HOME

Zuwanderung von Bulgaren und Rumänen: Doppelt ausgebeutet

Das hessische Offenbach ist ein Brennpunkt der Zuwanderung, Bulgaren und Rumänen suchen ihr Glück - und finden McJobs und überteuerte, vergammelte Wohnungen. Zu Besuch in einem Hinterhof.

Von Sonja Jordans

Mit der Flasche geschlagen: Mustafa und Irina in ihrer 25-Quadratmeter-Wohnung in Offenbach

Mit der Flasche geschlagen: Mustafa und Irina in ihrer 25-Quadratmeter-Wohnung in Offenbach

Das Fleckchen Hoffnung misst 45 Quadratmeter und riecht nach Schimmel. Doch Mustafa, 34, und Darina, 44, haben keine Wahl: Entweder sie leben hier, in einem heruntergekommenen Hinterhaus inmitten der Offenbacher Innenstadt und haben Arbeit, oder sie leben in ihrer Heimat Bulgarien - und haben nichts. "Zu Hause hatte ich zwar eine Eigentumswohnung", erzählt Darina. "Aber es gab keine Arbeit, und ohne Arbeit kann man keine Wohnung bezahlen." Also ging Darina vor fünf Jahren nach Deutschland. In Offenbach fand sie eine Stelle als Zimmermädchen. Ob sie glücklich ist? "Na ja", sagt sie und blickt sich um. "Aber Hauptsache Arbeit."

So denkt auch Mustafa, der vor knapp einem Jahr zureiste. Er arbeitet auf Baustellen - schwarz. Fünf bis acht Euro pro Stunde bekommen Männer wie er. "Aber nicht selten werden sie nach der Arbeit ohne Bezahlung davongejagt", sagt Marcus Schenk vom Quartiersmanagement der Stadt. Auch Mustafa ist das passiert. "Als ich nach meinem Geld fragte, hat mich der Chef mit einer Flasche geschlagen", erzählt er und deutet auf eine Narbe am Kopf. Auf die Frage, wer so etwas macht, lächelt Mustafa gequält. Die Dolmetscherin nickt wissend, als er weiterredet: "Leute, die auch mal als Zuwanderer kamen", übersetzt die Frau. Das kennt sie schon.

Der Horror nach Feierabend

Das hessische Offenbach zählt zu jenen Großstädten in Deutschland, die bei Zuwanderern aus Südosteuropa besonders beliebt sind: 2007 kamen rund 300 Menschen aus Bulgarien, 2013 waren es schon mehr als 2600. Da seit Anfang des Jahres in gesamt Europa die sogenannte "Arbeitnehmerfreizügigkeit" herrscht, also jeder EU-Bürger - theoretisch - in jedem EU-Land arbeiten darf, dürfte die Zahl weiter ansteigen. "Noch ist das kein Problem", sagt Sozialdezernent Felix Schwenke. Aber er weiß, dass es eins werden könnte. "Wenn die Zuwanderer irgendwann in größerem Umfang Hartz IV beantragen, haben wir ein Problem." Deswegen hat Schwenke mit Vertretern von 15 anderen Städten aus Deutschland einen an die Bundesregierung adressierten "Brandbrief" unterzeichnet. Die Kommunen fordern darin finanzielle Unterstützung, um die zu erwartenden Kosten für Zuwanderer aus Südosteuropa abfedern zu können. Offenbach hat eine Milliarde Schulden, Tendenz steigend, die Stadt muss einen harten Sparkurs fahren.

Die Menschen, die gemeinsam im Hinterhof wohnen, arbeiten alle, wenn auch häufig schwarz und zu miserablen Konditionen. Der wahre Horror jedoch beginnt nach Feierabend. Mustafa und Darina haben versucht, es sich gemütlich zu machen, die Wohnung ist sauber und aufgeräumt. Auf dem Sofa liegt eine Wolldecke, den Tisch ziert eine bunte Decke, im Flur lehnt ein Spiegel an der Wand. Trotzdem lässt sich ihre Behausung so gar nicht mit der allgemeinen Vorstellung des Begriffs "Wohnung" in Einklang bringen. "Es ist feucht und schimmelig", sagt Mustafa. Kälte kriecht hinein, doch die Fenster müssen geöffnet bleiben. "Sonst wird es noch schlimmer", sagt er. Eine Heizung gibt es nicht, nur im Wohnzimmer steht ein Holzofen. Im Bad ist es eisig, durch die löchrige Holzdecke pfeift der Wind. In der Küche schwappt Abwasser nach oben. Strom kommt über abenteuerlich anmutenden Kabelkonstruktionen von den Nachbarn: ein Notbehelf, denn eine eigene Versorgung hat die Wohnung nicht. Die Miete - 800 Euro - umfasse auch die Kosten für Strom, sagt das Paar. "Doch der Vermieter hat nichts abgeführt", ärgert sich Mustafa.

Eldorado für Ungeziefer: feuchte und schimmlige Wohnungen

Eldorado für Ungeziefer: feuchte und schimmlige Wohnungen

Vier Menschen auf 15 Quadratmeter

Im ersten Stock sieht es nicht besser aus. Dort wohnt Iliyana mit ihrem Ehemann und dem elfjährigen Sohn. Die Familie hat zwar Strom, aber weder Heizung noch Küche - trotz 450 Euro Kaltmiete für 50 Quadratmeter. "Dafür haben wir Haustiere", sagt die 29-Jährige mit Galgenhumor: Ungeziefer hat sich im Haus breitgemacht, Holzwürmer, Kakerlaken und Ratten mögen das feuchte Gemäuer. Dass das Leben hier besser sein soll als in Bulgarien, ist schwer vorstellbar. "Natürlich nicht", sagt Iliyana, die seit sieben Jahren in Deutschland lebt und als Spielhallenaufsicht angestellt ist. "Aber wir haben dort keine Arbeit." Außerdem seien die Schulen in Deutschland besser. "Und mein Sohn soll etwas Vernünftiges lernen, damit er später gute Arbeit findet."

Auf demselben Stockwerk lebt eine weitere bulgarische Kleinfamilie: Bagtishyan, 28, ihr Mann und zwei Kindern - auf 15 Quadratmetern. 560 Euro warm zahlt die Familie, Bad und Küche liegen auf dem Flur, sie müssen sich die Nutzräume mit anderen Mietern teilen. Ein Foto in Bagtishyans Verschlag erinnert an bessere Tage: Sie und ihr Mann lachend auf einem Dorffest. Die 28-Jährige würde gerne zurück, sie ist hochschwanger und erwartet ihr drittes Kind.

Einwanderer beuten Einwanderer aus

Vernünftige Wohnungen lassen sich auf dem fast leergefegten Immobilienmarkt im Rhein-Main-Gebiet kaum finden, bestätigt Eleonora, die in Offenbach eine Selbsthilfegruppe für Bulgaren leitet. "Wenn normale Vermieter hören, dass Bulgaren einziehen wollen, wird es schwierig", erzählt sie. "Dann denken sie, die würden keine Miete bezahlen und alles dreckig machen." Woher diese Angst kommt, weiß Eleonora, sie kennt die einschlägigen Bilder aus dem Fernsehen. "Diejenigen, die sich so benehmen, sind Minderheiten, und die haben sich auch schon in Bulgarien so verhalten", betont Eleonora. Doch diese Erkenntnis hilft den Wohnungssuchenden in der Praxis wenig.

Deswegen sind Bagtishyan, Mustafa und Darina in die Schrottimmobilie im Offenbacher Hinterhof gezogen. Deren Eigentümer ist selbst ein Zuwanderer: zu besichtigen ist eine Art Parallelgesellschaft, in der Zuwanderer Zuwanderer ausbeuten. "Das hören wir immer wieder", sagt Quartiersmanager Schenk. Gegen den Eigentümer der Hinterhofwohnungen würden Bußgeldverfahren laufen, meint Schenk: "Wir gehen dagegen vor." Doch mit der Not der Menschen ließe sich eben auch viel Geld verdienen. "Und das wird immer wieder ausgenutzt."

Der Wind pfeift durch die Decke: das Badezimmer von Darina und Mustafa

Der Wind pfeift durch die Decke: das Badezimmer von Darina und Mustafa

Out of Offenbach

Lösungen haben weder Quartiersmanager Schenk noch Sozialdezernent Schwenke zu bieten. Nur Sorgen. In der Innenstadt, sagt Schenk, hätten bereits 70 Prozent der Einwohner Migrationshintergrund. Bulgaren wählen Offenbach gern aus, weil viele türkischstämmig sind und sie sich leicht unter den bereits zugewanderten Türken zurechtfinden, allein schon aufgrund der gemeinsamen Sprache. Zudem gibt es noch freie Wohnungen, andernorts wäre die Suche illusorisch. Sozialdezernent Schwenke sagt, die Integration funktioniere in seiner Stadt. "Offenbach ist nicht Duisburg." Aber er weiß nicht, wie er weitere Hilfen finanzieren soll, auch die Sozialkosten steigen.

Bagtishyan, Mustafa, Darina und die Mitbewohner haben keine Erwartungen, sie schlagen sich durchs Leben, auch mit illegaler Schwarzarbeit. Aber sie haben einen Traum: "Dass es bald wieder Arbeit in Bulgarien gibt." Sie würden Offenbach gerne wieder verlassen.