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Mittelalter Wikinger als Menschenhändler – wie ein irischer Adeliger sich aus der Sklaverei befreite

Szene aus der Dokumentation "In den Fängen der Wikinger"
Szene aus der Dokumentation "In den Fängen der Wikinger"
© Stefan Ludwig Film / PR
Die Wikinger raubten junge Menschen in ganz Europa. Nur ein einziger Sklave beschrieb sein Schicksal. Der junge Findan geriet in die Fänge der Sklavenhändler, weil er seine Schwester freikaufen wollte.

Im Reich von Fantasy und TV-Serien sind die Wikinger weit aufgestiegen. In den Filmen der 1950er-Jahre wurden sie noch als blutrünstige Räuber dargestellt, die sich der edelmütigen Christianisierung trotzig widersetzten. Damals galten sie als die freiheitsliebenden Wildlinge, die sich nicht unter das Joch von Kirche und Adel drücken lassen und deren Frauen die Hände nicht zum demütigen Gebet falten, sondern lieber eine Streitaxt hielten.

Dabei geht etwas unter, dass die Wikinger ein Volk von Händlern waren, sie ihre beste Handelsware aber einfach raubten ("Weltweiter Sklavenhandel – die dunkle Seite der Wikinger"). Mit der Macht der Nordmänner nahm auch der Sklavenhandel zu. Aus der Zeit gibt es nur wenige Schriftquellen. Vom Schicksal eines Sklaven handelt nur eine einzige. Sie wird im "Leben des Heiligen Findan" geschildert und zeigt, wie schrecklich die Sklavenjäger damals Europa heimsuchten.

Findan ist ein junger Adeliger aus Leister. Seine erste Begegnung mit den Nordmännern kommt zustande, nachdem diese seine geliebte Schwester aus dem Dorf entführt hatten. Die suchten damals die Küsten Irlands mit ihren schnellen Booten heim. Die Kleinkönige der Insel führten permanent Krieg gegeneinander. Anstatt die Invasoren abzuwehren, verbündeten sie sich mit den Fremden, um ihren Nachbarn zu schaden. Die Wikinger überfielen das Dorf, als die meisten Krieger auf der Jagd waren. Dann machten sie alle nieder, die keinen Wert für sie hatten. Wertvoll waren vor allem Teenager, Mönche und Frauen. Freier Männer und Krieger wurden häufig umgebracht, da sie als Sklaven zu widerspenstig waren.

Quer durch Europa 

Findan wurde losgeschickt, um seine Schwester mit Lösegeld freizukaufen. Es gab feste Plätze für den Austausch von Sklaven. Der lohnendste Export blonder Sklaven führte in den Osten bis nach Byzanz und Arabien. Dem arabischen Geografen Ibn Fadlan war die Sklaverei nicht unbekannt, aber er war abgestoßen von der Brutalität, mit der die Wikinger die Gefangenen behandelten. Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung, ebenso war es üblich, die Sklaven den Göttern zu opfern. Eine andere Quelle erzählt vom irischen Barden Moriuht und seiner Familie, die von Wikingern gefangen wurden. Die Wikinger urinierten auf den gefangenen Moriuht und vergewaltigten ihn danach gemeinsam.

Irland war eine Drehscheibe für diesen brutalen Handel. Der Skandinavist Rudolf Simek hält die Lebensgeschichte von Findan für authentisch, weil sie von einem irischen Mitbruder verfasst wurde und viele Detail zu Schottland und Irland korrekt wiedergegeben werden. "Beim Sklavenhandel ist die Zahlung von Lösegeld die ideale Lösung für beide Seiten. Die Räuber mussten die Sklaven nicht weit transportieren, die Familie bekommt den versklavten Verwandten relativ schnell zurück", sagte er in der TV-Dokumentation "In den Fängen der Wikinger".

Obwohl Findan das Lösegeld in Silber dabeihatte, ging der Austausch schief. Die Nordmänner gaben die Schwester nicht frei. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Vielleicht war das Mädchen zu schön, um frei gegeben zu werden. Vielleicht waren ihre Fähigkeiten als Heilerin zu wertvoll, um auf sie zu verzichten. Die Dinge liefen nicht wie geplant, statt die Schwester freizubekommen, wurde Findan festgesetzt und sollte selbst versklavt werden. Dazu kam es dann doch nicht. Einige Wikinger wollten nicht, dass man Unterhändler gefangen nahm, denn so würde das Lösegeld-Geschäft unterminiert. Findan wurde also wieder freigelassen.

Findan wurde Heiliger 

Doch seine Freiheit währte nicht lange. Bald darauf wurde er erneut versklavt und auf die Orkneyinseln gebracht. Da geriet der spätere Heilige in die nächste brenzlige Situation. Als sich die Besatzung seines Schiffes am Strand ausruhen wollte, kamen andere Wikinger hinzu. Schnell entbrannte ein tödlicher Streit, denn die Familien der Anführer lagen miteinander in Blutfehde. Der angekettete Findan ergriff eine Axt und kämpfte an der Seite seiner "Besitzer". Seine Vita betont ausdrücklich, dass er die Gefahr nicht scheute und seinem Herrn treu sein wollte und ihm sogar das Leben rettete. So erlangte Findan seine Freiheit wieder. Sein turbulentes Leben endete als freiwillig eingeschlossener Mönch im schweizerischen Kloster Rheinau. Darum wurde seine Lebensgeschichte, die "Vita Findani", überhaupt aufgezeichnet.

Fiktional aufgepeppt

Die TV-Dokumentation "In den Fängen der Wikinger" rekonstruiert  mit fiktionalen Elementen die Geschichte von Findan und seiner Schwester, indem er die dürftigen Einzelheiten zur Schwester aus der Vita mit der Figur der Melkorka verschmilzt. Ihr Leben schildert eine isländischen Saga aus dem 13. Jahrhundert. Die irische Prinzessin Melkorka wurde als Sklavin nach Island verschleppt. Frauen waren bei Siedlern begehrt. Island wurde von skandinavischen Männern besiedelt, die meisten Frauen stammten aber aus Irland. Sie alle wurden gefangen und verschleppt. Melkorka gab als Widerstand gegen ihre Sklaverei vor, stumm zu sein, und erst nachdem sie ihrem Besitzer ein Kind geboren hatte, wurde ihr edler Stammbaum entdeckt.

 Findan und Melkorka wurden versklavt, aber letztlich noch halbwegs anständig behandelt. Das Schicksal von Findans echter Schwester ist unbekannt, es ist gut möglich, dass ihr Leben weit schlechter verlief als das von Melkorka. In Ballateare auf der Isle of Man findet sich das Grab eines reichen Wikingers mit vielen Besitztümern. Unter seinen Schätzen war auch eine junge Frau. Sie wurde mit einem Schlag auf den Schädel getötet und die Leiche dann mit den anderen Schätzen ausgestellt. Die Sklavin wurde nicht an der Seite des Wikingers begraben, sondern gemeinsam mit den Knochen seine Tiere verscharrt.

Quellen: "The Viking Slave Trade", "In den Fängen der Wikinger".

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