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"Stealthing"-Protokoll Vater wider Willen - so wurde Alex M. das Opfer einer sexuellen Intrige

Gegen seinen Willen
© Getty Images
Eine Frau verführt einen jungen Mann. Und wird schwanger. Unfall, sagt sie. Absicht, sagt er. Und fühlt sich von Gesetz und Gesellschaft im Stich gelassen. 
Von Andreas Albes

Sie stand mit einer Flasche Rotwein vor seiner Tür, trug Jeans, ein leichtes Oberteil, nichts Übertriebenes. Sie sah gut aus. Er öffnete die Flasche, holte Gläser, sie schenkte ein. Schon die ersten Schlucke stiegen ihm zu Kopf, er war im Marathon-Training, hatte seit Wochen keinen Alkohol getrunken. Alex M.* erinnert sich, wie sie noch auf dem Sofa begann, sein Hemd aufzuknöpfen. Sie sei so vehement, so fordernd gewesen, wie er es noch nie bei einer Frau erlebt hatte. "Dazu ihre Sprache, ein wenig vulgär."

Nach dem dritten Glas Rotwein war er fast nackt. Sie bewunderte seinen trainierten Körper, zog ihn ins Schlafzimmer. Es war nicht schwer zu finden in seiner Studentenwohnung. Auch im Bett habe sie das Kommando behalten, sagt er. Nur, dass sie ein Kondom benutzen würden, darauf habe er bestanden. Er kramte es aus dem Nachtkästchen hervor, streifte es über. Dann setzte sie sich auf ihn.

Es waren Minuten der Leidenschaft, die Alex M.s Leben auf den Kopf stellten und ihn unglücklich machten. Weil die Frau, mit der er schlief, so behauptet Alex M., die Verhütung manipulierte und ihn belog. Jetzt ist er Vater, wider Willen.

Seit drei Jahren beherrscht die #MeToo-Debatte den Umgang der Geschlechter. Seit dem Skandal um Filmproduzent Harvey Weinstein, der seine Macht missbrauchte, um sich Frauen gefügig zu machen. Oder dem amerikanischen Investmentbanker Jeffrey Epstein, der sich mit Geld und Einfluss ein ganzes Netzwerk junger Frauen aufbaute, die er offenbar missbrauchte und mutmaßlich sogar an hochrangige Freunde verlieh. Millionen Frauen haben in den vergangenen Jahren den #MeToo-Hashtag geteilt und schilderten, wie sie von Partnern, Kollegen, Vorgesetzten misshandelt, ausgenutzt oder durch anzügliche Bemerkungen sexuell erniedrigt wurden. Fast immer sind Männer die Täter. Doch was, wenn ein Mann, noch dazu einer, der alles andere als wehrlos wirkt, Opfer einer sexuellen Intrige wird?

Ein Mann, der auf eine attraktive Frau reinfällt, ist immer auch selbst schuld. Aber eine Frau, die darauf spekuliert, nicht weniger. Wäre das, was Alex M. schildert, einer Frau zugestoßen, müsste der Täter mit einer Haftstrafe rechnen. Und dann ist da natürlich die Frage der Glaubwürdigkeit. Alles geschah hinter verschlossenen Türen ohne Anwe­senheit Dritter. Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? Ist dies vielleicht ein Einzelfall, der eine Lücke in der Rechtsprechung offenlegt, wohl gar zu einer Gesetzesnovelle führen könnte? Oder ist individuelles Unrecht schlicht unvermeidbar?

Alex M.’ Geschichte beginnt vor gut zwei Jahren. Er ist damals 27 und hat ein Profil auf der Dating-Plattform Bumble. Fotos zeigen ihn, wie er eine steile Felswand erklimmt, beim Zieleinlauf eines Marathons, entspannt in einer Hängematte. Ein Typ wie Barbies Ken: markantes Kinn, breites Lächeln. Er gibt an, dass er die Natur liebt, gern kocht und bei offenem Fenster schläft, dass er gerade in Wirtschaftswissenschaften promoviert und vier Fremdsprachen beherrscht. Es ist das Profil eines scheinbar makellosen jungen Mannes. Wer Alex M. kennenlernt, stellt schnell fest: Nichts davon ist gelogen.

Alex M.
Mit Fotos wie diesem stellte sich Alex M. auf der Dating-Plattform Bumble vor
© Privat

Die Frau, die er heute beschuldigt, kontaktiert ihn im Mai 2018. Nennen wir sie Karin R. Hochgewachsen, schlank, blond, ihr Gesicht erinnert ein wenig an die frühere Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf. Karin R. ist zu jener Zeit 41. Also 14 Jahre älter als Alex M. Er hat noch nie etwas mit einer älteren Frau gehabt. Er ist gerade Single, reagiert zögerlich. Karin R. versichert, sie sehe noch "sehr jung" aus und habe "ganz reine Haut". Sie treffen sich zum Spaziergang im Englischen Garten in München, stellen fest, dass sie auf dasselbe Gymnasium gegangen sind und sogar noch denselben Französischlehrer hatten, das bietet Stoff für heitere Gespräche.

"Keine Sorge, ich bin sauber"

Nach einer weiteren Begegnung, einem Abendessen, fliegt Karin R. in den Urlaub. Zu Zärtlichkeiten ist es bisher nicht gekommen.

Anfang Juli ist sie zurück und meldet sich bei Alex M. Er schildert sie als "sehr beharrlich", sie habe unbedingt noch am selben Tag vorbeikommen wollen. Sie müssten auf seinen bevorstehenden Geburtstag anstoßen. Und auf die Eigentumswohnung, die sie gerade gekauft hat. Karin R. ist nicht unvermögend, sie arbeitet bei einem deutschen Konzern und besitzt bereits eine Wohnung in Schwabing. Schließlich schickt sie Alex M. noch ein Foto. Darauf kniet sie auf einer Strandliege, ihr Gesicht ist nicht zu erkennen. Im Bild dominiert ihr Hintern.

Sie verabreden sich für 20 Uhr. Der weitere Verlauf des Abends geschieht wie anfangs geschildert. Gut 15 Minuten dauert der Sex. Woran sich Alex M. besonders erinnert: Wie entschieden sie zunächst ein Kondom ablehnte. Und dass sie "die ganze Zeit mit der Hand nachhalf", während sie auf ihm saß. Nach seinem Höhepunkt habe sie sich auf den Rücken fallen lassen, ihre Knie zur Brust gezogen und sei eine Weile einfach so dagelegen. Erst da entdeckte Alex M., dass er kein Kondom mehr trug. Es lag auf dem Boden. Alles war so schnell gegangen.

"Ich habe damals nichts kapiert", sagt er beim Gespräch in einem Studentencafé. "Nicht, warum sie mir die ganze Zeit nachschenkte, während sie selbst nur an ihrem Wein genippt hat. Und auch nicht, was diese komische Position wie ein Maikäfer auf dem Rücken sollte. Heute weiß ich, dass das befruchtungsfördernd wirkt." Zunächst habe er sich aber ganz andere Sorgen gemacht: "Ich hatte Angst, dass ich mich mit irgendwas angesteckt haben könnte. Sie meinte, ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, sie sei sauber. Immer wieder: Ich bin sauber." Seine Bitte, zur Apotheke zu fahren für die "Pille danach", habe sie abgelehnt. Sie nehme die normale Pille. "Dann hat sie sich angezogen, ihre Autoschlüssel geschnappt. Weg war sie."

Bis 2016 war in Deutschland für ein Sexualdelikt entscheidend, dass das Opfer durch "Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben" dem Täter "schutzlos ausgeliefert" ist. Dieses generationenalte Gesetz stellte kaum etwas von dem unter Strafe, was wir im #MeToo-Zeitalter als unerträglich empfinden. Dinge wie Grapschen, Anzüglichkeiten, das Ausnutzen einer Vorgesetztenstellung, um Sex zu ­erzwingen. Dann kam die Strafrechtsreform nach dem Prinzip "Nein heißt Nein". Heute lautet ­Paragraf 177 StGB: "Wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt …, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft."

Kondom
Ein Mann, der auf eine attraktive Frau reinfällt, ist immer auch selbst schuld. Aber eine Frau, ­die darauf ­spekuliert, nicht weniger
© Urs Siedentop & Co / Stocksy United

Darunter kann auch das Entfernen eines Kondoms gegen den Willen des Partners fallen. "Stealthing" genannt, vom englischen Wort "stealth", List. In Berlin gab es vor zwei Jahren den ersten Stealthing-­Prozess. Ein Polizist wurde erst zu acht, in der Revision dann zu sechs Monaten auf Bewährung und 3100 Euro Geldstrafe verurteilt, weil er sich beim Sex mit einer jungen Frau heimlich das Kondom abzog. Wobei der Beamte noch Glück hatte. Das Gericht hätte ihn ebenso wegen Vergewaltigung verurteilen können. Durch das Eindringen des Mannes in den Körper der Frau gegen ihren erkennbaren Willen wäre die Voraussetzung dafür erfüllt gewesen.

"Nicht vom Stuhl fallen... Du wirst Vater"

An jenem Abend wusste Alex M. noch nicht einmal, was Stealthing ist. Er rief einen Freund an, um sich das Erlebte von der Seele zu reden. Am nächsten Morgen ging er zum Urologen, ließ sich auf Geschlechtskrankheiten testen. Und ein paar Wochen später auf HIV. Das Ergebnis war negativ, die Affäre damit vergessen. Bis sich Karin R. nach gut zwei Monaten erneut bei ihm meldete, es klang dringend. Sie trafen sich im Literaturhaus. Alex M. fragte: "Was gibt’s Neues?" Sie zögerte: "Nicht vom Stuhl fallen, halt dich fest. Du wirst Vater."

"Danach musste ich erst mal vor die Tür", sagt Alex M. "Durchatmen. Als ich wieder rein bin, habe ich sie gebeten, über einen Schwangerschaftsabbruch nachzudenken. Aber das kam für sie nicht infrage. Sie habe bereits einen Mutterpass und freue sich auf das Kind." In einer Mail am kommenden Tag schrieb sie: "Die Situation, die sich jetzt ergeben hat, ist weder ideal, noch war sie geplant. Nichtsdestotrotz ist sie jetzt da. Es liegt in unserer Hand, wie wir die Sache gestalten."

Alex M. beschuldigt Karin R., ihn als Samenspender missbraucht zu haben. Er glaubt, sie habe während des Geschlechtsverkehrs mit voller Absicht das Kondom abgezogen. Ihr Ziel sei von Anfang an gewesen, schwanger zu werden. Er ist überzeugt, dass sie im Internet "gezielt nach dem perfekten Genpool gesucht hat, um sich mit 41 noch einmal den Wunsch zu erfüllen, Mutter zu werden".

"Es fühlt sich an, als hätte mir jemand meine Identität geraubt", sagt Alex M. "Einen Teil meines Lebens. Seit ich von der Schwangerschaft wusste, hatte ich Schlafstörungen. Ich habe meine Dissertation vernachlässigt, meine Freunde, mein Training. Wenn man so perfide reingelegt wurde, hinterlässt das eine lähmende Ohnmacht."

Der stern hat versucht, Karin R. telefonisch zu den Vorwürfen zu befragen. Und dabei ausdrücklich betont, dass ihre Identität anonym bleibt. Karin R. bat um einen erneuten Anruf in fünf Minuten. Dann erklärte sie, sie werde das Gespräch aufzeichnen und ihrem Anwalt übergeben. Sie ließ sich die Vorwürfe von Alex M. detailliert schildern, fragte mehrfach nach, weigerte sich jedoch, Stellung zu nehmen.

Im Februar 2019 brachte Karin R. einen Sohn zur Welt. Ein Vaterschaftstest beseitigte jeden Zweifel. Wenig später kam das Jugendamt auf Alex M. zu, um Unterhalt für das Kind einzufordern: Bei seinem Einkommen als wissenschaftlicher Mitarbeiter (2400 Euro netto) rund 350 Euro im Monat. Der Betrag steigt mit seinem Verdienst. Außerdem verlangt Karin R.s private Krankenversicherung, dass er die Beiträge für das Kind übernimmt: etwa 160 Euro im Monat. Und er sollte für Zusatzbehandlungen während der Schwangerschaft aufkommen. Zwölf Monate nach der Geburt des Kindes hatten sich die Ausgaben auf ziemlich genau 6250 Euro summiert.

Dass Karin R. finanziell wesentlich besser gestellt ist, spielt bei den ­Forderungen keine Rolle. Sie hat Eltern­zeit genommen, ist vorübergehend ohne Einkommen durch ihren Arbeitgeber. Als Alex M. dem Jugendamt seine finanzielle Situation darlegte, war der einzige Rat: Setzen Sie am besten gleich ein zweites Kind in die Welt, das reduziert den Unterhalt für das erste. Bis zum dritten Geburtstag ihres gemeinsamen Sohnes hat Karin R. sogar das Recht, von Alex M. Unterstützung für sich zu verlangen. Im Bürokratenjargon heißt es: Diesen Anspruch geltend zu machen, obliegt der Mutter. Sie hat noch nicht entschieden.

"Zahlen und schweigen Sie"

"Dass ich Unterhalt zahlen muss, habe ich ja längst akzeptiert", sagt Alex M. Der Gesetzgeber lässt da auch keinen Spielraum. Das Kindeswohl steht über allem. Vor dem Münchner Landgericht wurde ein Vater zu Unterhaltszahlungen verurteilt, dessen Ex-Frau seine Unterschrift fälschte, um sich mit seinem eingefrorenen Sperma befruchten zu lassen. Womit sich Alex M. dagegen nicht abfinden will, sind die Mauern, gegen die er rennt, wenn er seine Geschichte erzählt. "Mir scheint, unsere Gesellschaft und unsere Gesetze sind nicht dafür gemacht, dass es bei sexuellem Missbrauch auch einen Mann treffen kann. Ich fühle mich total alleingelassen."

Die für seinen Fall zuständige Betreuerin vom Jugendamt sagte ihm: "Ich stehe hinter dem Kind und neben der Mutter." Bei "pro familia" wurde er mit einer Juristin verbunden, die ihm erklärte, sie würde die Interessen von Männern grundsätzlich nicht vertreten. In diversen Männergruppen hieß es, mit Fällen wie seinem habe man keine Erfahrung, wahrscheinlich würden Betroffene aus Scham schweigen. Eine befreundete Staatsanwältin meinte, jeder Rechtsstreit sei aussichtslos, die Gerichte würden sich auf die Seite der Mutter stellen. Trotzdem suchte Alex M. einen bekannten Münchner Strafrechtler auf. Der rutschte nur unruhig auf seinem Sessel hin und her: Um Gottes willen keine Klage! Nachher drehe die Kindsmutter den Spieß noch um und behaupte, sie sei von ihm vergewaltigt worden. Sein Rat: "Zahlen und schweigen."

Doch schweigen will Alex M. nicht. Er hofft, sein Fall könne dazu führen, die existierenden Gesetze anzupassen, damit es künftig Betroffenen nicht ähnlich ergeht wie ihm. Er schrieb eine E-Mail mit allen Details an Ministerien und Rechtsexperten verschiedener Parteien. Die Resonanz war riesig. ­Sogar die ehem­alige Familienministerin Kristina Schröder antwortete ihm. Inzwischen liegt sein Fall beim Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages. Und dort auf dem Schreibtisch von Alexander Hoffmann, unionsinterner Spezialist für Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

Kondom
Er müsste Beweisen, dass Sie den Plan hatte, schwanger zu werden
© Adobe Stock

Hoffmann sitzt in seinem Büro im Berliner Abgeordnetenhaus, umgeben von Familienfotos. Er hat schon mit Alex M. telefoniert, über eine Stunde. "Aus einem Gespräch Eindrücke hinsichtlich der Glaubwürdigkeit zu gewinnen, ist natürlich schwierig", sagt er. "Aber ich hatte schon das Gefühl, da ist jemand verzweifelt." Der Fall werde nun vom Rechtsausschuss geprüft, weil man immer sehen müsse, ob gesetzlicher Regulierungsbedarf besteht, wenn sich gesellschaftspolitisch etwas ändert. Allerdings, sagt Hoffmann, sehe er wenig Chancen. "Der reformierte 177 StGB erfasst den Tatbestand des heimlichen Abziehens eines Kondoms." Das Problem sei wie so oft die Beweisbarkeit.

Um vor Gericht überhaupt eine Aussicht auf Erfolg zu haben, müsste Alex M. mindestens nachweisen, dass er nicht das erste Opfer war, bei dem Karin R. Stealthing versuchte. Oder er müsste herausfinden, ob in ihrem Freundeskreis bekannt war, dass sie für eine Schwangerschaft auch unlautere Mittel anwenden würde. Doch Alex M. und Karin R. haben keine gemeinsamen Bekannten. Welche zu finden ist schwer. Ihre Profile in den sozialen Medien, Facebook, Linkedin, Xing, sind inzwischen gelöscht.

Alex M. will sich jetzt wieder auf seine Dissertation konzentrieren und abwarten, welche Forderungen vom Jugendamt noch auf ihn zukommen. Sein Vater hat ihm geraten, die Sache auch positiv zu sehen: Vielleicht werde sein Sohn ja ein toller Junge, und er könne eines Tages mit ihm Fußball spielen.

Vor drei Monaten hat sich Alex M. noch einmal mit Karin R. verab­redet, um seinen Sohn kennen­zulernen. Der Junge schlief, Alex M. betrachtete ihn lange. Er sagt: "Ich war irgendwie erleichtert, dass er mir nicht ähnlich sieht."

* Zum Schutz aller Beteiligten dieser Geschichte wurden die Namen geändert. 

Erschienen in stern 33/2020

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