt die Mutter zu der frischgetrennten Tochter: "Aber du wolltest doch so gerne Kinder", ist das das Letzte, was man als Tochter gebrauchen kann. Um dann nicht gleich an die Decke zu gehen, hilft zu erkennen, dass dahinter nur die mütterliche Sorge steckt, dass die Tochter unglücklich werden könnte.

"Was hast du denn gegen meine Mutter?"

Bringen Kinder an Weihnachten ihre Partner mit, so zeige sich am eindrücklichsten, ob man erwachsen ist, sagt der Paartherapeut. Er widmete diesem Thema das Buch: "Frauen wollen erwachsene Männer". Ist der Sohn nicht von seinen Eltern abgelöst, dann wird seine Frau Zeugin, wie er sich unterm Weihnachtsbaum wieder zum Kind entwickelt. Sagt die Mutter etwa zum Sohn: "Bei mir schmeckt's dir am besten, oder?" und er bejaht, so wird das seine Partnerin ärgern. Sie hört nämlich, was die Schwiegermutter eigentlich sagen wollte: "Wollen wir mal sehen, wer die bessere Frau in seinem Leben ist".

Ist der Sohn erwachsen und abgelöst, so schafft er hinterher den Rollenwechsel, so der Psychologe. Er weiß, dass seine Mutter das Lob braucht, weil sie den Sohn nicht loslassen kann. Gleichzeitig kann er seiner Partnerin aber vermitteln, dass das nicht gegen sie gerichtet war. Der nichterwachsene Sohn dagegen ist auch innerlich auf der Seite der Mutter. Er versteht partout nicht, warum seine Partnerin immer an ihr herumnörgelt.

Ob Mann und Frau von ihren Eltern abgelöst sind, zeige sich auch dann, wenn sie erkennen, dass es nicht das Weihnachten ihrer Eltern, sondern ihr gemeinsames Weihnachten als Paar ist. Und gemeinsam überlegten, wie sie dieses gestalten wollen. "In Beziehungen geht es immer auch um Loyalitäten. Finden sich Mann und Frau zu einem Paar, zu einer neuen Familie, zusammen, müssen sie die Loyalität zur jeweiligen Herkunftsfamilie reduzieren", sagt Kopp-Wichmann. Diese Entscheidung sei nicht leicht, weshalb sie manche Menschen scheuten - und Scheidungsanwälte in den Wochen nach Weihnachten deutlich mehr zu tun hätten.

"Dein Bruder hat es doch auch geschafft"

Geschwister-Konstellationen sind ebenfalls hochexplosiver Zündstoff für Familenstreits. Ist ein Kind etwa das Lieblingskind der Eltern, so ist das ein nahezu unlösbarer Konflikt, sagt Kopp-Wichmann. "Es hilft nichts, darüber zu sprechen. Denn kein Elternteil wird zugeben, dass es ein Kind dem anderen vorzieht." Eltern seien sich darüber meistens nicht bewusst und überzeugt, dass sie immer alle Kinder gleich lieben - auch wenn das faktisch nicht stimmt.

"Auch hier hilft Akzeptanz", so Kopp-Wichmann. "Akzeptieren, dass der Bruder eben das Lieblingskind ist. Das ist zwar ungerecht, aber man selbst wird es nicht ändern." Abgelöst und erwachsen sein bedeutet dann, das Konkurrenzverhalten, das einen früher verletzt hat, zu erkennen und soweit für sich verarbeitet zu haben, dass man es annehmen kann, ohne es eskalieren zu lassen, sagt der Therapeut. Gut, wer da nicht alleine durch muss. "Wenn der Partner einem bestätigt, dass die Eltern ungerecht sind, oder der Vater ein elendiger Rechthaber ist, dann hat man zumindest die Sicherheit, dass man es sich nicht nur einbildet." Dieser Blickwinkel helfe, den Konflikt zumindest ein Stück weit von sich wegzulenken.

Erwachsen sein heißt, die Wahl zu haben

Bedeutet Weihnachtsfrieden im Wesentlichen also Akzeptanz und Klappe halten? "Erwachsene Kinder haben mehr Handlungsspielraum als ihre Eltern", sagt Kopp-Wichmann. Durch Assessment-Center, Coachings, Blogs, Bücher und Therapien hätten die meisten erwachsenen Kinder in Sachen Psychologie und Kommunikation einen Wissensvorsprung gegenüber ihren Eltern. Diesen sollten sie nutzen. "Wenn es einem Kind gelingt, das Verhalten der Eltern zu reflektieren und den Ärger zu schlucken, dann hat es mehr Möglichkeiten als sein Vater, der sein Verhalten nie hinterfragt hat und immer Recht haben muss."

Erwachsen zu sein bedeutet demnach, wählen zu können, ob man den blöden Spruch der Mutter eskalieren lässt oder sanft das Thema wechselt. "Denn", so Kopp-Wichmann, "eine Beziehung lenkt immer derjenige, der mehr Optionen hat". Um nicht zu sagen: Papa hat Recht, aber der Klügere gibt nach.

Mirja Hammer
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