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TV Doku Wikinger-Kriegerinnen – die verleugneten Amazonen aus dem Norden

In der TV-Dokumentation wurde die Kriegerin in Anlehnung an einen berühmten Wikinger "Erika, die Rote" genannt.
In der TV-Dokumentation wurde die Kriegerin in Anlehnung an einen berühmten Wikinger "Erika, die Rote" genannt.
© National Geographic
Das Gesicht einer Wikingerin wurde rekonstruiert. Die Kriegerin wurde inmitten ihrer Waffen beigesetzt. Doch obwohl das Skelett Spuren der Kämpfe trug, billigte die männlich dominierte Geschichtswissenschaft ihr nie den Status einer Kriegerin zu.

In der populären Kultur sind und waren die Wikingerinnen alles andere als friedliche Hausfrauen. In der erfolgreichen TV-Serie Vikings spielen die Männer fürchterliche Recken – doch die Nord-Frauen stehen ihnen in nichts nach. Brutale Morde und entschlossene Kämpfe gehen auf ihr Konto. Die Zuschauer lieben Szenen, in denen die baumlange, wütende Gunnhild auf die Gegner einschlägt und die weichenden Männer um sie herum als Feiglinge beschimpft: "Was stimmt mit euch nicht? Die Götter sehen uns zu! Wollt ihr nicht nach Walhalla?"

In der TV-Dokumentation wurde die Kriegerin in Anlehnung an einen berühmten Wikinger "Erika, die Rote" genannt.
In der TV-Dokumentation wurde die Kriegerin in Anlehnung an einen berühmten Wikinger "Erika, die Rote" genannt.
© National Geographic

Keine verlässlichen Quellen

Die männlich dominierte Wissenschaft war da viel skeptischer. Zwar gibt es zahlreiche Belege kämpfender Frauen – aber sie lebten in einer fantastischen Welt. Diese Frauen waren Walküren und gewaltigen Riesinnen und keine Menschen aus Fleisch und Blut. In diesen Quellen konnten auch Götter Einlass in eine Hütte begehren, Geister die Menschen verfolgen und gestaltwandlerische Dämonen die Form einer Frau annehmen. Ein realistisches Zeugnis ist das genau so wenig, wie die gewappnete Jungfrau Modgud, die in der Mythologie die goldene Brücke über den Todesfluss bewacht.

Systematisch ignoriert

Gab es doch Hinweise auf bewaffnete Kriegerinnen, dann wurden sie systematisch ignoriert.  Einem gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdecktes Kriegergrab mit dem sogenannten Birka-Skelett wurde trotz deutlicher Hinweise immer wieder abgesprochen, dass es sich bei der bestatteten Person um eine Frau handeln konnte.

Offenbar war das Unbehagen an der Vorstellung einer bewaffneten Frau groß. Erst mehrere DNA-Analysen des Erbguts brachten die Zweifler zum Schweigen. Eine Untersuchung, die 2019 in "Antiquity" veröffentlicht wurde, stellte endgültig klar: In dem Kriegergrab aus dem 10. Jahrhundert lag tatsächlich eine Frau. "Die Bestattete hat immer zwei X-Chromosomen getragen, auch wenn diese Tatsache vor unserer Arbeit unbekannt war", sagen die Autoren der Untersuchung, "die Bewohnerin dieses Grabes wird nie wieder als biologisch männlich gelten."

Dokumentation von "National Geographic"

"National Geographic" hat eine Dokumentation über die kriegerischen Nordfrauen und die Geschichte ihres Vergessens ausgestrahlt. Allmählich tauchen die Kriegerinnen aus dem Dunkel des Vergessens. Für die Sendung haben britische Forscher das Gesicht einer anderen Frau rekonstruiert, die inmitten gewaltigen Sammlung von Waffen beigesetzt wurde. Die Knochen stammen von einem Skelett, das auf einem Wikingerfriedhof in Solør, Norwegen, gefunden wurde.

Heute liegen sie im Osloer Museum für Kulturgeschichte. Beim Birka-Skelett gingen die -männlichen - Entdecker davon aus, das Skelett müsse von einem Mann stammen, da sie so viele Waffen fanden. Beim Skelett aus Solør wusste man schnell, dass die Tote eine Frau war. Doch den Status einer Kriegerin wollte man ihr nicht zugestehen, obwohl sie mit ihrem Schwert, einem Speer, einer Axt und Pfeilen begraben wurde. Ihr Kopf wurde auf dem Schild gebettet.

Wunde auf der Stirn

Doch auch hier sind neue Beweise aufgetaucht. Bei der Rekonstruktion des Gesichtes wurde festgestellt, dass die Frau eine Verletzung von einem Schwert davongetragen hatte. Man kann allerdings nichts sagen, ob die Wunde zum Tod geführt hat – denn der Schlag hat die Stirn nicht gespalten, sondern eine große Delle hinterlassen.

Al-Shamahi, Spezialistin für alte menschliche Überreste und Expertin der TV-Dokumentation, sagte dem "Guardian", dass dies "der erste Beweis überhaupt für eine Wikingerfrau mit einer Kampfverletzung" ist. "Ich bin so aufgeregt, weil dies ein Gesicht ist, das seit 1000 Jahren nicht mehr gesehen wurde.... Sie ist plötzlich wirklich real geworden."

Doch wie realistisch sind solche Rekonstruktionen? Dr. Caroline Erolin arbeitete an dem Gesicht der Wikingerin. Sie sagte: "Die Rekonstruktion ist nie zu 100 Prozent genau." Doch die Methode sei so exakt, dass bei anderen Fällen die aufgebauten Gesichter von Personen sicher erkannt werden, die die Toten gekannt hatten, als sie noch lebten.

Offene Fragen bleiben

Die Frauen aus beiden Gräbern dürften kaum einfache Kämpfer gewesen sein. Dafür sind Bestattung und Grabbeigaben viel zu wertvoll. Es spricht viel dafür, dass sie Anführerinnen waren. Wie diese Frauen gekämpft haben, ist derzeit noch vollkommen unklar. Bei der klassischen Formation der Wikinger, dem Schildwall, sind Gewicht und Kondition der Kämpfer entscheidend, wenn die Reihen aufeinanderprallen.

Dass die Frauen wie Gunnhild aus der Serie mit Kettenhemd, schwerem Schild und langem Schwert kämpften, dürfte eher unwahrscheinlich sein. Al-Shamahi vermutet, dass die Frauen auf dem Rücken von Pferden mit Pfeil und Bogen an den Kämpfen teilnahmen.

"Viking Warrior Women" wird am 3. Dezember veröffentlicht.

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