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Für Master-Studenten Erstmals in Deutschland: Uni Hamburg bietet Yogastudien an

Dozent führt eine Yoga-Pose auf einem Tisch vor
Ein Dozent eines Sanskrit-Sprachkurses an der Universität Hamburg führt während einer Unterrichtsstunde eine Yoga-Pose vor. Im neuen Master-Studiengang steht vor allem die altindische Sprache im Vordergrund.
© Svenja Ohlen
Im Master-Studiengang "Sprachen und Kulturen Indiens und Tibets" der Universität Hamburg können Studenten ab dem Wintersemester erstmals die Fachrichtung Yogastudien wählen. Was sie erwartet? Sehr viele Texte – und interkultureller Austausch.

Mit Beginn des neuen Wintersemesters können Studenten in Deutschland erstmals Yogastudien im Master wählen. Die Universität Hamburg ist weltweit die vierte Hochschule, die die Fachrichtung in ihr Angebot aufnimmt. Ähnliche Studiengänge gibt es bisher in Kalifornien, Venedig und London. In der britischen Hauptstadt hat Corinna Lhoir, Lehrbeauftragte und Doktorandin, ihren Master gemacht. "Nach meiner Ausbildung zur Yogalehrerin habe ich mir gewünscht, mehr fundierte Informationen zu bekommen", erzählt die 53-Jährige. Das Spirituelle werde ohne die Hintergründe, ohne die entsprechenden Texte, vermittelt. Ihr fehlten die wissenschaftlichen Grundlagen.

Yogastudien legen den Fokus auf Textarbeit

Gleichzeitig beobachtete Professor Michael Zimmermann, Buddhismuskundler an der Universität Hamburg, eine wegweisende Entwicklung: Vor 16 Jahren hätten überwiegend Buddhisten seine Sanskrit-Kurse besucht, um die altindische Sprache zu erlernen. Inzwischen seien seine Schüler fast ausschließlich Yoga-Interessierte. "Da konnte man sehr schön die Entstehung eines Trends sehen", sagt er. "Und eine Universität steht auch in der Pflicht, diese gesellschaftlichen Trends einzugliedern." Zusammen riefen die beiden den wissenschaftlichen Schwerpunkt Yogastudien ins Leben. Eingegliedert ist die neue Fachrichtung am Afrika-Asien-Institut in der Abteilung Indien und Tibet.

In den vier Master-Semestern geht es vor allem um Sprache und Texte. Es handelt sich um ein theoretisches Studium. "Was man nicht lernt, ist, wie man korrekt Asanas ausrichtet", betont Corrina Lhoir. "Der Schwerpunkt liegt auf dem Philologischen, also dem Sprachlichen." Die Studenten lernen, wie man mit alten Texten arbeitet, was bei der Übersetzung beachtet werden muss und wie man mit Manuskripten umgeht. Alle wichtigen Yoga-Texte seien fast ausschließlich auf Sanskrit verfasst worden. "Diese lesen wir im Original", erzählt die Doktorandin. Neben den Yoga-Texten sollen die Studenten auch Literatur aus den indischen Philosophien und dem Buddhismus lesen. Immerhin sei der Buddhismus "eine bedeutende Wurzel des Yoga, bei der man sehr viele Parallelen entdecken kann“.

"Yoga kann man nicht ohne Indien verstehen"

Deshalb sind solide Sprachkenntnisse die Grundvoraussetzung, um sich auf die Fachrichtung spezialisieren zu können. "Wir verlangen ein Basiswissen in Sanskrit. Leute, die den Master studieren, müssen in der Lage sein, die Texte zu lesen", erklärt Corinna Lhoir. Dieses Niveau entspreche in der Regel zwei Jahren Sanskrit-Studium bzw. 20 ECTS-Punkten. Ebenfalls hilfreich sei ein Bachelor im Bereich Sprachen und Kulturen Indiens und Tibets. "Yoga ist über Jahrhunderte im indischen Kulturraum entstanden und geprägt von der Sprache, den Denkweisen, der Kultur", zählt Michael Zimmermann auf. Deshalb könne man die Grundprinzipien des Yoga nur verstehen, wenn man den indischen Subkontinent verstehe.

Zwei indische Männer sitzen in traditioneller Kleidung auf dem Boden
Um die Ursprünge und die vielen Wurzeln des Yoga verstehen zu können, muss man Indien verstehen, meint Buddhismus-Experte Michael Zimmermann.
© Corinna Lhoir

Beiden Dozenten ist ein offenes Mindset wichtig. "Yoga ist keine statische Religion, sondern hat – wie jedes andere kulturelle Phänomen – Entwicklungen durchlaufen", sagt der Wissenschaftler. Die Studenten sollten die Bereitschaft zeigen, sich auf diese Entwicklungen einzulassen. "Der Studiengang eignet sich für Leute, die sich gerne mit Yoga befassen, praktisch vielleicht schon einiges mitbringen und sich nun für den Überbau interessieren, der über das hinausgeht, was man in der Ausbildung zum Yogalehrer gelernt hat", fügt Corinna Lhoir hinzu. Die Studenten sollen die Quelle kennenlernen, damit sie nachschlagen können, was wirklich in den Yoga-Texten steht und den Zusammenhang mit den damaligen gesellschaftlichen Entwicklungen verstehen.

Aufklärung in die Yoga-Szene bringen

Corinna Lhoir wünscht sich, auf lange Sicht Aufklärung in die Yoga-Szene zu bringen, "Yoga aus der esoterischen Schmuddelecke zu ziehen". Sie möchte Informationen und Wissen verbreiten, auf das man sich faktengetreu berufen kann. "Yoga wird gerne verwässert", bedauert sie. Die Studenten sollen am Ende in der Lage sein, zu unterscheiden: Was steckt wirklich hinter der Yoga-Philosophie der alten Schriften? Und was ist nur Interpretation von ein paar wenigen Leuten, die damit Geld machen wollen? "Wir wollen den Studenten nicht vorschreiben, wie sie Yoga zu praktizieren haben oder was sie glauben sollen", betont die 53-Jährige. Das Zentrum für Yogastudien verstehe sich als wissenschaftlichen Mittler, der durch die neutrale Vorgehensweise das Hintergrundwissen liefern will.

"Ein wesentlicher Bestandteil des Studiengangs ist die Auseinandersetzung mit dem Religiösen, gerade im Hinblick auf den Buddhismus. Wir argumentieren aber immer faktenbasiert und mit Toleranz in den Diskussionen", erläutert Corinna Lhoir. "Wir sind für alles offen, aber wir einigen uns auf die wissenschaftliche Herangehensweise." Offen ist der Studiengang, sofern man die Voraussetzungen erfüllt, tatsächlich für Menschen auf der ganzen Welt. Der Master wird auf Englisch unterrichtet und kann vollständig online studiert werden.

Der Austausch, glaubt die Doktorandin, wird mit den größten Lerneffekt haben. "Wir werden viel diskutieren und dabei voneinander lernen", prophezeit sie. Traditionell habe man in den Studiengängen im Bereich Indien und Tibet eine hohe Quote internationaler Studenten, berichtet Michael Zimmermann. Deshalb seien die Yogastudien nicht nur ein rein sprachliches Studium. "Durch die hohe Internationalität erlernt man kulturelle Toleranz und kulturelles Feingefühl im Umgang mit anderen Nationen oder Religionen."

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